Die Begegnung mit der Vergangenheit macht Klaus Glowna jedes Mal von neuem wütend. Jetzt steht er hier am Ende einer stillen Sackgasse im polnischen Grenzstädtchen Lęknica vor einem zweistöckigen Einfamilienhaus aus rotem Ziegelstein und kann sich kaum beherrschen. Das Städtchen gehörte einst zu Bad Muskau, bekannt durch seinen von Fürst Pückler angelegten Landschaftspark, und liegt heute auf der polnischen Seite. Glowna atmet schwer vor Erregung. Was er sieht, macht ihn zornig und traurig. Das Haus ist verkommen, der Vorgarten von Unkraut überwuchert. Wo einst im Sommer bunte Blumen blühten, macht sich heute ein trüber, ungepflegter Tümpel breit. Die heruntergekommenen Bauten auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses "waren mal unsere Remisen, wir hatten immer zwei Kutschen, darunter einen Landauer", erzählt der 71-Jährige. Er zeigt zum Fenster im Dachgiebel des Wohnhauses: "Das Zimmer dort oben gehörte meiner älteren Schwester." Die Bewohner des Ziegelhauses sind unterdessen aufmerksam auf den Besucher draußen geworden, hinter dem Verandafenster wackelt die Gardine. Will Glowna nicht hineingehen, auf einen Schwatz mit den jetzigen Bewohnern? Heftig wehrt er ab: "Nein, nein, das sind richtig böse Leute! Die kommen mit dem Knüppel!"

Was man vielleicht, ohne die Leute zu kennen, verstehen kann. Denn Glowna, der hier wohnte, bis er 13 war, damals, als Lęknica noch Lugknitz hieß und ein deutscher Ort war, möchte die Leute aus dem Haus jagen. Er will sein Elternhaus zurückhaben, samt den 16 Hektar Wiesen und Felder der dazugehörigen Landwirtschaft. Und für die nahe gelegenen alten Lugknitzer Dachstein & Schamottewerke, die sein Urgroßvater August Glowna im Jahr 1835 gründete, möchte er außerdem entschädigt werden. Ein hochmoderner Betrieb sei das gewesen mit zuletzt 38 Beschäftigten, von den Nazis in den vierziger Jahren wegen hervorragender Leistungen dreimal mit der "goldenen Fahne" ausgezeichnet. Von den imposanten Backsteinbauten der Fabrik ist nichts geblieben, nur der hohe Schornstein steht noch. Die Polen rissen die Gebäude nach dem Krieg ab und errichteten stattdessen grau-braune Klötze. Eine Ziegelei ist es geblieben. Am Rand des Geländes hat sich eine kleine Tankstelle niedergelassen, es tanken hier aber fast nur Deutsche. Vor der Ziegelei verlädt ein Gabelstaplerfahrer gerade Paletten mit Ziegelsteinen auf einen Lastwagen. Misstrauisch beobachtet er Glowna aus den Augenwinkeln, schließlich rollt er mit seinem Gabelstapler heran und gestikuliert drohend mit Armen und Händen.

In den nächsten Tagen will Klaus Glowna einer Organisation namens Preußische Treuhand beitreten, die seine Interessen wahrnehmen und den einstigen Besitz für ihn einklagen soll. Die Gesellschaft wurde vor rund drei Jahren gegründet, als sich der EU-Beitritt Polens abzeichnete. Mit Hilfe der europäischen Rechtsprechung hoffen viele deutsche Alteigentümer, ihre einstigen Ländereien in Polen doch noch zurückzuerhalten. Unverhohlen gibt die Treuhand als Geschäftszweck die Rückgabe des "konfiszierten Eigentums" in "den Preußischen Provinzen jenseits von Oder und Neiße" an. Fast sechs Jahrzehnte nach Kriegsende stellen Hardliner und Ewiggestrige unter den Vertriebenen die Nachkriegsordnung infrage und wecken bei Polen alte Ängste und Ressentiments. Musterprozesse sollen angestrengt werden, das Geld dafür will die Treuhand durch die Ausgabe von Aktien hereinbekommen. 50 Euro kostet eine Treuhand-Aktie. Rund tausend Menschen hätten bereits Aktien gekauft, fast nur Leute, die selbst Ansprüche geltend machen, sagt Treuhand-Aufsichtsratschef Rudi Pawelka, der zugleich Vorsitzender der Landsmannschaft Schlesien ist. Auch einzelne Heimatgruppen sind darunter wie die der Grafschaft Glatz. "Mehrere hunderttausend Euro" seien schon zusammengekommen, so Pawelka.

