Pop Der Mann, der Gott vergeben hat
Auch im Alter wollen die Schmerzen der Jugend nicht vergehen. Wie der Musiker Morrissey seiner Schwermut Flügel verleiht
Montag: Erniedrigung. Dienstag: Beklemmung. Mittwoch: Selbstgerechtigkeit. Donnerstag: heulendes Elend. Das Leben, das Steven Patrick Morrissey besingt, möchte man nicht führen müssen. Alle 24 Stunden eine Niederlage, registriert mit der Nüchternheit eines Buchhalters, und kein billiges Vergnügen in Sicht. Am Freitag, wo andere ins Wochenende starten, hadert die schöne Seele noch immer mit ihrem Schicksal. Trost spendet allein der hochfahrende Refrain:
Der Mann, der Gott vergab – bescheidener ist Morrissey in seinen Vierzigern nicht geworden. Die Schläfen sind ergraut, die Gesamterscheinung spielt ins Gediegene, doch wie in alten Tagen äußert sich die Kunst, Morrissey zu sein, in der theatralischen Weigerung, sich mit dem Rest der Welt gemein zu machen. Auf dem Cover von You Are The Quarry, dem Album, das seine Rückkehr aus dem kalifornischen Exil begleitet, posiert er mit Nadelstreifenanzug und Knarre, ganz der feingeistige Terrorist, der ihm in seinen Träumen vorschwebt. Dass wir diesen Film schon einmal gesehen haben, seiner sogar ein wenig überdrüssig sind, ist eine Kleinigkeit, die einen wie ihn nicht schrecken kann.
Mit vorgehaltenem Revolver
Morrisseys Qualität besteht darin, es trotzdem zu tun. Die Popmythen sind entzaubert? Dann muss man sie eben reanimieren. Die Geste ist abgeschmackt? Dann wird sie mit tödlicher Gewissheit ins Herz treffen. Keiner versteht sich so gut wie Morrissey auf das Wachküssen von Möglichkeiten, die im Abgelegten schlummern. Peinlichkeit war ihm dabei noch nie ein Problem, und mangelnde Juvenilität ist ihm am allerwenigsten vorzuwerfen. Während die große weite Welt des Populären zunehmend aus jungen Erwachsenen besteht, die Rebellion mimen und sich ansonsten brav nach der Decke strecken, arbeitet er sich mit schöner Konsequenz zurück zu den ursprünglichen Schmerzen der Pubertät. Der Befund stimmt seltsam, ist aber unabweislich: Mit seinen 45 Jahren steht Morrissey als letzter großer Impersonator jugendlicher Verzweiflung in der Landschaft. Aussteigen geht nicht, denn es ist die Rolle seines Lebens.
Rückblende: Im Jahr 1987 betrat ein bis dahin verhaltensunauffälliger junger Mann aus Denver, Colorado, die Räume einer lokalen Radiostation und zwang die Belegschaft mit vorgehaltener Waffe, die Musik seiner Lieblingsband The Smiths zu spielen. Vier Stunden lang mussten die guten Christen, die die Gegend um Denver bevölkern, Leute, die sonst auf Country, Rock Classics und gute Nachbarschaft stehen, sich anhören, was er in einer Plastiktüte mit sich führte: Songs voller Vergeblichkeit und Weltschmerz, in denen Doppeldeckerbusse Liebende überfahren und hübsche Mädchen Gräber ausheben. Danach war er’s zufrieden und ließ sich widerstandslos von der Polizei abführen.
Der Vorfall illustriert nicht nur, wie weit Smiths-Fans in ihrer Verehrung zu gehen bereit waren, er zeugt auch von einem Wunderglauben an die Macht des Schönen, wie sie der Sänger Morrissey in jugendliche Gemüter pflanzte. Solange Smiths-Platten liefen, ließ sich der Ödnis der Achtziger mit ihren Schulterpolstern, Gimpelfrisuren und programmierten Basslinien entkommen, mehr noch: Die Musik taugte zur psychologischen Kriegsführung gegen den falschen Pragmatismus der erwachsenen Leute und deren Bigotterie. Wenn alles auf bunt machte, war Leichenblässe der letzte Schrei. Wenn die Welt nach Sex schrie, war das Zölibat plötzlich wieder eine Alternative. Und wenn das Sozialamt die Stütze kürzte, mummelte man sich eben ganz daheim ein und las die Klassiker, wie der große Leser Morrissey bereit zur bedingungslosen Poetisierung der Existenz.
Schon die Gründungsgeschichte ist ein Gedicht, das das Leben schrieb. Gitarrist Johnny Marr und Moz, sein stubenhockendes Pendant – das war die Wiederauflage des romantischen Freundschaftskults, zwei Seelenverwandte, die sich im grauen Manchester ihrer Kindheit gesucht und gefunden hatten. Nur noch Schlagzeug und Bass fehlten ihnen, um die Welt mit ihrer Vision eines literarisch geprägten Pop zu verstören, und auch die waren schnell rekrutiert. Nie hat Welt-Ekel so verführerisch geklungen, fünf Alben lang überboten die Smiths sogar die Sex Pistols, indem sie die Queen nicht nur anpunkten, sondern gleich für tot erklärten. Doch Fans können auch grausam sein. Als Marr ausstieg und in den Industrieruinen Manchesters bald darauf die ersten Raves stattfanden, lief die Kundschaft zu Glückspillen und elektronischen Beats über.
- Datum 27.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.05.2004 Nr.23
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