Vertriebene
„Da müssen sie mit dem Panzer kommen!“
Mit dem EU-Beitritt wächst in Polen die Angst vor den Deutschen. Eine Gesellschaft namens Preußische Treuhand, an deren Spitze Funktionäre der Vertriebenenverbände stehen, fordert „deutsches“ Eigentum zurück
Die Begegnung mit der Vergangenheit macht Klaus Glowna jedes Mal von neuem wütend. Jetzt steht er hier am Ende einer stillen Sackgasse im polnischen Grenzstädtchen Lęknica vor einem zweistöckigen Einfamilienhaus aus rotem Ziegelstein und kann sich kaum beherrschen. Das Städtchen gehörte einst zu Bad Muskau, bekannt durch seinen von Fürst Pückler angelegten Landschaftspark, und liegt heute auf der polnischen Seite. Glowna atmet schwer vor Erregung. Was er sieht, macht ihn zornig und traurig. Das Haus ist verkommen, der Vorgarten von Unkraut überwuchert. Wo einst im Sommer bunte Blumen blühten, macht sich heute ein trüber, ungepflegter Tümpel breit. Die heruntergekommenen Bauten auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses „waren mal unsere Remisen, wir hatten immer zwei Kutschen, darunter einen Landauer“, erzählt der 71-Jährige. Er zeigt zum Fenster im Dachgiebel des Wohnhauses: „Das Zimmer dort oben gehörte meiner älteren Schwester.“ Die Bewohner des Ziegelhauses sind unterdessen aufmerksam auf den Besucher draußen geworden, hinter dem Verandafenster wackelt die Gardine. Will Glowna nicht hineingehen, auf einen Schwatz mit den jetzigen Bewohnern? Heftig wehrt er ab: „Nein, nein, das sind richtig böse Leute! Die kommen mit dem Knüppel!“
Was man vielleicht, ohne die Leute zu kennen, verstehen kann. Denn Glowna, der hier wohnte, bis er 13 war, damals, als Lęknica noch Lugknitz hieß und ein deutscher Ort war, möchte die Leute aus dem Haus jagen. Er will sein Elternhaus zurückhaben, samt den 16 Hektar Wiesen und Felder der dazugehörigen Landwirtschaft. Und für die nahe gelegenen alten Lugknitzer Dachstein & Schamottewerke, die sein Urgroßvater August Glowna im Jahr 1835 gründete, möchte er außerdem entschädigt werden. Ein hochmoderner Betrieb sei das gewesen mit zuletzt 38 Beschäftigten, von den Nazis in den vierziger Jahren wegen hervorragender Leistungen dreimal mit der „goldenen Fahne“ ausgezeichnet. Von den imposanten Backsteinbauten der Fabrik ist nichts geblieben, nur der hohe Schornstein steht noch. Die Polen rissen die Gebäude nach dem Krieg ab und errichteten stattdessen grau-braune Klötze. Eine Ziegelei ist es geblieben. Am Rand des Geländes hat sich eine kleine Tankstelle niedergelassen, es tanken hier aber fast nur Deutsche. Vor der Ziegelei verlädt ein Gabelstaplerfahrer gerade Paletten mit Ziegelsteinen auf einen Lastwagen. Misstrauisch beobachtet er Glowna aus den Augenwinkeln, schließlich rollt er mit seinem Gabelstapler heran und gestikuliert drohend mit Armen und Händen.
In den nächsten Tagen will Klaus Glowna einer Organisation namens Preußische Treuhand beitreten, die seine Interessen wahrnehmen und den einstigen Besitz für ihn einklagen soll. Die Gesellschaft wurde vor rund drei Jahren gegründet, als sich der EU-Beitritt Polens abzeichnete. Mit Hilfe der europäischen Rechtsprechung hoffen viele deutsche Alteigentümer, ihre einstigen Ländereien in Polen doch noch zurückzuerhalten. Unverhohlen gibt die Treuhand als Geschäftszweck die Rückgabe des „konfiszierten Eigentums“ in „den Preußischen Provinzen jenseits von Oder und Neiße“ an. Fast sechs Jahrzehnte nach Kriegsende stellen Hardliner und Ewiggestrige unter den Vertriebenen die Nachkriegsordnung infrage und wecken bei Polen alte Ängste und Ressentiments. Musterprozesse sollen angestrengt werden, das Geld dafür will die Treuhand durch die Ausgabe von Aktien hereinbekommen. 50 Euro kostet eine Treuhand-Aktie. Rund tausend Menschen hätten bereits Aktien gekauft, fast nur Leute, die selbst Ansprüche geltend machen, sagt Treuhand-Aufsichtsratschef Rudi Pawelka, der zugleich Vorsitzender der Landsmannschaft Schlesien ist. Auch einzelne Heimatgruppen sind darunter wie die der Grafschaft Glatz. „Mehrere hunderttausend Euro“ seien schon zusammengekommen, so Pawelka.
