nigeria Die Mähdrescher GottesSeite 4/4
So könnte bald auch in Orten, wo die Gläubigen noch friedlich nebeneinander leben, der Teufel los sein. Oder der Scheitan, je nachdem, durch welche Religionsbrille man schaut. Es muss nur ein Imam durchdrehen. Oder ein Erlöser wie Reinhard Bonnke auftauchen. Als er 1991 in Kano ernten wollte, kam es zu schweren Unruhen. Bonnke musste unter Polizeischutz die Stadt verlassen.
Wer stiehlt, wird verstümmelt, wer fremdgeht, gesteinigt
Heute würde ein Auftritt des Jesussektenpapstes zur Katastrophe führen. Denn die muslimische Mehrheit im Norden wird gegen Andersgläubige aufgehetzt von einer Oberschicht, deren Macht seit dem Ende der Militärdiktatur erodiert. Früher hatte sie die Bundesregierung, das Militär, die Ölmilliarden Nigerias kontrolliert. 1999 wurde zum ersten Mal ein Mann des Südens zum Präsidenten gewählt, Olusegun Obasanjo, ein Yoruba, ein wiedergeborener Christ. Der Norden antwortete prompt. Der Gouverneur von Zamfara führte die orthodoxe Variante der Scharia wieder ein, und die muslimischen Amtskollegen aus zwölf weiteren Bundesstaaten taten es ihm nach – eine religionspolitische Waffe im Widerstand gegen die Zentralregierung in Abuja. Das islamische Recht gilt de facto auch für Christen und Atheisten. Wer Alkohol trinkt, wird ausgepeitscht. Wer fremd geht, wird gesteinigt. Wer stiehlt, wird verstümmelt.
Die Islamisierung der Gesellschaft hatte überall dort verheerende Folgen, wo Christen und Muslime, Yoruba, Haussa-Fulani, Igbo und kleinere Ethnien nebeneinander leben und in einem von der korrupten Elite geplünderten Staat um knappe Ressourcen und Lebenschancen konkurrieren. Vielerorts kam es zu offenen Straßenschlachten, Verfolgungen, schließlich zur Segregation. In Großstädten wie Kano oder Kaduna sind die Wohnviertel unterdessen nach Ethnien und Religionen getrennt.
Der alte animistische Götterglaube hat da keinen Platz mehr. „Wir werden von beiden Seiten bekämpft“, klagt Fatai Shittu, der Kustode des heiligen Haines von Oshogbo. „Die Christen und die Muslime halten unsere Naturreligion für Satanskult.“ Shittu führt uns in den tiefen, dämmrigen Dschungel. Es zirpt und sirrt, wispert und raunt. Jeder Baum, jede Blume, jedes Tier in diesem Sanktuarium wird von einer Gottheit beseelt.
Da ist sie! Osun, Göttin des Flusses, Patronin des Waldes. Eine dicke, drollige, bemooste Gestalt, die lächelnd ihre Arme ausbreitet. Selbst Mr. Sunday, der Chauffeur, ist von der Anmut der steinernen Figur beeindruckt. Auch er ahnt bei ihrem Anblick, dass es gelassener und toleranter zugehen würde, wenn die Menschen noch die Götter der Ahnen verehren würden. Wenn es den Religionswahn nicht gäbe, den christliche und muslimische Extremisten über ihr Land gebracht haben.
- Datum 27.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.05.2004 Nr.23
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