RomanVom Sinn der Nutzlosigkeit

Mit seinem Romandebüt zeigt der Schriftsteller Xu Xing, wie sich Freiheit in China heute leben lässt von 

In Peking beginnt der Mai mit sieben Feiertagen. Dann blüht das Leben in den alten Arbeitersiedlungen. Unter duftenden Akazien spielen Männer Schach, Frauen verlegen die Küchenarbeit nach draußen, Jugendliche spielen Federball. Inmitten des lustigen Treibens, im Keller eines gewöhnlichen Backsteinbaus der Mao-Zeit, wohnt der Schriftsteller Xu Xing. "Heute ist ein Glücksdatum, der 6. Mai. In allen Gaststätten werden Hochzeiten gefeiert", erklärt Xu zur Begrüßung. Also haben der Schriftsteller und seine Partnerin das Essen selbst zubereitet: er das in Sojasoße und Reiswein gedünstete Rindfleisch, sie ein in den Nationalfarben Rot-Gelb glänzendes Tomaten-Ei-Gericht. Dazu gibt es starken grünen Tee aus braunen Tonschälchen. Zu einer Unterhaltung, die von der Frage, wie man in Peking auf illegalen Märkten Gemüse kauft, bis zur Dialektik Hegels reicht. Leicht entsteht so der Eindruck, Xu würde sein Pekinger Dasein genießen.

Doch weit gefehlt. "Für einen Schriftsteller", sagt Xu, weiße Turnschuhe, rotes Polohemd, das Fahrrad vor der Haustür, "muss die Welt schrecklich sein." Also spricht er, nachdem Schalen und Stäbchen weggeräumt sind, von Thomas Mann und Franz Kafka. Doch warum müssen Schriftsteller auch in China unglücklich sein? An diesem Punkt wird Xu ernst: Drei Jahre habe er im Exil in Deutschland verbracht, nur um zu erkennen, dass dort nicht das Paradies herrsche und China sich vom Westen keine einfachen Lösungen erhoffen könne. Seither glaube er, dass China nach Kontinuität mit eigenen Traditionen suchen müsse. Ohne Kontinuität keine Zukunft. Doch was geschehe? "Das Auto ist ein typisches Beispiel", erklärt Xu. "Alle warnen vor der Verkehrs- und Umweltkatastrophe, doch die westlichen Autofirmen kommen nach China, und jeder Chinese kauft sich ein westliches Auto. Wir müssen den Teufel, der in dieser Entwicklung steckt, unter Kontrolle bringen."

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Das sind Auffassungen, für die Xu bislang nicht bekannt ist. Denn es heißt, Xu sei ein Autor ohne Auffassungen – Mann ohne Wurzeln, Schriftsteller ohne Botschaft, Revolutionär ohne Ziele. Darauf beruht auch sein beträchtlicher literarischer Ruhm in der Volksrepublik. Xu haftet der Mythos an, Chinas erster Postmoderner gewesen zu sein, unsozial, zynisch, von der Kommunistischen Partei als "unnützer Mensch" beschimpft. Dazu beigetragen hat, dass Xu seit einem ersten, gefeierten und bereits 1985 in Peking erschienenen Prosaband Variationen ohne Thema nichts mehr geschrieben hat – bis auf sein jetzt auf Deutsch und zuvor Französisch veröffentlichtes Romandebüt, das es nicht auf Chinesisch gibt.

So ist Xu für den chinesischen Leser immer noch derjenige, der er 1985 war: der Studienabbrecher, der seine Liebe zu einer Violistin opfert, weil sie von ihm die Karriere verlangt. Oder der junge Ausbrecher, der mit dem Fahrrad auf Abenteuersuche geht. Jedenfalls einer, der sich von nichts und niemanden einfangen lässt. "Kleine Schlägereien, Diebstähle, Mädchengeschichten – das waren unsere Lebenserfahrungen, die wir bei Xu Xing wiederfanden", sagt Wang Shuo, Autor zahlreicher schnoddriger Alltagsromane, der heute Chinas meistgelesener zeitgenössischer Schriftsteller ist. Wang macht keinen Hehl daraus, ein Bewunderer Xus zu sein. "Sein Einfluss kann nicht unterschätzt werden. Viele junge Autoren schreiben heute in dem gleichen Stil, den er erfand", glaubt Wang.