Die Treuhand ist eine Kommanditgesellschaft auf Aktien, die, so heißt es in der Selbstdarstellung, umso ernster genommen werde, je mehr Finanzkraft sie ansammelt. Der Geschäftsbetrieb soll später einmal allein von den Zinsen der Einlagen getragen werden. Die Treuhand will jene Aufgaben übernehmen, die den einzelnen „Anspruchsinhabern“ viel Mühe bereiten würden. Das „Beibringen von Unterlagen und Geltendmachen bei den Behörden des Vertreiberstaats“ gehören ebenso dazu wie die spätere Verwaltung zurückerworbener Ländereien. Noch führen ehrenamtliche Helfer die Geschäfte, ein provisorisches Büro existiert derzeit im Düsseldorfer Haus der Landsmannschaft Ostpreußen.
Während in Deutschland die Aktivitäten der Treuhand bisher kaum zur Kenntnis genommen werden, sind sie in Polen landesweit diskutiertes Thema und haben zu einer spürbaren Verschlechterung des polnisch-deutschen Verhältnisses geführt. Nach einer Aufbruchphase in den neunziger Jahren, als Polen und Deutsche einen Grenzvertrag und einen Freundschaftsvertrag schlossen und in kurzer Zeit über 400 polnisch-deutsche Städtepartnerschaften begründet wurden, fürchten sich viele Polen nun wieder vor dem Nachbarn im Westen. Die Preußische Treuhand ist durch ihre bloße Existenz bereits ein Affront für die Polen. Jagd auf das verlorene Land titelte die linksliberale Gazeta Wyborcza; „Geht die Lawine los?“, fragte das Wochenmagazin Przeglad. Als besonders provozierend empfinden viele, dass sich die Treuhand im Ausland Prussian Claims Society nennt – in Anlehnung an die Jewish Claims Conference, die mit Deutschland Entschädigungen für verfolgte Juden aushandelte.
Die Vergangenheit lässt Klaus Glowna bis heute nicht los. Manchmal, sagt er, wache er nachts schweißgebadet auf, weil er wieder einmal von der Vertreibung geträumt hat. Es war der 20. Juni 1945, als zwischen vier und fünf Uhr morgens polnische Soldaten ins Haus drangen und die Familie zwangen, ein paar Habseligkeiten auf einen Leiterwagen zu packen und das Haus binnen 20 Minuten zu verlassen. „Wir sind hier in der Gegend geblieben, weil wir dachten, wir könnten bald zurück.“ Die Familie Glowna siedelte sich in Hoyerswerda in Sachsen an, keine 50 Kilometer von Lęknica entfernt. Klaus Glowna heiratete, machte Karriere als Ingenieur, spät wurde ein Sohn geboren. Seit 44 Jahren wohnt Glowna in derselben 69 Quadratmeter-Wohnung in einem der ersten Blocks des nach dem Krieg zur Industriestadt ausgebauten Städtchens. Heute leitet er den Stadtverband des Bundes der Vertriebenen (BdV) in Hyerswerda.
Anders als in der Bundesrepublik, wo die Vertriebenen für ihre Verluste einen Lastenausgleich und zinsgünstige Darlehen erhielten, wo sie in den außenpolitischen Debatten mitredeten und bis 1969 sogar ein eigenes Ministerium hatten, war das Thema Vertreibung in der DDR ein Tabu. „Umsiedler“ seien Menschen wie er genannt worden, sagt Glowna. Ein LPG-Bauer in seinem Bekanntenkreis sei, so erzählt er, für drei Jahre im berüchtigten Zuchthaus in Bautzen verschwunden, weil er in einer Kneipe einmal das Schlesierlied geschmettert habe („Sei gegrüßt am schönen Oderstrand, liebe Heimat, traute Heimat! Schlesien, du mein liebes Heimatland!“). Er selbst sei nur knapp einem Parteiordnungsverfahren entgangen, weil er den höchsten Berg des Riesengebirges nicht beim polnischen Namen Sniezka nannte, sondern Schneekoppe sagte. Glowna war in der SED. Sonst, sagt er, hätte er keine Karriere machen, nicht einmal studieren können. „In meiner Kaderakte stand: Vater Unternehmer“ – im Arbeiter-und-Bauern-Staat ein echter Makel.