Die Treuhand ist eine Kommanditgesellschaft auf Aktien, die, so heißt es in der Selbstdarstellung, umso ernster genommen werde, je mehr Finanzkraft sie ansammelt. Der Geschäftsbetrieb soll später einmal allein von den Zinsen der Einlagen getragen werden. Die Treuhand will jene Aufgaben übernehmen, die den einzelnen "Anspruchsinhabern" viel Mühe bereiten würden. Das "Beibringen von Unterlagen und Geltendmachen bei den Behörden des Vertreiberstaats" gehören ebenso dazu wie die spätere Verwaltung zurückerworbener Ländereien. Noch führen ehrenamtliche Helfer die Geschäfte, ein provisorisches Büro existiert derzeit im Düsseldorfer Haus der Landsmannschaft Ostpreußen.

Während in Deutschland die Aktivitäten der Treuhand bisher kaum zur Kenntnis genommen werden, sind sie in Polen landesweit diskutiertes Thema und haben zu einer spürbaren Verschlechterung des polnisch-deutschen Verhältnisses geführt. Nach einer Aufbruchphase in den neunziger Jahren, als Polen und Deutsche einen Grenzvertrag und einen Freundschaftsvertrag schlossen und in kurzer Zeit über 400 polnisch-deutsche Städtepartnerschaften begründet wurden, fürchten sich viele Polen nun wieder vor dem Nachbarn im Westen. Die Preußische Treuhand ist durch ihre bloße Existenz bereits ein Affront für die Polen. Jagd auf das verlorene Land titelte die linksliberale Gazeta Wyborcza; "Geht die Lawine los?", fragte das Wochenmagazin Przeglad. Als besonders provozierend empfinden viele, dass sich die Treuhand im Ausland Prussian Claims Society nennt – in Anlehnung an die Jewish Claims Conference, die mit Deutschland Entschädigungen für verfolgte Juden aushandelte.

Die Vergangenheit lässt Klaus Glowna bis heute nicht los. Manchmal, sagt er, wache er nachts schweißgebadet auf, weil er wieder einmal von der Vertreibung geträumt hat. Es war der 20. Juni 1945, als zwischen vier und fünf Uhr morgens polnische Soldaten ins Haus drangen und die Familie zwangen, ein paar Habseligkeiten auf einen Leiterwagen zu packen und das Haus binnen 20 Minuten zu verlassen. "Wir sind hier in der Gegend geblieben, weil wir dachten, wir könnten bald zurück." Die Familie Glowna siedelte sich in Hoyerswerda in Sachsen an, keine 50 Kilometer von Lęknica entfernt. Klaus Glowna heiratete, machte Karriere als Ingenieur, spät wurde ein Sohn geboren. Seit 44 Jahren wohnt Glowna in derselben 69 Quadratmeter-Wohnung in einem der ersten Blocks des nach dem Krieg zur Industriestadt ausgebauten Städtchens. Heute leitet er den Stadtverband des Bundes der Vertriebenen (BdV) in Hyerswerda.

Anders als in der Bundesrepublik, wo die Vertriebenen für ihre Verluste einen Lastenausgleich und zinsgünstige Darlehen erhielten, wo sie in den außenpolitischen Debatten mitredeten und bis 1969 sogar ein eigenes Ministerium hatten, war das Thema Vertreibung in der DDR ein Tabu. "Umsiedler" seien Menschen wie er genannt worden, sagt Glowna. Ein LPG-Bauer in seinem Bekanntenkreis sei, so erzählt er, für drei Jahre im berüchtigten Zuchthaus in Bautzen verschwunden, weil er in einer Kneipe einmal das Schlesierlied geschmettert habe ("Sei gegrüßt am schönen Oderstrand, liebe Heimat, traute Heimat! Schlesien, du mein liebes Heimatland!"). Er selbst sei nur knapp einem Parteiordnungsverfahren entgangen, weil er den höchsten Berg des Riesengebirges nicht beim polnischen Namen Sniezka nannte, sondern Schneekoppe sagte. Glowna war in der SED. Sonst, sagt er, hätte er keine Karriere machen, nicht einmal studieren können. "In meiner Kaderakte stand: Vater Unternehmer" – im Arbeiter-und-Bauern-Staat ein echter Makel.

Klaus Glowna fühlt sich als Zukurzgekommener der Geschichte, ja als "Verlierer des Kriegs". Feierlich sagt er: "Ich verzichte auf Rache und Vergeltung, aber nicht auf mein Recht!" Damit meint er sein ehemaliges Eigentum. "Warum dürfen Menschen in München oder Köln erben und vererben? Warum darf ich das nicht?" Hat er aber schon einmal daran gedacht, dass Vertriebene wie er deutsche Kriegsschuld abtragen – dafür, dass Deutschland das Nachbarland überfallen, den Staat Polen ausgelöscht und drei Millionen seiner Einwohner umgebracht hat? Nein, dass die Vertriebenen "für das Geschehene", wie er sagt, büßen müssen, "das darf nicht sein!". Glowna: "Es kann doch keine Kollektivhaftung geben!"