Gesundheitsreform von untenSeite 2/2
Von den Wartenden wurde jede Nation mit Applaus bedacht. Denn ohne Käufer gäbe es irgendwann kein Probeliegen mehr.
Nur wenige der Stammgäste können sich die 2450 Euro teure Liege leisten. Viele von ihnen sind arbeitslos oder Frührentner. »Die wirtschaftliche Lage in Berlin ist sehr, sehr schlecht«, sagt Lee, der selbst Anfang des Jahres zwei Monate lang auf sein Gehalt verzichtet hat. Trotzdem eröffnete im April eine Filiale in Berlin-Spandau, eine weitere in Berlin-Lichtenberg ist geplant. Laut Lee bezahlen die Besucher »nicht mit Geld, sondern mit dem Mund«: indem sie Freunden, Nachbarn, Verwandten und Kollegen von der Liege erzählen.
Man könnte die Beliebtheit der Liege auf die Gesundheitsreform schieben, schließlich sparen die Besucher nicht nur die Praxisgebühr für den Orthopäden, sondern auch die Rezeptgebühr für die Massagen. Doch das allein erklärt den Ansturm nicht. »Man lernt eine Menge über den Körper – und nebenbei Deutsch«, sagt eine türkische Dame. Auch die ritualisierten Abläufe, die von ferne an Thomas Manns Zauberberg erinnern, haben ihren Reiz.
Das Hinlegen auf dem Ceragem Master ist eine Kunst für sich. Zunächst muss man sich mit einem Knubbel arrangieren, der mitten in der Liege den Platz versperrt. Es ist der »interne Projektor«, ein beheizter Schlitten aus geschliffenen Jadekugeln, der die Wirbelsäule biegt und streckt. Dann ist da noch der »externe Projektor«, eine Art Eierkarton, den man zwecks Infrarotbestrahlung auf den Bauch oder andere Problemzonen legt. Ist das Kunststück des Hinlegens gemeistert, drücken die Eingeweihten auf die »Auto«-Taste – und schließen für 40 Minuten die Augen.
- Datum 27.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.05.2004 Nr.23
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