Rückblick Enkes ReflexeSeite 3/3
Fenerbahçe ist ein Ausweg. Er hat sich immer gesagt, in der Türkei spiele er nicht, diese überdrehte Leidenschaft, diese Brutalität gegenüber Verlierern, die Unzuverlässigkeit bei der Bezahlung. Er hat keine Alternativen. In Bitburg trifft er Fenerbahçes Trainer Daum, sie leeren eine Flasche Wein, "ich hab’s mir schöngeredet: deutsches Trainerteam, gutes Geld, probier’s halt mal." Die türkischen Zeitungen schlagen auf ihn ein, ehe er das erste Spiel gemacht hat: Was wolle ein Ersatztorwart bei Fener? Er kann die Zeitungen nicht lesen, aber er weiß von der Antipathie, die sich mit seinem eigenen Widerstreben mischt: Die wollen mich nicht, ich will sie nicht, was mache ich hier?
Das ist es nicht wert
Enkes Gedanke im ersten Spiel für Fenerbahçe
Sie spielen zum Test gegen Kocaelispor, 30 Minuten vor Anpfiff wird ein Schaf auf dem Platz geopfert, er denkt, "ein Glück ist Teresa noch nicht da" mit ihrer Tierliebe. Er lacht. Aber der Gedanke kommt immer wieder zurück: Ich will hier nicht sein. Im ersten Saisonspiel geht es gegen einen Aufsteiger, er hält nicht schlecht, aber nervös, irgendwann ein langer Ball, er rennt raus, kommt zu spät, wird überlupft. Am Ende steht es 0:3. Münzen, Feuerzeuge, Flaschen fliegen ihm um die Ohren. Er weiß: Hinter seinem Tor stehen die eigenen Fans. "Eigentlich habe ich die Entscheidung schon während des Spiels getroffen: Das ist es nicht wert."
Gezweifelt hat er danach oft an seiner Entscheidung. Er geht zurück nach Barcelona, er darf nachmittags, wenn die Profis weg sind, mit zwei anderen ausgemusterten Spielern auf der Vereinsanlage trainieren. Er hält es nicht aus. So nah und doch weiter weg denn je von Barca zu sein, vom großen Glück. Sein Agent, der auch ein Freund ist, nimmt ihn in Köln auf. Er steht früh auf, er will sich nicht gehen lassen. "Aber keiner wartet auf dich. Keiner braucht dich." Er rackert im Fitness-Studio und verliert trotzdem Muskelmasse. Er weiß nicht, welche spezifischen Übungen er machen müsste. Außer ihm sind Hausfrauen und ein paar Soap-Stars da. Er hat genug gespart, "aber dieses Gefühl ist beängstigend", er zögert, "man traut es sich ja als Fußballer nicht auszusprechen, weil es andere viel härter trifft, aber das Gefühl, arbeitslos zu sein, ist für einen Profi nicht weniger schlimm als für einen Elektriker. Du fühlst dich wertlos."
Die Gedanken kehren natürlich zurück: Wärst du damals bloß bei Benfica geblieben, was macht einer wie du in der Zweiten Liga? "Und dann denke ich mir: Es wird schon seinen Sinn haben, dass der Enke mal einen auf den Deckel gekriegt hat." Er hat das Dach seines Cabrios aufgemacht, der Himmel über Teneriffa ist milchig, dunstig, Südwind bringt Sand von Afrika. Er hat den Sinn schon entdeckt: Sein Absturz hat ihm die Freude an den einfachen Dingen des Fußballs zurückgegeben. "Wieder zu einer Mannschaft zu gehören, wieder zu wissen: zehn Uhr Training. Wieder gebraucht zu werden."
Einige Wochen später macht Robert Enke sein erstes Spiel für Teneriffa. Die Erinnerung an Istanbul, Barcelona und die letzten Monate ist noch präsent, er riskiert beim Herauslaufen nicht so viel wie ein Torwart auf der Höhe seines Selbstbewusstseins. Die Reflexe jedoch, die Explosivität, all das ist noch da. Vermutlich wird er nicht mehr Nationaltorwart werden, vielleicht wird er nie mehr bei so einem großem Verein wie Barca spielen. Aber er ist erst 26, noch immer ein außergewöhnlicher Torwart. Wenn er in ein, zwei Jahren wieder irgendwo in einer guten Ersten Liga spielt, wird er zufrieden sein mit seiner Karriere, seinem Weg. Teneriffa gewinnt 2:1, er macht zwei spektakuläre Paraden, spielt sicher. Niemand im Publikum merkt ihm etwas an.
- Datum 15.11.2009 - 10:02 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.05.2004 Nr.23
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