medizin Gastrecht für den FeindSeite 2/2

Nun birgt auch das Bostoner Verfahren Gefahren. Wieder müssen die Patienten vorab bestrahlt werden und erhalten giftige Chemotherapeutika. „Wir wissen nicht, ob die Patienten auf Dauer eine erhöhte Krebsrate haben werden“, sagt Sykes, „man muss weitere Versuche vorsichtig angehen.“ Immerhin gibt es schon einen Patienten, der wegen eines Krebses auf dieselbe Weise behandelt wurde und seit fünfeinhalb Jahren ohne immunhemmende Pharmazeutika und ohne Nebenwirkungen durchhält.

Eine andere Methode zur Toleranzinduktion wird zurzeit an der Universität Kiel vom Transplantationschirurgen Fred Fändrich getestet. Hier übertragen die Ärzte mit dem Spenderorgan auch vorbehandelte Immunzellen aus der Spendermilz. Durch die innige Vereinigung von Spender- und Empfängerimmunzellen soll das Abwehrsystem des Empfängers lernen, das neue Organ zu tolerieren. Eine erste Patientin lebt seit drei Wochen ohne immunhemmende Medikamente. „Das ist aber noch zu kurz, um von Toleranz zu sprechen“, warnt Fändrich. Weitere Ergebnisse werden im nächsten Jahr erwartet. Die EU hat Fändrichs Team und anderen Arbeitsgruppen in Mailand und Brüssel inzwischen zehn Millionen Euro Fördergelder für ein europäisches Toleranznetzwerk bewilligt.

Doch auch wenn es erste Hinweise gibt, dass die Toleranz im Prinzip funktioniert, gibt es keine Entwarnung. Denn leider ist nicht sicher, ob die Toleranzinduktion bei jedem wirkt, und es ist unklar, wie lange sie anhält. So beobachteten Wissenschaftler bei Mäusen, dass schon ein banaler Virusinfekt aus dem freundschaftlichen Verhältnis von Fremd- und Eigenorganen plötzlich eine zerrüttete Beziehung machen kann. Das vorübergehend tolerierte Organ wird abgestoßen, der Patient braucht wieder Immunsuppressiva. Aber über solche Dinge redet man in der Toleranzszene genauso ungern, wie man mit voreiliger Berichterstattung Hoffnungen unter Patienten schüren möchte. Dafür, sagt Sykes, sei es noch zu früh. Vorerst bauen die Transplanteure daher auch auf bessere Medikamente. Neue Therapeutika, die in Boston vorgestellt wurden, ziehen angeblich seltener Tumoren, weniger Virusinfektionen und geringere Diabetesraten nach sich. Pharmaforscher feilen an Pillen, die künftig vielleicht gezielt die Organabstoßung lahm legen, Infektabwehr und Tumorüberwachung aber intakt lassen.

Auch Randall Morris war einmal begeistert von der Idee der Toleranzinduktion. Aber mehr als an irgendeinem Medikament sei in den letzten 50 Jahren an der Toleranz gearbeitet worden. „Und was hatten wir davon?“, fragt Morris. „Wir wissen, dass es möglich ist, aber es ist klinisch nicht anwendbar, weil die Wirkung zu unberechenbar ist.“ Novartis habe deshalb millionenschwere Programme mit Tierorganen und auch die Arbeit an der Toleranzinduktion gestoppt.

Morris setzt auf gezieltere, nebenwirkungsärmere Unterdrückung des Immunsystems. „Die Toleranzinduktion wäre für den Patienten eine tolle Sache“, sagt Morris, „für das Pharmageschäft natürlich nicht.“

 
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