Ein Religionskrieg? In Nigeria? Der Präsident sah den Reporter so befremdet an, als wolle er sagen: Von welchem Land reden Sie eigentlich? Aber Olusegun Obasanjo, der Staatschef von Nigeria, antwortete natürlich staatsmännisch – und bagatellisierte die blutigen Zusammenstöße zwischen Christen und Muslimen. "Leider gibt es immer ein paar schlechte Leute, die ihre Konflikte gewaltsam austragen." Ein paar schlechte Leute? Im Norden des Landes brannten Kirchen und Moscheen, Tausende waren bei Pogromen und Plünderorgien ums Leben gekommen, Tausende auf der Flucht.

Drei Jahre sind seither vergangen, und vermutlich würde Obasanjo sein damaliges Urteil heute selber revidieren. Vorige Woche trat er nämlich mit höchst besorgter Miene vor das Fernsehpublikum, warnte vor einem "wechselseitigen Völkermord" zwischen Muslimen und Christen und verhängte den Ausnahmezustand über den Plateau State, ein Bundesland im Herzen der Republik. Was war geschehen?

Im Februar brachten Mordbrenner in der Stadt Yelwa 49 Menschen um, die in einer Kirche Schutz gesucht hatten. Die Täter waren Muslime vom Volk der Haussa-Fulani, viele unter ihnen Hirten und Viehzüchter. Die Opfer waren Christen, Ackerbauern, die zur kleineren Ethnie der Tarok gehören. Zwischen ihnen tobt ein erbitterter Streit um Land. Die christlichen Milizen wählten den 2. Mai für ihren Rachefeldzug, einen Sonntag. Sie massakrierten nach Angaben des Roten Kreuzes 500 bis 600 Muslime.

Unter Weihrauchschwaden in Ekstase tanzen

Die Massenmorde, erklärte der mächtige Imam der islamischen Hochburg Kano, seien Teil einer westlichen Verschwörung gegen Allah und seine Anhänger. Der entfesselte Mob ging sogleich auf Christenjagd. Wer an Straßensperren keine Koransure aufsagen konnte, musste um sein Leben fürchten. Dutzende von "Ungläubigen" wurden gelyncht. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, aber in Europa oder Amerika interessieren sie ohnehin niemanden. Samuel P. Huntingtons Krieg der Kulturen, über den man dort gerne räsoniert, findet anderswo statt, im Irak, in Afghanistan, im Elendsgürtel um Paris. Die nackten Zahlen aber belegen, dass dieser Krieg in Nigeria schon vor Jahren ausgebrochen ist. Man schätzt, dass er seit 1999 über 10000 Menschenleben gekostet hat. Zum Vergleich: Seit Beginn der zweiten Intifada in Palästina im Jahre 2000 starben auf beiden Seiten rund 4000 Menschen.

Aber Nigeria schafft es nur in unsere Schlagzeilen, wenn eine geschiedene Frau wie Amina Lawal schwanger wird und wegen Ehebruchs gesteinigt werden soll. Solche Meldungen sind dann nur eine Bestätigung all der Gewissheiten, die wir über den Islam zu haben glauben, über die besessenen Imame und Mullahs, die den Menschen ihr barbarisches Gesetz, die Scharia, aufzwingen. Weniger bekannt ist, dass in dieser Weltgegend auch fundamentalistische Christen seit Jahren einen Kreuzzug führen. Südlich der Sahara, im kargen, glutheißen Kontinentalgürtel, der sich vom Senegal bis hinüber nach Dschibuti zieht, prallen Schwarzafrika und Arabien, Islam und Christentum aufeinander. Im Sudan wird der Bürgerkrieg seit Jahrzehnten von religiösem Kanonendonner begleitet. Das einstige Musterland Elfenbeinküste zerschnitt der Bruderkrieg in einen muslimischen Norden und einen christlichen Süden. Benue, Taraba, Bauchi, Nassarawa oder Plateau, die nigerianischen Bundesstaaten, die Präsident Obasanjo in seinem Fernsehappell aufgelistet hat, gleichen multiethnischen Pulverfässern, die durch religiöse Zündeleien in die Luft gehen könnten. Man würde die Explosionen vermutlich auch in Europa hören. Denn sie könnten den Riesen Nigeria mit seinen weit über hundert Millionen Einwohnern zerfetzen.

Um sich eine Vorstellung von der jüngsten christlichen Missionsoffensive zu machen, muss man den Expressway von der Megastadt Lagos hinauf nach Ibadan nehmen. Die Einheimischen haben ihn "Autobahn der Kirchen" getauft. Man fährt vorbei an unzähligen Riesenschildern und kunstvoll gemalten Reklametafeln. Es sind gleichsam die Feldzeichen in der Schlacht um die Seelen. Sie weisen nach rechts und links zu gewaltigen Hallen, manche so groß wie Hangars. Über den Eingängen prangt "Berg des Feuers und der Wunder" oder "Botschaft Christi" oder "Redemption Camp", "Lager der Erlösung". An Sonn- und Feiertagen ziehen sie wie Magneten Hunderttausende von Gläubigen an.