Pop Der Mann, der Gott vergeben hatSeite 2/2
Inzwischen hat der Prophet selbst etwas von einem einsamen Rufer. Sein frühes Solowerk, gedacht, den Glanz der alten Tage in die unübersichtlichen Neunziger zu tragen, wirkt viel eher wie ein groß angelegter Versuch, dem unvermeidlichen Altern seiner Kunst zu entkommen. Morrissey besang die Ereignislosigkeit britischer Sonntage, wünschte Margret Thatcher aufs Schafott, er versammelte eine Horde austrainierter junger Rowdys um sich und spielte plötzlich aggressiven Rockabilly. Zur Liebe des großen Publikums hat es nicht mehr gereicht. Genervt von Techno und HipHop in den Hitparaden, verstört von der Dominanz des Musikfernsehens, verschanzte er sich für sieben lange Jahre in einer Villa in den Bergen Hollywoods, die einst Clark Gable errichten ließ, eine gekränkte Diva im inneren Exil.
Melancholischer Dandy
I Know I Could’n Last, weiß er heute und leckt sich die Wunden. „The whispering may hurt you, but the printed word may kill you“: eine Mahnung an die Musikpresse, die einst von ihm abfiel. „The teenagers who love you, they will wake up, yawn and kill you“ : eine Grußadresse an den Wankelmut der Verehrer. Manchmal scheint galliger Humor das Verhältnis zum Gang der Dinge abzumildern, dann singt er vom Stolz, englisches Blut in seinen Adern zu führen, und beschreibt die Freuden einer guten Tasse Tee. Doch wer darin späte Gelassenheit ausmacht, hat nichts von den Triebkräften hinter den Zeilen verstanden. I’m Not Sorry heißt sein spätes Bekennerlied. Ein Mann wie Morrissey kennt keine Trauer um das Verlorene, er hängt melancholisch an der Idee, es sei wiederzugewinnen.
Es ist der Blick des unverbesserlichen Romantikers, der auf eine Konsumkultur ohne Stil und Erinnerung trifft. Jungstars, Möchtegerns, Passanten und Steuereintreiber kriegen ihr Fett weg. Amerika, die Wahlheimat, wird erst grandios an die Brust gedrückt – und dann doch in die Tonne getreten: eine überdimensionale Hamburger-Bude. Wo das zornige Kind im Manne das Zepter schwingt, hat die unästhetische Gegenwart keine Chance. Die Sehnsucht gilt allein den verlorenen Welten, einem England der barmherzigen Schwestern, der schwatzhaften Taxifahrer und Schutzmänner, wie man es aus den Vorstadtliedern der Beatles kennt. Morrisseys Texte beschwören sie herauf. Die Musik mit ihren donnernden Gitarren und schwelgerischen Pianoklängen bereitet der Stimme auch akustisch einen großen Auftritt.
Dass diese Weltanklage aus dem Geist der Innerlichkeit auch heute noch Verführungskraft besitzt, liegt nicht zuletzt an der großen Produktion. The one and only Morrissey, unser Lieblingsmenschenfeind, hat sich von Männern, die mit supererfolgreichen Teenage-Punk-Bands im Studio waren, ein schnittiges Sounddesign verpassen lassen. Zwischen Bratzen und Wimmern wird viel geboten fürs Geld, auch das Mainstream-Radio könnte Gefallen daran finden. Noch einmal greift der letzte der melancholischen Dandys nach der Krone, und ohne jeden Zweifel ist You Are The Quarry zum gegenwärtigen Zeitpunkt die beste aller möglichen Morrissey-Platten, allein das Gesamtregime im Staate Pop ist unwiederbringlich verloren. Als Allround-Narziss trägt man heute nicht bloß Grau. Im Supermarkt der Selbstentwürfe ist die schöne Seele nur noch eine Option unter vielen.
- Datum 27.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.05.2004 Nr.23
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