Klaus Glowna fühlt sich als Zukurzgekommener der Geschichte, ja als „Verlierer des Kriegs“. Feierlich sagt er: „Ich verzichte auf Rache und Vergeltung, aber nicht auf mein Recht!“ Damit meint er sein ehemaliges Eigentum. „Warum dürfen Menschen in München oder Köln erben und vererben? Warum darf ich das nicht?“ Hat er aber schon einmal daran gedacht, dass Vertriebene wie er deutsche Kriegsschuld abtragen – dafür, dass Deutschland das Nachbarland überfallen, den Staat Polen ausgelöscht und drei Millionen seiner Einwohner umgebracht hat? Nein, dass die Vertriebenen „für das Geschehene“, wie er sagt, büßen müssen, „das darf nicht sein!“. Glowna: „Es kann doch keine Kollektivhaftung geben!“
Krzysztof Ruchniewicz hat einen wunderschönen Blick von seinem Büro auf den Dom in Breslau, das heute Wrocław heißt. Der junge Historiker leitet das Willy-Brandt-Zentrum, das es seit zwei Jahren gibt und auf Anregung von Kanzler Gerhard Schröder bei einem Breslau-Besuch zurückgeht. In einem liebevoll restaurierten Altbau der Universität ist es untergebracht. Zwölf Wissenschaftler aus verschiedenen Fachrichtungen sollen dort für ein „besseres Verständnis der neuen europäischen Wirklichkeit“ forschen.
Dass ein Teil der vertriebenen Deutschen nun zu einer Art letzten Gefechts um die alten Besitztümer ansetzt, hat Ruchniewicz nicht überrascht. Das Klima dafür sei vorbereitet gewesen durch die Debatten der letzten Jahre, in denen sich die Deutschen vor allem als Opfer gesehen hätten. Angefangen mit Günter Grass’ Novelle Im Krebsgang (2002), die vom Tod Tausender deutscher Flüchtlinge an Bord der torpedierten Wilhelm Gustloff handelt, über die Bücher und Fernsehdokumentationen zu den Bombardierungen deutscher Städte durch die Alliierten bis hin zu dem vom BdV geforderten Zentrum gegen Vertreibungen, das in Berlin entstehen soll. Von Warschau aus betrachtet, würde dieses Zentrum in Sichtweite des Holocaust-Denkmals stehen – für viele Polen eine unerträgliche Relativierung deutscher Schuld.
Die Übernahme der deutschen Gebiete hätten die Polen stets „auch als Wiedergutmachung für die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg verstanden“, sagt der Forscher Ruchniewicz und verweist dezent darauf, dass die Vertriebenen keineswegs nur Opfer, sondern auch Stütze des Hitler-Regimes gewesen seien. „Über 50 Prozent der Deutschen in Pommern, Ostpreußen und Schlesien haben die Nazis gewählt, die Städte hier waren Hochburgen der Nazis!“
Der freundliche Herr will den Polen ganz Pommern nehmen
Ach, die Vergangenheit, die trennende – sie wollten sie für immer hinter sich lassen. Ein Fest der Versöhnung wollten sie feiern, Deutsche und Polen, alte und neue Besitzer von Schloss Mierzęcin, das früher Merenthin hieß, rund 50 Kilometer nordöstlich von Landsberg an der Warta gelegen, das heute Gorzów heißt. Schloss und zugehöriges Gut waren bis 1945 im Besitz der Familie von Waldow. Nach dem Krieg diente das Gebäude erst als Waisenhaus, dann als Sitz eines staatlichen Landguts. Schließlich wurde es kaum noch genutzt, Schloss und Park verfielen zusehends. Vor sechs Jahren ersteigerte die polnische Firma Novol, die Autolacke herstellt, die inzwischen verrottete Immobilie und den 60 Hektar umfassenden, völlig verwilderten Park zum „Preis einer Mittelklasselimousine“, wie es Piotr Nowakowski, einer der beiden Novol-Direktoren, ausdrückt.
Der 55-jährige Nowakowski und sein gleich alter Partner Piotr Olewiński bauten das Schloss aus dem 19. Jahrhundert zum Hotel mit Schulungszentrum und Erholungsheim für ihre Beschäftigten aus. Möglichst originalgetreu wollten sie das im Stil englischer Neogotik errichtete Bauwerk restaurieren, daher bemühten sie sich um eine Verbindung zu den früheren Eigentümern und gerieten an Alexander von Waldow, der heute 81 Jahre alt ist. Der emeritierte Architekturprofessor lebt im schleswig-holsteinischen Eckernförde. Der Austausch mit ihm begann frostig, denn von Waldow ließ keinen Zweifel daran, dass er seine Familie nach wie vor als den rechtmäßigen Eigentümer von Schloss Merenthin ansieht. Dennoch war er mit alten Fotos und Plänen behilflich; so konnte das Schloss bis in die Details hinein, von den Stuckdecken bis zur Fassadengestaltung, wiederauferstehen. Aus der anfangs schwierigen Beziehung schien über die Jahre so etwas wie eine distanzierte Freundschaft geworden zu sein, so empfanden es jedenfalls die neuen Eigentümer. „Wir haben uns mit Vornamen und Sie angeredet“, sagt Piotr Nowakowski.
