Porträt Polizeireporter der ganzen Welt
Unerbittlich wühlt Seymour Hersh in Amerikas Müll
Wahrscheinlich verkörpert er das schlechte Gewissen der amerikanischen Journalisten, deshalb lieben sie ihn im Moment so sehr. Ihn, Seymour „Sy“ Hersh. Den avenger, Rächer, nannte ihn die Columbia Journalism Review, „globalen Polizeireporter“ die New York Times. Fernsehsender laden ihn ein: CNN, die BBC, ABC, CBS. Andere sind weniger freundlich. Donald Rumsfelds Berater Richard Perle bezeichnete ihn als „Terroristen“, der neokonservative Vordenker Daniel Pipes hält ihn für einen Verschwörungstheoretiker. Und Präsident George W. Bush nannte ihn „Lügner“.
„Ich bin nicht wichtig“, knurrt der 67-Jährige, „meine Arbeit ist wichtig. Ich mache nur meinen Job.“ Aber was für einen. Seymour Hersh ist gerade dabei, den Pentagon-Chef Rumsfeld aus dem Amt zu hebeln und die Bush-Regierung gleich dazu. In – bislang – drei Artikeln für den renommierten New Yorker hat er den Skandal um die Folter im US-Militärgefängnis Abu Ghraib aufgedeckt. Und den höchsten Verantwortlichen festgenagelt, Rumsfeld selbst. Ein „hysterisches Stück, ein journalistischer Kunstfehler“, hieß es im Pentagon. Für Hersh ist das eine Art Orden. Dass er im Recht ist, daran hat er keinen Zweifel.
Um zu begreifen, was für eine Ausnahme Hersh ist, muss man nur die Arbeit seiner Kollegen in fast vier Bush-Jahren beobachten. Sie ließen sich im und vom Militär „einbetten“, sie ließen sich vom Exil-Iraker Ahmed Chalabi die Entdeckung von Massenvernichtungswaffen in den Block diktieren, wieder und wieder. Sie schrieben, dass die US-Soldaten im Irak mit Blumen empfangen würden, und verglichen die Folter in Abu Ghraib mit einem Studentenscherz.
Den Vorsprung von Hersh werden sie nun nicht mehr einholen, denn Abu Ghraib ist nicht dessen erstes investigatives Irak-Stück. Hersh deckte auf, dass das Pentagon einen „Geheimdienst im Geheimdienst“ aufbaute. Er enttarnte gefälschte Dokumente, die die Existenz von Saddams Massenvernichtungswaffen zu belegen suchten. Und er fand heraus, dass Richard Perle nebenbei Geschäfte mit den Saudis einfädelte.
Hersh ist kein sonderlich sozialer Mensch. Er ist schroff, und er hat es immer eilig. Die amerikanische Attitüde, alles auf Gefühle und Entertainment zu reduzieren, ist ihm zuwider. Er glaubt an Fakten. Sein Washingtoner Büro an der Connecticut Avenue ist überflutet von Papieren, Büchern, Zeitungen, Magazinen und Akten; an der Wand hängen die Original-Polizeiaufnahmen der vier Nixon-Helfer Haldeman, Ehrlichman, Colson und Mitchell. Alle paar Minuten klingelt das Telefon. „Er scheint mit einem Telefonhörer am Ohr geboren worden zu sein“, sagte sein Kollege Harrison Salisbury einmal. Bob Baer, ein ehemaliger Irak-Experte der CIA und einer seiner Freunde, hat seinen Labrador, der gern im Müll wühlt, Hersh genannt. „Es ist keine Magie, was ich mache“, erklärt Hersh barsch, aber nicht unfreundlich. „Es ist Arbeit. Harte Arbeit.“
Über die Jahrzehnte hat er einen ganzen Stamm von Informanten aufgebaut. In den Apparaten, den Verwaltungen, den Geheimdiensten. Dort knirscht es ohnehin seit geraumer Zeit wegen der Zumutungen durch die Bush-Regierung. Altgediente CIA-Agenten leiden unter Neocon-Ideologen, die die Fakten zurechtbiegen. Hersh nutzt die Kräfte im Inneren der Bestie zur Informationsbeschaffung. Anders als Bob Woodward von der Washington Post redet Hersh nicht mit Bush und Cheney. Seine Quellen sind verborgen, nur David Remnick kennt sie, der Chefredakteur des New Yorker.
Hersh, Sohn jüdischer Immigranten aus Osteuropa, fing als Polizeireporter in seiner Geburtsstadt Chicago an. Berühmt wurde er 1969 mit einem Paukenschlag: My Lai. Das Dorf in Vietnam, in dem US-Soldaten unter dem Kommando von William Calley Mädchen vergewaltigten, Babys als Zielscheiben benutzten und mehr als 500 Frauen, Kinder und Greise töteten. Hersh hatte einen Tipp von einem Reporter der Village Voice erhalten. Er flog ohne Auftrag nach Salt Lake City und nach Georgia, um Calley aufzuspüren, aber niemand wollte die Geschichte drucken. Schließlich verkaufte er sie an eine kleine, linke Nachrichtenagentur. 36 Zeitungen veröffentlichten sie.
- Datum 27.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.05.2004 Nr.23
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