Auch Xus neuer Roman beginnt in der Jugend. Zwei Freunde sind unterwegs auf Fahrradtour durch China. Sie sind der Auffassung, dass sich in ihnen "Unfähigkeit, Unwissenheit und Nutzlosigkeit der ganzen Menschheit vereinen", doch merkt man bald, dass die beiden alle Sinne frei und offen haben für Land und Leute um sie herum. Mal überlisten sie einen kommunistischen Dorfbürgermeister, mal helfen sie einer Frau, die während einer Busfahrt sexuell belästigt wird, mal springen sie bei Dreharbeiten in einem Film als Statisten ein, um sich am Nachstellen einer Vergewaltigung zu erfreuen. So erzählt Xu von einer ebenso unbefangenen wie abenteuerreichen Entdeckungsreise durch das von Kommunistischer Partei und Kapitalismus inzwischen gleichermaßen geprägte China. Wobei der Autor seinem eigenen Mythos, gegen die großen gesellschaftlichen Fragen gleichgültig zu sein, kaum noch gerecht wird. Xu räumt das gern ein: "Meine Romanfiguren sehen die Probleme gelassen, aber sie besitzen ein Gefühl für Gerechtigkeit und haben ihre eigenen Wertvorstellungen."

Hier liegt ein häufiges Missverständnis bei der Rezeption von Xus Werk im Westen. Seine Texte seien "Unterwanderungen einer aufklärerischen Vernunft", in ihnen gebe es nichts, was Bestand habe, heißt es im Nachwort der deutschen Übersetzerin. So versucht man einen unter den Bedingungen der KP-Diktatur Schreibenden für die westliche Philosophiedebatte zu instrumentalisieren. In Wirklichkeit aber fliehen Xus vagabundierende Helden vor dem Zynismus der KP-Vernunft, nicht vor der Aufklärung schlechthin. Dabei eint die zwei Freunde eine große innerliche Beständigkeit: Sie unternehmen alles nur Denkbare, um sich nicht selbst zu verleugnen. Dass ihnen das gelingt, dass ihnen auf der Reise sogar "Menschlichkeit und ehrliche Nutten" begegnen, zeugt vom sorgfältigen Blick des Autors. Er zeichnet nicht nur diskriminierende Alltagswelten nach, sondern auch die Freiheit seiner Zeitgenossen, ihnen zu entkommen.

Es ist eine Mischung aus frecher Naivität à la Huckleberry Finn und politischer Respektlosigkeit à la Simplicissimus, die Xu nicht nur seinen Romanfiguren schenkt, sondern auch in seinem eigenen Leben zu wahren sucht. Standhaft wehrt er sich gegen Vereinnahmungen. "Ich will nicht in die Falle der intellektuellen Exilchinesen treten, die den Mangel an Demokratie in China kritisieren. Denn es handelt sich um einen ideologischen Diskurs, der an Unehrlichkeit grenzt, weil sich China trotz allem entwickelt", sagt Xu. Doch zugleich muss er hinnehmen, dass sein Roman in China der Selbstzensur im Verlagswesen zum Opfer fällt. "Man hat mir nahe gelegt, die Kapitel über Tibet neu zu schreiben." Dazu sei er nicht bereit. Wozu sonst würde es sich lohnen, die alte Kellerwohnung im Pekinger Arbeiterviertel für umgerechnet neun Euro Monatsmiete zu halten, statt in ein modernes Hochhaus-Appartement mit Frühstücksbar und Badewanne zu ziehen?

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