Ihren Besitzerstolz können Nowakowski und Olewiński nicht verbergen. Alles zeigen sie vor, in sämtliche Räume führen sie den Gast, durch das Musik-, das Damenzimmer und den Ballsaal, hinaus vors Eingangsportal, wo der Park beginnt, und sie sagen mit ausladender Handbewegung: „Dahinter erstrecken sich 100 Kilometer Wald.“ Nach Mitternacht bitten sie noch einmal nach draußen, da das Gebäude, wenn es von unzähligen Lampen angestrahlt wird, am eindrucksvollsten wirke.
Die Wiedereröffnung des in altem Glanz erstrahlenden Schlosses im Herbst 2002 sollte nicht nur ein rauschendes Fest werden, es sollte auch ein Stück deutsch-polnischer Versöhnung sein. 120 Gäste waren geladen, Honoratioren der Region, Abgesandte der Kirche, auch der polnische Botschafter aus Berlin reiste an, ebenso acht Angehörige der Familie von Waldow. Alexander von Waldow schenkte einen Zinnteller mit der Friedensbitte aus dem Agnus Dei, „Dona nobis pacem“ (Gib uns den Frieden), der heute in der Eingangshalle hängt. Der Höhepunkt des Festes war der Moment, als der große Kronleuchter im Foyer herabgelassen wurde und von Waldows Cousine Irma von Waldow zusammen mit den Kindern von Nowakowski und Olewiński die Kerzen entzündete. „Das war für uns der symbolische Übergang von Schloss Merenthin zu Schloss Mierzęcin, von deutschen in polnische Hände“, sagt Nowakowski.
Die Harmonie währte nur kurz. Eine Woche später erfuhren Nowakowski und Olewiński, dass Alexander von Waldow wenige Tage vor dem Eröffnungsfest in Österreich einen Vortrag gehalten hatte, in dem er nicht nur die Herausgabe der alten Besitztümer an die ehemaligen deutschen Inhaber forderte, sondern auch einen Plan vorlegte, demzufolge Polen der südliche Teil Ostpreußens und ganz Pommern weggenommen werden und im Gegenzug Teile Weißrusslands und der Ukraine zurückerhalten soll. Viel schlimmer als diese „wahnsinnigen und absurden Gedanken“, sagt Nowakowski, hätten sie jedoch ein Interview empfunden, das von Waldow wenig später ohne ihr Wissen der Deutschen Welle gab – auf Schloss Mierzęcin! Darin bezeichnete er seine Familie als die rechtmäßigen Eigentümer des Schlosses und räumte den heutigen polnischen Besitzern generös ein, angesichts der vielen Millionen Euro, die sie investiert hätten, das Schloss für zehn oder zwanzig Jahre kostenlos von ihm pachten zu dürfen. Außerdem gab sich von Waldow als stellvertretender Vorsitzender der Preußischen Treuhand zu erkennen.
Die Geschichte hat die beiden Firmenchefs sichtlich getroffen. Von Waldows freundliches Verhalten, seine scheinbar sich allmählich entwickelnde Bereitschaft, die heutige Situation zu akzeptieren – „das waren“, schrieben Sie ihm, „Täuschungen, Trugbilder, ein Schleier, mit dem Sie Ihre wahre Absicht verhüllten“. Und weiter: „Ihre Absicht besteht darin, den rechtmäßigen Eigentümern ihr Eigentum zu entreißen, und das mit allen Mitteln: dem Erringen von Sympathie und dem langsamen Aufbau einer Freundschaft.“ Er sei nun auf Schloss Mierzęcin Persona non grata und möge sich hier nie wieder sehen lassen.
Ein wenig tröstete es Nowakowski und Olewiński, dass sich viele andere Familienmitglieder der von Waldows entsetzt zeigten und um Vergebung baten, darunter Eberhard, der in den USA lebende Bruder Alexander von Waldows. „Ich bin zutiefst betrübt über den Missklang, den mein Bruder in unsere freundschaftliche Beziehung gebracht hat“, schrieb er und versicherte, „dass mein Bruder … mit diesen Ansichten in der Familie völlig allein steht“.
