Jeden Abend nimmt Johanna das braune Fläschchen und zählt die Tropfen. Zwölf Stück darf sie zurzeit nehmen. Bald werden es sechzehn, dann zwanzig sein. Sie lässt die Tropfen in einen kleinen Becher fallen und trinkt vorsichtig die durchsichtige Flüssigkeit. Dann legt sie sich schlafen in der Hoffnung, beim Aufwachen ein bisschen mehr Mädchen zu sein.

Wer Johanna Below (Name von d. Red. geändert) sieht, hat keinen Zweifel daran, dass sie ihrem Ziel sehr nahe ist. Die Haare sind lang und dunkelblond, über der schlanken, noch kindlichen Figur trägt sie eine blaue Jacke, dazu einen kurzen Rock und Turnschuhe. Wenn Johanna lächelt, blitzt eine Zahnspange. Wenn sie sich schnäuzt, führt sie das Taschentuch mit beiden Händen behutsam zur Nase. Ein Junge würde das nicht so machen. Ein 14-jähriges Mädchen schon, eines das in Bravo und Jam am liebsten die Fotoromane liest, das in der Schule Mathe hasst und später einmal Floristin werden möchte oder Schauspielerin. "Andere Rollen zu spielen", das gefalle ihr, sagt sie, "und wenn die Leute klatschen".

Mit anderen Rollen hat Johanna Erfahrung, solange sie denken kann. Doch jetzt hat sie begonnen, ihr ganzes Leben unwiderruflich zu verändern. Das hängt mit den Tropfen zusammen. Es sind Östrogene, Hormone, die aus einem Mädchen eine Frau werden lassen und die Johanna fehlen. Denn sie kam als Junge zur Welt, 1990, und bis heute quält sie das, was "der kleine Unterschied" genannt wird und in Wirklichkeit die Menschheit teilt wie nichts anderes. Das wissen insbesondere diejenigen, die auf der einen Seite geboren wurden, doch fühlen, dass sie auf die andere Seite gehören. Rund 6000 medizinisch betreute Transsexuelle gibt es laut Schätzungen in Deutschland.

Wenn sie erwachsen sind, können sie, nachdem sie längere Zeit im neuen Geschlecht gelebt haben, mit Hormonen behandelt und schließlich operiert werden: von Mann zu Frau, von Frau zu Mann. Sind sie jedoch noch Teenager oder gar Kinder, wird es schwieriger, sehr viel schwieriger. Bei Johanna wagen Hamburger Ärzte und Psychologen den Versuch. "Wir haben es uns nicht leicht gemacht", sagt Achim Wüsthof von der Hamburger Universitätsklinik, der Johanna die Hormone verschreibt. Weltweit gibt es kaum einen Patienten, der zu einem früheren Zeitpunkt hormonell therapiert wurde. Monatelang hatte der Psychiater Wilhelm Preuss aus der Abteilung für Sexualforschung Johanna beobachtet. Er hatte nach Freunden und Hobbys gefragt, nach Ängsten und Träumen. Die Ärzte haben geschaut, wie sie spricht und sich bewegt, und im Beisein der Mutter ihr Leben aufgerollt. Am Ende musste eine vielköpfige Ethikkommission die heikle Frage beantworten: Ist eine 13Jährige reif genug, zu entscheiden, in welchem Körper sie in Zukunft leben möchte? Darf man einem Teenager geschlechtsumwandelnde Medikamente geben, deren Folgen nicht mehr rückgängig gemacht werden können? Soll man warten, ob die Pubertät Johanna vom Wunsch, ein Mädchen zu sein, noch abbringt? Oder soll die Therapie eben gerade vor der Pubertät beginnen, weil sich danach Johannas Körper so sehr verändert haben wird, dass immer sichtbar sein wird, dass sie einst ein Mann war. Jeder Weg birgt das Risiko einer späteren Katastrophe.

Nur wenige ärztliche Entscheidungen sind so folgenschwer und beruhen gleichzeitig auf so unsicheren medizinischen Indizien wie die zur Behandlung eines Minderjährigen, der meint, im falschen Körper zu stecken. Denn bislang hat die Wissenschaft keine verlässlichen genetischen oder körperlichen Besonderheiten entdeckt, an denen man transsexuelle Menschen erkennen könnte. Johanna hat die genetische Ausstattung eines Jungen, sie trägt die Geschlechtsteile eines Jungen, in ihr wirken die Hormone eines Jungen. Die Ärzte müssen mit dem vorlieb nehmen, was Johanna erzählt und wie sie sich gibt.

"Geh doch zu den Mädchen"

In diesem Punkt scheint ihr bisheriges Leben kaum Zweifel zuzulassen. Johanna wünschte, ein Mädchen zu sein, seitdem sie wusste, was Mädchen und Jungen sind, erzählt ihre Mutter. Mit Vorliebe verkleidete sie sich und wollte die Kleider und Röcke auch dann nicht ausziehen, wenn anderen Kindern das Spiel längst langweilig geworden war. Im Kindergarten hielt sie sich an die Mädchen. Wurden die Jungen aufgerufen, blieb sie sitzen. Jeder Friseurbesuch wurde zum Kampf. "Sie wehrte sich, als würde man ihr sonst etwas abschneiden", erinnert sich die Mutter. Schon bald habe sie es aufgegeben, gegen den Willen ihres damaligen Sohnes anzugehen: "Johanna war so. Es hat alles nichts genutzt." Für eine Zeit lang fanden Mutter und Kind einen Kompromiss: Zu Hause darfst du dich wie ein Mädchen kleiden, draußen auf der Straße ziehst du dich wie ein Junge an.

Schwieriger wurde es, als Johanna in die Schule kam. Die Jungen wunderten sich, dass ihr Klassenkamerad nie mit ihnen spielte. Irgendwann beim Sport warfen sie ihn aus der Umkleidekabine: "Geh doch zu den Mädchen." Das tat sie. In den Ferien, vor dem Beginn der zweiten Klasse, fiel die Entscheidung: Vom kommenden Schuljahr an kannst du in Mädchenkleidern gehen. Am ersten Tag traute sich Johanna nicht. Am zweiten fasste sie sich ein Herz und setzte sich im Kleid auf ihren Platz. Das Leben als Junge war beendet. Als sie drei Jahre später die Schule wechselte, wusste außer den Lehrern und den Klassenkameraden kaum jemand, dass Johanna einst Johannes hieß.