Blackys rechte Hand gehorcht nicht. Sie baumelt hin und her. Das erzürnt ihn. Jetzt haut er mit der Linken drauf. Doch die Rechte baumelt weiter. Blacky bohrt seine Zähne in das widerspenstige Handgelenk und stampft dabei rhythmisch mit den Beinen. Der Kampf gegen die eigene Extremität gewinnt an Tempo. Blacky haut, beißt, stampft und schreit, immer schneller, immer lauter. Sein Körper zuckt wie der eines Technotänzers in Trance. Nach zwei Minuten ist der Anfall vorbei. Der Schimpanse sinkt erschöpft in den weichen Rindenmulchboden seines Affenwohnraums.

13 Jahre lebte Blacky wie die Primatenversion von Kaspar Hauser weggesperrt in einem Käfig. Seine ganze Kindheit verbrachte das Tier hinter Gittern. Fast nie hatte Blacky Kontakt zu Artgenossen. Erst hier, im Safaripark Gänserndorf bei Wien, soll er ein richtiger Affe sein dürfen, ohne Neurosen und Anfälle. Das geht aber nicht von heute auf morgen. Seit eineinhalb Jahren wird er zusammen mit 42 anderen Schimpansen resozialisiert. Noch immer reißt er sich nervös die Haare aus, kratzt sich blutig. Stereotypien nennen Verhaltensforscher diese unmotivierte Wiederholung immer gleicher Bewegungsabfolgen, die bis hin zur Selbstverstümmelung reichen.

Die Affen sollen ins Leben geführt werden, nachdem sie jahrelang für Versuche des österreichischen Pharmaunternehmens Immuno herhalten mussten. An den Tieren testeten Forscher die Wirksamkeit neuer Medikamente und die Reinheit von Blutkonserven. Fast die Hälfte ist mit dem HIV- oder Hepatitis-Virus infiziert. Einigen wurde zwanzig Jahre lang mehrmals wöchentlich Körpergewebe entnommen. Blacky hatte es vergleichsweise gut. Da er körperlich schwächelte, bekam er keine Wirkstoffe verpasst. Er diente nur als Kontrolltier. Unter Vollnarkose wurde ihm regelmäßig Blut abgezapft; seine Werte verglichen die Wissenschaftler mit denen der Versuchsschimpansen.

"Die Experimente waren nicht das größte Übel. Schlimmer war die Einöde in der Einzelzelle", sagt eine ehemalige Immuno-Tierpflegerin. Die Affen hätten in 9-Kubikmeter-Käfigen, die nur mit einer Hängematte ausgestattet waren, apathisch abgehangen. "Zur Abwechslung spielten wir ihnen manchmal Dokumentarfilme über freie Schimpansen vor."

Es handle sich um den ersten Versuch, adulte Affen aus der Isolation zu holen und an ein artgerechtes Leben zu gewöhnen, sagt die Zoologin Signe Preuschoft, Leiterin des Projekts. Die USA und die Niederlande folgten dem Beispiel und ließen Resozialisierungsgehege für Hunderte Laboraffen errichten.

Der Affenkomplex im Safaripark gleicht einer noblen Ferienanlage mit hohen Fenstern und heller Holzfassade. Brücken führen von zwei Seiten auf die Veranda. Von dort fällt der Blick auf Rasengrün, um das sich ein Wassergraben schlängelt. Die vier 300-Kubikmeter-Wohnräume sind mit Stämmen, Rindenmulch, Holzpodesten und Kartons zum Spielen eingerichtet. Hier wohnen Blacky und seine Artgenossen.

Ihre Verwandtschaft zum Menschen machte die Schimpansen für die Forschung attraktiv. An ihnen wurden Impfstoffe gegen Gelbfieber, Kinderlähmung und Hepatitis entwickelt. Mitte der achtziger Jahre hofften Mediziner, durch Schimpansenexperimente ein Mittel gegen HIV zu finden. Massenhaft wurden Versuchstiere gezüchtet oder aus Westafrika importiert. In zunehmendem Maß stand jedoch die ethische Vertretbarkeit solcher Experimente zur Debatte. Je mehr über Werkzeuggebrauch, Sprachvermögen, Sozialverhalten und Bewusstsein von Primaten bekannt wurde, desto schwerer fiel die Rechtfertigung dafür, die Tiere in den Dienst des Menschen zu stellen. Christophe Boesch, Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, wies sogar nach, dass Schimpansen Fähigkeiten (etwa eine bestimmte Art, Nüsse zu knacken) kulturell weitervermitteln.

Das veränderte Bild unserer Vettern aus dem Urwald setzte den US-Pharmakonzern Baxter unter Druck, als er 1999 Immuno und die 43 Laboraffen übernahm. Wohin mit den Tieren? Baxter investierte 6,2 Millionen Euro in den Bau des Affenhauses im Safaripark und zahlt seither monatlich 19000 Euro für Unterhalt und Resozialisierung.