Das mag sein. Dass Alexander von Waldow mit seinen Ansichten aber in Deutschland ganz und gar nicht allein steht, das wissen Nowakowski und Olewiński, seit sie von der Preußischen Treuhand erfahren haben. „Vor zehn Jahren hat keiner in Polen gedacht, dass im vereinten Europa manche Deutsche wieder meinen, sie könnten doch noch Kasse machen“, sagt Nowakowski. „Da sollten sie sich besser auf die polnische Mentalität einstellen. Da müssen sie schon mit dem Panzer kommen!“
Alexander von Waldow versteht die Aufregung nicht. Er habe aus seiner Ansicht nie einen Hehl gemacht, sagt er. Dieser höfliche, vitale Herr, der wesentlich jünger aussieht, als er ist, spricht ruhig und unaufgeregt; manche Ungeheuerlichkeiten, die er im sympathischen Plauderton von sich gibt, erfasst man erst, wenn er schon beim nächsten Satz ist. Ja, die Deutschen hätten den Krieg begonnen, sagt er zum Beispiel – „aber wer hat ihn verursacht? Ich will das nicht vertiefen.“ Wenig später führt er aus, Polen sei nach wie vor „Besatzungsmacht“ in den deutschen Ostgebieten. Doch nie sei es Eigentümer der deutschen Ländereien dort geworden, denn „das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 besteht fort“. Deswegen seien Piotr Nowakowski und Piotr Olewiński auch nicht rechtmäßige Eigentümer von Schloss Merenthin. Rechtmäßiger Eigentümer sei immer noch seine Familie. Von Waldow beugt sich vor und sagt freundlich lächelnd: „Um es mal drastisch zu sagen: Mein Freund in Merenthin hat Hehlerware gekauft vom verbrecherischen polnischen Staat. Und Hehlerware muss zurückgegeben werden.“
Die Preußische Treuhand und Menschen wie Alexander von Waldow ängstigen viele Polen und haben alte Vorbehalte gegen die Deutschen wiederbelebt. Auf die Frage des Meinungsforschungsinstituts CBOS, welches EU-Land Polen gegenüber am negativsten eingestellt sei, antworteten jüngst 57 Prozent: Deutschland. Überall in den ehemals deutschen Gebieten machen sich Verunsicherung und Zorn breit, auch dort, wo Vertriebene und polnische Einwohner bisher harmonisch miteinander auskamen. Wie im 7000 Einwohner zählenden Städtchen Chojna, das einmal Königsberg in der Neumark hieß.
Die ehemaligen deutschen Bewohner Chojnas leben heute in Niedersachsen. Regelmäßig kommen sie zu Besuch, sie haben einen Förderverein gegründet, der Geld für die Restaurierung der Marienkirche sammelt. Letztes Jahr wurde die Eindeckung des Turms fertig gestellt und die Orgel eingeweiht. Einmal im Jahr, berichtet Robert Ryss, Chefredakteur und Gründer der kleinen Wochenzeitung Gazeta Chojeńska, veranstalten sie einen Königsberg-Tag. Dann bringen sie eine Blaskapelle mit, feiern ein Fest und besuchen die Gräber ihrer Vorfahren. „Dabei sind sie ganz vorsichtig“, sagt Ryss, beinahe amüsiert. „Sie fragen zum Beispiel, ob es uns etwas ausmache, wenn sie von ‚Königsberg‘ sprechen statt von ‚Chojna‘.“ Nie habe jemand von ihnen darüber gesprochen, altes Eigentum wiederhaben zu wollen, sagt Ryss. „Sie kommen nur mit einem sentimentalen Heimatgefühl.“
Stettins Oberbürgermeister mag die Deutschen nicht
Und doch sind die Menschen, die in Häusern geflohener Deutscher wohnen, nun besorgter als zuvor. Andrzej Kmecki, der bei der Gazeta Chojeńska die Anzeigen aufnimmt, lebt seit seiner Geburt 1952 in einem Haus, das früher Deutschen gehörte. Von der Kommunalverwaltung war das kleine Siedlungshäuschen damals seinen Eltern zugewiesen worden, nachdem sie aus dem der Sowjetunion zugeschlagenen Ostpolen fliehen mussten. Die Angst, aus dem Häuschen verjagt zu werden, sei stets präsent gewesen, sagt Kmecki, auch wenn er all die Jahre nie etwas von den früheren Besitzern gehört hat. „Selbst als die DDR unsere Grenze anerkannt hat, war immer dieses Gefühl da: Na, irgendwann könnte die Grenze doch noch verschoben werden.“ Deshalb habe er nie viel ins Haus investiert, immer nur die nötigsten Reparaturen ausgeführt.
Die Häuser ehemaliger Deutscher stehen alle in einem kleinen Viertel östlich des Zentrums. Viele sind es nicht mehr. 1945, als hier der totale Krieg tobte, wurde Chojna zu 75 Prozent zerstört. Es sind nur ein paar Schritte von Andrzej Kmeckis Haus zu Zdzisław Kościński und dem Doppelhaus, dessen eine Hälfte er mit seiner Frau bewohnt. Nebenan lebt eine ältere Frau, die sofort auf die Straße springt, als sie den Besuch heranfahren sieht. Deutsche sind da! Jetzt ist es so weit! Nein, nein, sie will keine Fragen beantworten und rennt schnell wieder ins Haus.
