Dieter MeierIch habe einen Traum

Dieter Meier von Yello wollte sein ganzes Dasein dem süßen Müßiggang widmen von Marc Kayser

In einem fernen Donnerrollen wuchtet sich die Morgenmaschine nach Montevideo hinter dem Vorhang des Hotelzimmers in den zarten Himmel über dem Rio de la Plata. Das Bronzegesicht des blinden Borges lächelt wie eine Jagdtrophäe von der Wand des Café Tortoni, Joseph Haydn probt mit seinen besten Streichern ein Quartett. Die Ruhe der Augusthitze hängt im dunklen Musiksaal des Sommerschlosses, Madame de Staël schwimmt an einem Mittwoch im Halbschlaf ihres Opiumrausches, und ich stehe auf dem Pont Neuf und schaue die Seine hinunter zum Eiffelturm.

Dieter Meier, 58, begann seine Laufbahn als Performance-Künstler und experimenteller Filmemacher. Zusammen mit Boris Blank gründete er 1979 die Gruppe Yello, die zu den Pionieren der elektronischen Popmusik gehört. Ende vergangenen Jahres erschien das 14. Yello-Album, »The Eye«. Dieter Meier lebt in Los Angeles, bei Buenos Aires und in Zürich, wo er neuerdings mit Biowein von seiner argentinischen Farm handelt. Er träumt davon, ein Gedicht zu schreiben – über ein Leben, das ohne einen genau bestimmten Sinn auskommt

Nach der langen Flugreise von Mailand nach Buenos Aires habe ich gut geschlafen und versuche, mein ganzes Dasein dem süßen Liegenbleiben zu überlassen. Die Träume ziehen im Halbschlaf am Bewusstsein vorbei wie der Wind, der nach der langen Nacht das Kleid bewegt, das um neun Uhr herum in einem Palast in Palermo im Fenster hängt und auf die Besitzerin wartet. Eine erste Scheibe Licht schießt ins Zimmer und macht den Staub zum Universum, der so grundlos tanzt, wie ich hier liege. Das Aleph wird sein Geheimnis in sich tragen noch in tausend Jahren, die gehauchte Trompete von Miles Davis verzieht sich in die Dämmerung, und wie ich da liege, streckt ein kleiner Teufel sein gehörntes Haupt aus dem roten Vorhang und spuckt mir das Gift der Frage ins Gesicht, wie ich denn mit diesem Morgen umzugehen gedenke. An den Kiosk vielleicht, die Zeitung kaufen, im Café beim Brunnen sitzen bleiben, bis der Entschluss zu gehen sich langsam aufbaut und dann mit einem Mal grundlos verdichtet bis zum gehetzten »Ober, zahlen!« und dann die Gasse runter, fragt sich nur, wohin. So lieg ich hier im Nirgendwo des Augenblicks, der sich an einen nächsten reiht, und schau dem Teufel ins Gesicht, der aus dem Vorhang grinst, wohl wissend, dass das Gift der Frage nach dem Sinn bald wirken wird und Meier-Ratlos voller Schuld sich irgendeinen Grund zusammenschustert, dem Tag, der Zeit, sich selbst den Zweck zu geben, den Beelzebub einfordert: immerzu. Warum eigentlich muss immer alles nach dem Sinn schreien? Was wäre das wohl für ein Leben, das keinen Sinn kennte? Geht das nur im Traum?»Hab ich dich gequält mit meiner Frage nach dem Sinn der nächsten Stunden? Ich bitte um Verzeihung, und du hast einen Wunsch.«

So eine teuflische Frage, denke ich und antworte adäquat: »Zurück ins Paradies, mein Herr, wo Sein nicht Sklave eines Zweckes ist, wo mir die Fratze deines Schlages nie mehr begegnet.« Der Gehörnte räuspert sich, das Lächeln des Bedauerns in den Augen: »Das Paradies, mein Gott, dort würdest du verrückt am ersten Tag beim Abfluss der Sekunden, nichts macht dort Sinn, du weißt nie, wo, was und warum du’s tust. Du bist doch kein Tier, du willst doch bitte schön auch hier und da ein bisschen denken über dich und deine Zeit! Und schon bist du vertrieben in ein Hier und Heute, das den Wunsch zu schreiben in sich trägt, das du doch liebst so über alles. Und jetzt steh auf, setz dich ans Pult, und mach mir ein Gedicht, acht Zeilen sollen’s sein über den Traum vom Nichts, den du genießen durftest, bis ich kam. Ich mache dich unsterblich mit dem Vers und hole dich zurück in unsere Welt des Sinnes, indem ich dich den Hass auf sie begründen lass.« Ein Teufel, der viele Worte macht? Ich sage: »Ja, nimm diese frommen Zeilen des Traums vom Leben ohne Sinn-Bedruck.«

Wenn hoch auf einem Berg ich steh
Die Nacht zeigt tausend Sterne
Wenn ich sie alle funkeln seh
Und dann von ihnen lerne
Wie wunder-klein ich doch nur bin
Auf unsrer Kugel ein Passant
Erfinde ich mir einen Sinn
Und hab mich oft dabei verrannt
Ins Paradies will ich zurück
Zu werden wie ein Kind
Nichts zu wollen großes Glück
Wenn ich das Kind nur find
Der Traum an diesem Morgen hier
Zu gehen ohne Sinn
Der Wunsch zum Nichts erfüllt sich schier
Dann fragt der Teufel, wer ich bin
Herr Meier steigt in Hemd und Hose
Und jetzt geht alles schnell
Auf Hose reimt sich Herbstzeitlose
Und rauf aufs Karussell
Das Pferd aus Holz dreht sich im Kreis
Ich bin ganz Herr der Sache
Weil ich jetzt endlich wieder weiß
Was mit dem Tag ich mache.

Der Leibhaftige kichert, die Sinnfalle schnappt zu, der Traum der absichtslosen Zeit wird eingeholt vom Schreiben über diese und die Minuten in Palermo, als ich das Paradies des Nichts-Seins und Nichts-Wollens besuchen durfte, sind ein verschwommenes Glück, aus dem der Gehörnte schon mit dem Nennen meines Namens mich herausriss ins gesegnete und verfluchte Land der Erkenntnis, in dem das Menschenkind herumirrt, seit es eines ist.

Den Apfel möcht ich kosten,
Erkenntnis heißt der Baum
Ins Paradies zurück
führt Eva mich am Saum
Der Traum, den ich beschreibe,
er küsst mich selten wach
Und dann holt mich der Teufel
unter sein Sinnesdach.