porträt Gedenken mit SchmissSeite 2/2
Sie wollte ursprünglich auch die EU-Beitritte der Polen und Tschechen verhindern und verlangte deshalb unerfüllbare Entschädigungsregelungen und Rückkehrrechte für ihre Klientel. Nun soll das alles Schnee von gestern sein. Es geht ihr nicht mehr um Restitution, sondern um Identitätspolitik für eine alternde, langsam aussterbende Gruppe.
Wenn Erika Steinbach von ihrer Jugend erzählt, als die Mutter auf fremde Hilfe angewiesen war und man bei Bauern betteln ging, die einen als „Kakerlaken“ beschimpften, dann lugt für einen Moment eine wohl kontrollierte Wut unter der freundlich-verbindlichen Funktionärsoberfläche hervor. Die Erniedrigung des Flüchtlingskindes durch die eigenen Landsleute hat sie längst in handliche kleine Geschichten geformt. Aber man spürt noch, wie die Erfahrung des Unerwünschtseins ihr zur Kraftquelle geworden ist. Sie sei sehr schüchtern gewesen und habe erst durch die Musik – sie ist ausgebildete Geigerin – gelernt, sich auszudrücken und zu präsentieren. „Man hatte sich anzupassen, man sollte nicht stören“, sagt sie in Gedanken an ihre Jugend. Diesen Komplex hat sie gründlich überwunden. Erika Steinbachs bis zur Mutwilligkeit selbstbewusstes Auftreten ist ein einziger Triumph über die Demütigungen der frühen Jahre, gerade dann, wenn sie angefeindet wird und alles an ihr abzuprallen scheint. Steinbach führt einen Kampf um Anerkennung. Und die höchste Form der Anerkennung ist heute die als Opfer.
Steinbach prozessiert gegen Journalisten, die dem Zentrum unterstellen, als Konkurrenzprojekt zum Holocaust-Denkmal geplant worden zu sein. Es geht ihr nicht um Gleichsetzung oder Relativierung. Aber die Identitätspolitik hat ihre Tücken: Das jüdische Leiden stellt in der Konkurrenz der Opfer so etwas wie einen Maßstab dar. Erika Steinbach stellt immer wieder jene Analogien her, die sie anderen verbieten will: Die ersten Heimatvertriebenen, hat sie einmal gesagt, seien die von Hitler ins Exil getriebenen „jüdischen Mitbürger“ gewesen.
Früher wollten die Vertriebenen für ihre Aufbauleistung zu Hause anerkannt werden, heute konzentriert sich der Ehrgeiz auf die Anerkennung des Leidens, gerade auch bei den Nachbarn. Erika Steinbach hat bei der Wiederbeheimatung der Vertriebenen in der deutschen Gesellschaft einige Siege errungen. Im neuen, erweiterten Europa wird es eine gewisse Demut brauchen, damit ihr Kampf nicht in einem Fiasko endet.
- Datum 27.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.05.2004 Nr.23
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