Zdzisław Kościński ist ein wenig gelassener als seine Nachbarin. Er holt eine Mappe mit Dokumenten herbei und zieht eines heraus, das sein Vater einst vom polnischen Staat erhalten hat. Darin wird ihm bescheinigt, dass er sein Haus in Ostpolen, das heute zur Ukraine gehört, verloren und dafür dieses Haus hier in Chojna erhalten habe. Er habe es also schwarz auf weiß, dass er hier rechtmäßig wohne, sagt Kościński. Was soll ihm also passieren? „Es ist nicht meine Schuld, dass ich hier lebe.“ Von den früheren Besitzern habe er all die Jahre nie etwas gehört. Er hat nur erfahren, dass sie damals, 1945, nach Köln gegangen seien und inzwischen tot sein sollen. Ob es Erben gibt? Kościński zuckt mit den Schultern. Er zeigt auf das Kruzifix über der Küchentür: „Dieses Kreuz wird mich davor bewahren, auf die Straße gesetzt zu werden.“ Die Furcht der Einheimischen vor den Deutschen ist auch deswegen so groß, weil Polen die Eigentumsfragen nicht so wichtig genommen hat. Viele der in den ehemals deutschen Gebieten lebenden Polen haben ihre Häuser und Grundstücke nur gepachtet. Hätten die Polen den „Erwerberschutz“ so gestärkt wie die Deutschen, sagt der Berliner Anwalt Stefan von Raumer, ein Experte für Entschädigungsfragen, könnten sie sich heute sicherer fühlen.
Viele Städte und Gemeinden haben vor dem EU-Beitritt noch schnell versucht, eine solche Sicherheit zu schaffen. So fasste das Stadtparlament von Szczecin, dem früheren Stettin, Ende vergangenen Jahres den Beschluss, dass Bürger ihre gepachteten Grundstücke vor dem 1. Mai für zehn Prozent des Verkehrswertes kaufen konnten. Wer in der Lage war, den ganzen Betrag auf einmal zu zahlen, bekam weitere fünf Prozent Rabatt. Andere Städte folgten dem Beispiel. Ein Gespräch darüber lehnt Marian Jurczyk, Stettins Oberbürgermeister, jedoch ohne Begründung ab. „Er mag keine Deutschen“, sagt ein städtischer Bediensteter.
In Warschau hat das Stadtparlament den Oberbürgermeister Lech Kaczynski gar beauftragt, eine Kommission einzusetzen, um die von den Deutschen verursachten Kriegszerstörungen zu berechnen. Sie kam auf die Summe von 31,5 Milliarden Dollar. Die Forderung will Warschau der Bundesregierung präsentieren, sollten deutsche Vertriebene tatsächlich Rückgabeansprüche vor Gericht erstreiten wollen. Die Summe hält Kaczynski noch für zu niedrig. Immerhin sei Warschau zu 90 Prozent zerstört worden, und die Hälfte der Bevölkerung habe den Krieg nicht überlebt.
Auch andernorts wurden inzwischen solche Kommissionen zur Berechnung von Reparationsforderungen gegen Deutschland ins Leben gerufen, etwa in Poznan (Posen) oder der Region Masowien. Vor allem konservative Politiker greifen das Thema auf. So warnte Jan Rokita, der Fraktionschef der Bürgerlichen Plattform im Sejm, dem polnischen Parlament, mit Blick auf die Preußische Treuhand: „Die Deutschen, die Institutionen gründen, um Entschädigungsforderungen wegen des in unseren West- und Nordgebieten verlorenen Eigentums zu stellen, spielen mit dem Feuer.“
Der Bund der Vertriebenen (BdV) ist angesichts der verheerenden Wirkung in Polen offiziell auf Distanz zur Preußischen Treuhand bedacht. Er droht ihr gar mit juristischen Schritten. Das BdV-Präsidium unter seiner Chefin Erika Steinbach habe „der Preußischen Treuhand unter Androhung gerichtlicher Schritte untersagt, in ihrem Internet-Auftritt eine Nähe zum Bund der Vertriebenen und seinen Mitgliedsverbänden zu suggerieren, die nicht gegeben ist“, heißt es in einer Erklärung. Der BdV beteuert, dass er „keine personellen, inhaltlichen oder strukturellen Kontakte und Verbindungen zur Preußischen Treuhand hat und auch nicht haben will“. (Siehe auch Gedenken mit Schmiss )
Keine Verbindungen? Treuhand-Chef Pawelka ist zugleich Bundesvorsitzender der schlesischen Landsmannschaft, die zusammen mit der ostpreußischen Landsmannschaft über 50 Prozent des Stammkapitals der Treuhand hält. Beides sind Mitgliedsverbände des BdV. Und Hans-Günther Parplies, der Stellvertreter von Erika Steinbach beim BdV sowie BdV-Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen, ist neben Alexander von Waldow stellvertretender Aufsichtsratschef der Treuhand.
