astronomie Venus kreuzt Sonne
Ein astronomisches Jahrhundertereignis steht bevor
Die Silhouette der Venus schob sich langsam vor die Sonne, da ergriffen William Harkness große Gefühle. Das Jahrhundertereignis eines „Venus-Transits“ ergötzte 1882 den Astronomen und schickte seine Gedanken gleichsam in Vergangenheit und Zukunft: „Zur Zeit des letzten Transits, im Jahr 1769, erwachte die intellektuelle Welt gerade aus einem jahrhundertelangen Schlummer. Gott allein weiß, wie der Stand der Wissenschaft sein wird, wenn der nächste Transit stattfindet.“
Er findet im Jahr 2004 statt. Und nicht einmal Gott hat sich damals ausmalen können, dass die Menschheit im Weltall ihre Teleskope kreisen lässt, um sich das Spektakel nicht entgehen zu lassen. Mit der freien Sicht aus dem Orbit wird das größte Problem früherer Beobachter – schlechtes Wetter – gegenstandslos. Mit der Satellitenbeobachtung entfallen jene Verzerrungen, hervorgerufen durch die Erdatmosphäre, die Astronomen einst zur Verzweiflung trieben. Die seltene Gelegenheit, das Vorbeiziehen der Venus vor der Sonne zu beobachten, bot nämlich einst die einmalige Gelegenheit, eine der wichtigsten Fragen der Astronomie zu klären: Wie groß ist die Astronomische Einheit, die Entfernung zwischen Erde und Sonne?
Diese Distanz bildet die Grundlage astronomischer Entfernungsberechnungen bis hinaus in die weitesten Galaxien. Seit 1976 ist sie dank der Radartechnik auf rund zwei Meter genau bestimmt. Sie beträgt per definitionem 149597870691 Meter. Das Zusammentreffen von Erde, Venus und Sonne in einer Linie ist somit für die Entfernungsbestimmung heute bedeutungslos. Dennoch bewegt es die Gemüter. Im Januar warnte die Bild- Zeitung vor „Liebeswellen“ von der Venus. Und die Wissenschaft hofft, am 8. Juni endlich das „Geheimnis des schwarzen Tropfens“ zu lösen, das die Zunft seit den ersten Beobachtungen eines Venus-Transits umtreibt.
Johannes Kepler äußerte im 17. Jahrhundert erstmals die Vermutung, der zweite Planet unseres Sonnensystems könne sichtbar vor dem Zentralgestirn vorbeiziehen. Denn mit den von ihm entdeckten Gesetzen konnte er bereits alle relativen Entfernungen der Planeten zueinander berechnen (wenn auch nicht deren wirkliche Distanz); seine Rudolphinischen Tafeln galten lange als exakteste Tabellen zur Bestimmung der Planetenpositionen. Das Himmelsereignis terminierte Kepler auf 1631. Allerdings erlebte er dieses Datum nicht mehr – er starb 1630. Außerdem entging ihm, dass die Erscheinungen immer paarweise im Abstand von acht Jahren auftreten. Denn aufgrund der planetaren Geometrie liegen Erde, Venus und Sonne jeweils zweimal innerhalb von acht Jahren in einer Ebene – und dann mehr als ein Jahrhundert lang nicht mehr. Diese Erkenntnis blieb dem jungen, unbekannten Astronomen Jeremiah Horrocks vorbehalten (siehe Bild oben). Er überprüfte 1639 Keplers Berechnungen und schloss daraus, dass ein weiterer Venus-Transit unmittelbar bevorstand. So waren der britische Astronom und sein Freund William Crabtree die ersten und einzigen Menschen, die am 4. Dezember 1639 die Silhouette der Venus über die Sonne wandern sahen. Horrocks bediente sich dabei einer neumodischen Erfindung: Das Teleskop lieferte ihm ein vergrößertes Bild der Ereignisse.
Die Entfernung von der Erde zur Sonne schätzte er auf etwa zwei Drittel des heute bekannten Wertes – eine für die damalige Zeit beachtliche Schätzung. Horrocks Beobachtungen inspirierten viele Astronomen, die nächsten Transite in den Jahren 1761 und 1769 zur genauen Bestimmung der Astronomischen Einheit zu nutzen. Der berühmteste war Edmond Halley, bekannt durch die Entdeckung des nach ihm benannten Kometen. Er entwickelte eine raffinierte Methode zur Entfernungsberechnung: die so genannte Triangulation, die heute jedem Landvermesser vertraut ist.
- Datum 27.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.05.2004 Nr.23
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