industriepolitik Einer will gewinnen
Siemens-Konzernchef Heinrich v. Pierer ist der neue Buhmann der IG Metall. Doch keinem gelingt der Umbau der Deutschland AG derzeit besser
Eigentlich ist der 63-Jährige des Reisens „a bisserl müd“. Doch nach dem zwölfstündigen Flug von München nach Shanghai eilt Heinrich v. Pierer mit seiner prall gefüllten Aktentasche als Erster aus dem Airbus, bei der Passkontrolle hängt er die gesamte Entourage ab. Wie selbstverständlich ist er da, wo er sich am liebsten aufhält: an der Spitze.
Noch auf dem Landeanflug hatte der Chef von 415000 „Siemensianern“ in aller Welt die Letzte der Reden überarbeitet, die er binnen sechs Tagen in Shanghai und Peking halten will. Die Botschaft für 30000 Mitarbeiter in China und für die Presse lautet: „Zwölf Punkte für profit und growth.“
Pierer liebt solche Formeln. Sie zeugen von Entschlossenheit.
Den mitgereisten Journalisten lässt er ein von Siemens aufgerüstetes Stahlwerk, eine Handyfabrik und den Transrapid vorführen: neueste Technik, fähige Mitarbeiter und ein Markt, der gar nicht genug Produkte schlucken kann. „Hier ist alles so optimistisch, jeder will für sich was erreichen“, sagt Pierer über das boomende China.
Und in Deutschland?
Bei seiner Abreise klangen ihm noch die Sprüche von Betriebsräten und IG Metallern in den Ohren. Als „Arbeitszeit-Rambo mit Lizenz zum Jobkillen“ wurde Pierer tituliert. Während der vollzählig in China eingefallene Siemens-Zentralvorstand sich im Boomland eine lukrative Zukunft ausmalt, erkunden die deutschen Betriebsräte, wie sie eine Job-Verlagerung nach Ungarn verhindern können (siehe Seite 22). Pierer hatte vorgeschlagen, zur Sicherung der deutschen Arbeitsplätze künftig 40 statt 35 Stunden zu arbeiten – ohne Lohnausgleich. Der lautstarke Protest hat ihn überrascht. Aber er steht zu seiner Vorreiterrolle.
Wie passt das zu einem Manager, der vor nicht allzu langer Zeit von seinen Erfurter Mitarbeitern den Titel Ehren-Betriebsrat verliehen bekam und der im In- und Ausland die Mitbestimmung verteidigte? Hat der promovierte Jurist und Volkswirt nach zwölf Jahren an der Konzernspitze plötzlich umgedacht? Hat er abgehoben, weil die rot-grüne Bundesregierung das langjährige CSU-Mitglied für würdig befand, als erster deutscher Manager vor dem UN-Sicherheitsrat zu sprechen?
„Wir wachsen da, wo unser Geschäft wächst“
- Datum 27.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.05.2004 Nr.23
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