Auf deutscher wie polnischer Seite mehren sich inzwischen die Stimmen, die fordern, die Regierungen beider Länder müssten eine Lösung finden, ehe es zu juristischen Schlammschlachten komme. Der Berliner Anwalt von Raumer warnt vor der „Eigendynamik“, die solche Verfahren entwickeln: „Da geht es dann um viel Geld, um hohe Gebühren, dann kommen ganz andere Interessen ins Spiel, vor allem, wenn, wie von der Treuhand angekündigt, auch Sammelklagen in den USA eingereicht werden sollen.“ Für eine politische Lösung plädiert auch der aus Polen stammende Berliner Anwalt Stefan Hambura. Er ist einer von drei Juristen, die den Auswärtigen Ausschuss des polnischen Parlaments hinsichtlich der Reparationsforderungen gegen Deutschland beraten haben. Das Beste wäre, sagt er, die deutsche Regierung erklärte die Forderungen der Vertriebenen für gegenstandslos und Polen verzichte im Gegenzug auf jegliche Reparationsforderungen. „Alle Klagen der Preußischen Treuhand könnten dann verhindert werden.“ Das hätte zur Folge, dass die Vertriebenen die Bundesrepublik Deutschland verklagen würden. Doch dieser Preis, meint Hambura, sollte Deutschland ein unbelastetes Verhältnis zu Polen wert sein. Zumal die Leistungen, die die Vertriebenen im Rahmen des Lastenausgleichs erhalten haben, dagegen aufgerechnet werden könnten.
Wie erfolgreich die Klagen der Vertriebenen überhaupt sein werden, wissen auch Rechtsexperten nicht genau. Selbst die Preußische Treuhand ist sich noch nicht endgültig im Klaren darüber, wie sie am besten vorgehen soll. Wahrscheinlich werde man demnächst parallel starten, sagt Rudi Pawelka. Ein Musterfall soll vor ein polnisches Gericht gebracht und durch sämtliche Instanzen des Landes getrieben werden; wenn er – was anzunehmen ist – auf allen Ebenen abgewiesen wird, soll er am Ende beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg landen. Mit einem zweiten Präzedenzfall werde man gleich nach Straßburg ziehen.
Es ist schon viel zu dem Thema geschrieben worden, und stets unterscheiden sich die Ergebnisse fundamental. Die deutschen Experten kommen meist zu dem Schluss, da es zwischen Polen und Deutschland nie zu Abreden bei den Eigentumsfragen gekommen sei, bestünden die Ansprüche der Vertriebenen fort. Polnische Juristen behaupten, dass sich das Recht Polens, über das ehemalige deutsche Privateigentum zu verfügen, aus dem Potsdamer Abkommen von 1945 ergebe, in dem die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs die Nachkriegsgrenzen Polens festlegten.
Der Tübinger Professor Martin Nettesheim, Experte für Völker- und Europarecht, hält ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte nur dann für erfolgreich, wenn begründet werden könne, dass die Nachkriegsenteignungen nicht nur völkerrechtswidrig, sondern auch nichtig seien. Das sei jedoch ziemlich unwahrscheinlich. Andernfalls müsste dargelegt werden, dass zum Zeitpunkt der Aufnahme Polens in den Europarat am 26. November 1991 eine „berechtigte Erwartung“ auf Rückgabe konfiszierten Eigentums bestand. Das Brüsseler EU-Recht begründe dagegen keine Rückgabepflichten. Es verbietet lediglich Diskriminierungen vor allem bei einer Unternehmensgründung, weil die Binnenmarktfreiheit jedem EU-Bürger Grunderwerb gestattet. Aber selbst dies unterliegt für die nächsten zwölf Jahre einer Einschränkung, so lange gelten in Polen Restriktionen für Ausländer beim Grundstückskauf.
Wie auch immer die juristischen Erfolgsaussichten sein mögen – die polnisch-deutschen Beziehungen sind bereits enorm beschädigt. Eine politische Lösung wäre ein Segen. Doch die beiden Regierungen sind sich nur einig, dass sie sich in dieser Frage nicht einig sind. Polen erklärt seit Jahr und Tag, es gebe keine offenen Vermögensfragen. Die Bundesrepublik hingegen hat lediglich ihre Territorialansprüche gegen Polen aufgegeben und die Grenze anerkannt. Sie „hat damit aber nicht auf individuelle Ansprüche von Deutschen verzichtet“, schrieb das Bundesfinanzministerium kürzlich einem Vertriebenen, der Schadensersatzansprüche an die Bundesregierung stellte, und verwies ihn auf den Klageweg.
