Am 27. Mai dieses Jahres wäre der Literaturwissenschaftler Peter Szondi 75 Jahre alt geworden. Unter den Gratulationsartikeln zum Fünfundsiebzigsten, die dieses Jahr etwa Hans Magnus Enzensberger oder Jürgen Habermas gelten werden, wird man indes einen für Peter Szondi nicht lesen. Szondi, der in Budapest geboren wurde und 15-jährig über Bergen-Belsen in die Schweiz gelangt war, hat sich am 18. Oktober 1971 in Berlin für den Freitod entschieden, nach einem Leben, das ihn in nur 42 Jahren so bekannt gemacht hat, wie man es als Literaturwissenschaftler nur werden konnte.

Eher vergessen ist, dass er auch ausgiebig in einer Gattung publizierte, die einen zwiespältigen Ruf genießt: Er war, wie die Redaktionsarchive der ZEIT und der FAZ bezeugen, ein ergiebiger Leserbriefschreiber. Und er hebt sich dabei mit seiner Bissigkeit und Unerbittlichkeit, mit seinem bekannten Ernst und seinem weniger bekannten kaustischen Witz wohltuend von der laschen Ironie ab, mit der heute manche verbissen versuchen, keinesfalls verbissen zu wirken.

Die schönsten seiner Leserbriefe sind oft nur einen Satz lang. Sie orientieren sich gleichsam an der "Ein-Satz-Enzyklopädie", die Szondi privat führte und in der zu Heidegger etwa vermerkt war, er sei der Erfinder des Wortspiels, bei dem man nicht lachen müsse. Aber auch seine ernstesten, mit moralischem Impetus geschriebenen Leserbriefe verraten in ihrer Pointiertheit die Herkunft aus der Pointe.

Einem anderen Leserbriefschreiber beschied Szondi etwa 1966 in der ZEIT: "Herr Studienassessor Kopplin in Plettenberg, der Walter Boehlich den Rat meint geben zu müssen, ‚mit etwas mehr wissenschaftlicher Gründlichkeit und Präzision‘ zu studieren, ‚wie man einen Bumerang auf Autoritäten schleudert, ohne dass er zurückkommt‘, sei darauf aufmerksam gemacht, dass ein Bumerang, der zurückkommt, allen Anforderungen der Präzision genügt."

Und ein Kritiker dieser Zeitung, der mit Uwe Johnson etwas rasch fertig geworden war, bekam zu lesen: "Wann wird Marcel Reich-Ranicki einsehen, dass ein Erzähler, dessen Held in Leipzig ‚zum Frühstück keine Eier erhalten kann und auf seine Wäsche vierzehn Tage warten muss‘, darum noch nicht ‚auf dieser Ebene‘ ‚mit der Welt zwischen der Elbe und der Oder‘ sich ‚auseinandersetzt‘?"

Die meisten der Leserbriefe Szondis haben die Aufarbeitung der NS-Zeit oder die Studentenrevolte und die Universitätsreform zum Thema. Viele richten sich gegen die Unaufrichtigkeit und den Selbstbetrug, denen Szondi eine verhängnisvolle Rolle in der deutschen Geschichte zuschrieb. Sie sind deshalb geprägt von der Leidenschaft des peniblen und luziden Differenzierens, die für ihn das Herz der Philologie war, von der er aber durchaus auch politischen, die intellektuelle Redlichkeit und die moralische Integrität betreffenden Gebrauch machte.

Keiner war so berühmt wie der offene Brief, mit dem Szondi sich 1970 in der ZEIT und in der FAZ für die studentische Lernfreiheit in die Schanze schlug. Keiner war so umstritten wie die Replik auf Hans E. Holthusen, der Celans Wendung von den "Mühlen des Todes" als "in X-Beliebigkeiten schwelgende Genitivmetapher" abqualifiziert hatte – in der gleichen FAZ, in der auch zu lesen war, dass die Wendung dem Wortschatz Eichmanns entstammte.