Morgens kauft er sich am Kiosk vor seiner Wohnung zwei Sportzeitungen. Er sieht das Foto gleich, es ist auf der Titelseite der einen Zeitung, rechts im Eck, er fragt sich, warum sie ausgerechnet dieses genommen haben, das Bild ist ein halbes Jahr alt. Er erkennt sich darauf kaum wieder.

Das Foto zeigt ihn im weißen Hemd, zwei Knöpfe offen, es muss ein heißer Tag gewesen sein, natürlich: Istanbul im August. Er ist gerade als Neuzugang beim türkischen Spitzenklub Fenerbahçe Istanbul vorgestellt worden, die eine Hand hat er an der Vereinsfahne, mit der anderen spreizt er den Daumen der Kamera entgegen zum Zeichen, Klasse, dass ich hier bin, stark, dass ich für Fenerbahçe spielen werde. Und sein Gesicht sagt alles andere. Die Wangen rot, der Mund offen, die Augen gehetzt. Wie auf der Flucht. "Schau dir das Bild an", sagt Robert Enke . "Da bin ich doch nicht ich selbst."

Er reißt die Seite heraus, um sie aufzuheben. Das Foto erinnert ihn, wie verloren, fremd und bedrängt er sich in der Türkei vom ersten Moment an fühlte. Wenn er das Bild anschaut, weiß er, dass seine Entscheidung richtig war. Selbst wenn er der Einzige sein sollte, der das glaubt: Robert Enke, 26, einer der besten Torhüter Deutschlands, mit unglaublichen Reflexen. Im August vergangenen Jahres unterschreibt er einen Vertrag bei Fenerbahçe Istanbul, der ihm über eine Million Euro brutto im Jahr garantiert – und kündigt den Kontrakt nach nur einem Meisterschaftsspiel fristlos; wegen eines Gefühls: dass er dort nicht glücklich würde. Sein Agent sagt ihm, er solle bitte nicht überstürzt handeln, Christoph Daum , Fenerbahçes Trainer, sagt, Eingewöhnungsprobleme seien das, nicht mehr, Mensch, in drei, vier Wochen sehe die Welt ganz anders aus. Doch Enke hat seine Entscheidung schon getroffen. Am nächsten Tag verlässt er Istanbul, im vollen Bewusstsein, dass das Geld futsch ist und die Karriere im schlimmsten Fall auch. Er weiß, er wird wegen der Frist für Vereinswechsel mindestens ein halbes Jahr arbeitslos sein und es danach nicht leicht haben, wieder im großen Fußball unterzukommen.

Viele haben gesagt, der Enke hat sie nicht mehr alle
Robert Enke zu seinem Schritt, die Türkei zu verlassen

In der Welt des Fußballs ist das eine mutige und eine einsame Entscheidung. Ein Fußballprofi tut so etwas nicht. Das sagt ja wohl schon das Wort: Profi. Professionell sein heißt ja immer auch, Gefühle zu verdrängen, weiterzumachen. Und wenn es auf dem Fußballplatz nicht läuft, sich halt auf die Ersatzbank zu setzen, heimlich zu beginnen, nach einem neuen Verein zu suchen und in der Zwischenzeit still das Gehalt abzukassieren. "Viele haben gesagt, der Enke hat sie nicht mehr alle, und klar, wenn man es nüchtern betrachtet, kann man es so sehen", sagt er. "Aber", er deutet mit einem Kopfnicken auf das Zeitungsfoto, das er auf den Wohnzimmertisch gelegt hat, "ich war dort so unglücklich. Ich hätte in Istanbul nie gut gespielt."

Acht Monate sind seit seiner Flucht vergangen. Jetzt sitzt er in einem Vier-Zimmer-Apartment im Zentrum von Santa Cruz auf Teneriffa , das einiges über den Stand der Dinge im Leben von Robert Enke erzählt: Er hat die Wohnung möbliert gemietet, sie ist komplett eingerichtet und wirkt doch leer. Außer einer unausgepackt auf dem Boden liegenden Satellitenschüssel hat er keine persönlichen Gegenstände mitgebracht, er hat nichts verändert, auch die Gemälde, Stillleben von Orangen und Bananen, an der Wand hängen lassen. Er weiß ja nicht, wie lange er bleiben wird auf Teneriffa, ob es lohnt, sich einzurichten – es ist ein vorläufiges Leben, das er seit Istanbul führt, erst sechs Monate arbeitslos, seit Januar nun als Torwart mit Halbjahresvertrag bei CD Teneriffa. Zweite Liga in Spanien .

Es ist eingetreten, was zu befürchten war. Als in der Winterpause die Wechselphase wieder eröffnet wird, ruft keiner der bekannten Vereine nach ihm. Der Markt für Torhüter ist klein, jede Mannschaft braucht doch nur zwei, und er, als Ersatztorhüter in die deutsche Nationalelf berufen mit 22 beim Konföderationen-Cup 1999, Kapitän schon mit 23 beim portugiesischen Rekordmeister Benfica Lissabon , mit 25 vom legendären FC Barcelona unter Vertrag genommen, gilt plötzlich als Risikofall: Wie kann man noch sicher sein, dass er nervlich stark genug ist, wenn er in Istanbul einfach wegrennt? Ancona, Tabellenletzter in Italien, der FC Kärnten, Tabellenletzter in Österreich, und ADO Den Haag, Vorletzter in Holland , sind die Erstligisten, die ihn wollen. Angesichts dieser Auswahl entscheidet er sich für Teneriffa, zweite Liga, aber Spanien, ein bedeutender Fußballmarkt. Dort hofft er, die richtige Mischung aus Ruhe und Aufmerksamkeit für das Comeback zu finden. Für das Publikum ist klar: Das ist der Tiefpunkt. Für ihn selbst ist es ein Hochgefühl. Sich wieder wie ein Fußballer zu fühlen.

Beim Training an diesem Morgen im Stadion von Teneriffa kommen erst Robert Enkes Schuhe auf den Platz, dann Robert Enkes Handschuhe, schließlich Robert Enke selbst. Ein Paar seiner Schuhe trägt Adolfo Baines, der dritte Torwart, er läuft, als traue er ihnen noch nicht. Der zweite Torhüter, Álvaro Iglesias, hat Handschuhe an, auf deren Klettverschlüssen dick "Robert Enke" steht. Er hat ihnen die Sportsachen geschenkt, er bekommt sie von seinem Sponsor, sie aber, Zweite-Liga-Torhüter ihr Leben lang, mussten sich ihre Ausrüstung bislang kaufen. Baines allerdings trägt weiterhin Handschuhe, die er für acht Euro gekauft hat, die von Enke sind ihm zu heilig, um sie im Training zu verschleißen.