Ebendiesen Verzicht erwarten die Polen von den Deutschen. Doch die Bundesregierung schreckt vor der Welle von Regressforderungen zurück, die dann auf sie zurollen würde. Deshalb fallen Bekenntnisse deutscher Politiker in Polen zu dieser Frage immer recht unverbindlich aus. So versuchte Außenminister Joschka Fischer in einem Interview mit der polnischen Zeitung Rzeczpospolita zu beschwichtigen, indem er die Preußische Treuhand zur „Privatinitiative“ erklärte, die „mit der Politik der Bundesregierung nichts zu tun“ habe. Und Bundespräsident Johannes Rau appellierte Ende April vor dem polnischen Parlament: „Lassen Sie sich … nicht beeindrucken von dubiosen Stimmen, die partikulare Interessen vertreten!“
Dass die Ängste der Polen sich mit solchen Sprüchen nicht so einfach zerstreuen lassen, zeigt auch eine Entschließung, die der Sejm kurz vor dem EU-Beitritt des Landes nahezu einstimmig verabschiedet hat. Darin wird konstatiert, dass alle Fragen zum Vermögen der „ehemaligen Umsiedler“ abschließend geklärt seien; deshalb dürften sich europäische Gerichte nicht damit befassen. Denselben Passus möchten die Polen auch in der EU-Verfassung verankert sehen.
Würden alle Vertriebenen sich ein Beispiel an Janina Tołłoczko und Richard Schulz nehmen, brauchte es keine juristischen und politischen Regelungen. Janina Tołłoczko lebt seit 1945 in dem Haus, in dem Richard Schulz seine Kindheit verbrachte. Nie wollte er das Haus zurückhaben, nie musste Janina sich fürchten, dass Richard entschädigt werden wollte.
Janina ist inzwischen 77 Jahre alt und etwas gebrechlich. Meist sitzt sie im Sessel am Fenster ihrer Stube und schaut auf die Straße. Ihr Bauernhaus mit acht Hektar Landwirtschaft im Dorf Nawodna, früher Nahausen, bekamen sie und ihr Mann im Mai 1945 von der Gemeinde zugewiesen. „Steht alles leer, kannst dir was aussuchen“, habe der Bürgermeister zu Janinas Mann gesagt. Richard Schulz, inzwischen 81 Jahre alt, kämpfte in Hitlers Armee, um die Sowjetunion zu erobern. Im Mai 1945 war er auf der Flucht vor den Sowjets in Schleswig-Holstein gelandet. Seine Eltern blieben, nachdem sie aus ihrem Haus vertrieben worden waren, im Dorf Felchow bei Angermünde hängen. Richard Schulz kam später ebenfalls dorthin. In der DDR leitete er eine LPG, heute verbringt er die Tage vor dem Fernseher in seinem kleinen Backsteinhäuschen. Seine Frau ist inzwischen gestorben, ebenso wie Janinas Mann.
Richard und Janina mochten sich auf Anhieb
Die Initiative, sich kennen zu lernen, war von Janina ausgegangen. Erst spät, um 1970 herum, wagte sie, Richard aus Neugier anzusprechen. Lange waren ihr die Bilder von der Vertreibung der Deutschen im Kopf herumgegangen. Im Juni 1945, als alle Häuser in Nawodna längst mit Polen neu belegt waren, seien die alten Eigentümer noch einmal zurückgekommen und hätten wieder in ihre Wohnungen gewollt, erzählt sie. Doch polnische Soldaten und Polizisten hätten sie abgeführt und in Pferdewagen über die Oder zurückgebracht. Ein Schreien und Heulen sei das gewesen. „Die wussten ja nicht, wohin“, sagt Janina.
In Szczecin, auf neutralem Boden, haben Janina und Richard sich zum ersten Mal getroffen, mit ihren Ehepartnern. Sie mochten sich auf Anhieb. „Kleine Schwester hab ich sie immer genannt“, sagt Richard Schulz und kichert. Regelmäßig haben sie sich danach besucht, und Richard organisierte alle zwei Jahre Heimattreffen in Nawodna. „Ich glaube, er hat Heimweh gehabt“, sagt Janina. Gesprochen haben sie und Richard nie darüber, schon gar nicht über Entschädigung und solche Dinge. Als Richard kürzlich von der Existenz einer Gesellschaft namens Preußische Treuhand erfuhr, hat er sich gedacht: „Ja, sind die denn verrückt?“
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 27.05.2004 Nr.23
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