Tschetschenien Krieg unter Brüdern

Nach der Ermordung des Präsidenten kämpft in Tschetschenien jeder gegen jeden. In den Kulturhäusern und Theatern heißt das Kunststück: Überleben

1. Tag, Annäherung:
Nazrans Flughafen liegt auf einer Anhöhe, ein Meteorit aus Glas und Chrom. Von der inguschetischen Hauptstadt zockeln wir unterm Schirmdach der Alleen ostwärts, dem ersten Checkpoint entgegen, ein Bretterverschlag, davor ein weißer Schutzwall aus Sandsäcken. Ein bäuerliches Gesicht erscheint an der Scheibe. Der Soldat verschwindet mit dem Fahrer. In den Pässen meiner tschetschenischen Begleiter liegen 50 Rubel. Damit niemand nach mir fragt, der Frau ohne Papiere.

Tschetschenien: ein Land wie Thüringen als gesperrte Zone. Von Russen errichtetes Ghetto mit Tschetschenen als Kapos. Russlands verdrängtes stalinistisches Unbewusstes, sein schwarzes Loch für Terror, Verschleppung, mafiose Geschäfte. Die Landschaft ist bukolisch. Berge zeichnen sanfte Linien, auf silbernen Dächern Sonnenflecken. Ab und an eine Bildstörung: die Fundamente abgebrannter Häuser, das von Einschüssen gesprenkelte Türkis der Hoftore aus Eisen. Hin und wieder ein Neubau, aber aus alten Ziegeln. In der Ferne die schwarzen Rauchsäulen über den Ölquellen, dem todbringenden tschetschenischen Gold.

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2. Tag, in der Puppenstube:
Grosnyj, ein Gespenst, summt vor meinen Fenstern. Ab und an Maschinengewehrsalven, die wie Feuerwerkskörper knattern. Unser Haus zeigt am Hinterteil das Geschwür eines Bombeneinschlags: Eisenstangen, Schrott, Ziegel, ein Kühlschrankwrack, begrünt von meterhohen Gräsern. Im Flur unserer kleinen Wohnung reiht sich ein Bataillon aus bunten Plastikbottichen. Bereits das fünfte Jahr, sagt Madina* , fließe in Tschetschenien kein Wasser mehr aus den Hähnen. Ausgebombt war sie, in beiden Kriegen, monatelang vegetierte sie in Kellern. Doch irgendwann kam die 29-Jährige wieder, wie ein Hund zurückkehrt in sein Eckchen, hauste zwischen Schutt und verkohlten Wänden. Bloß nie mehr was besitzen, Hauptsache, überleben. Dann hat sie sich doch wieder ihr Nest gebaut. Eine Puppenstube mit blitzendem Parkett und frisch geweißten Wänden. Doch das Klo hat keine Spülung, die Heizkörper sind Attrappen, unter dem Abfluss in der Küche steht ein Eimer. Telefone und Internet-Anschluss haben nur die Behörden. Der Wasserwagen hupt. Leider beliefert er nur den Beamten aus dem Versorgungsministerium eine Etage tiefer.

"Es ist die Zeit des Partisanenkriegs", sagt Madina, die letzte freie Korrespondentin in Grosnyj. "Auf der einen Seite stehen die offizielle Macht und ihre Kollaborateure, auf der anderen Seite die Separatisten. Ohne die Unterstützung der Bevölkerung wäre der Widerstand nicht möglich." Jeden Morgen hetzt sie von Informant zu Informant. Dann hängt sie sich mit dem Satellitentelefon zum Hoffenster raus und übermittelt die Meldungen dem ausländischen Rundfunk. Sie schreibt unter verschiedenen Pseudonymen, wurde mehrfach bedroht und verhaftet. Sie lässt mich nur in Begleitung auf die Straße, mit Kopftuch. Wenn mich einer anspricht, muss ich schweigen.

3. Tag, in der Stadt:
"Seit ich dort war", sagt Aslan, der eins der berüchtigten Filtrationslager überlebte, "scheint mir das Leben nicht mehr normal. Ich ziehe mich an, esse, trinke, verliebe mich. Alles ist Dekoration, ein Traum. Macht, Staat, Politiker sind nur Attribute des Schauspiels im Namen des Lebens. Hinter den Worten ist der Tod, hinter den Versprechungen die Folter."

Ich gehe mit dem Dichter, der wie viele Intellektuelle und Künstler nach dem Einmarsch der Russen zunächst im Widerstand kämpfte, durch Grosnyj. Was von der Halbmillionenstadt im ersten Krieg nicht zerstört wurde, hat der zweite ausgelöscht. Grosnyj ist wie das Nachkriegsberlin, doch ohne die Chance des Wiederaufbaus und von der Welt vergessen. Nur auf dem Papier sind die Häuser restauriert worden, oft mehrfach - die Gelder dafür teilen sich in Moskau und Grosnyj russische und tschetschenische Beamte. Die frühere Stadt, ihre Straßenstruktur sind nicht mal zu erahnen. Verschwunden sind Theater, Archive, Bibliotheken, Museen, Minarette und die katholische Kirche. Von der Erde getilgt sind Grosnyjs Parks, Schulen und klassizistische Palais. Vom Zirkus blieb das Stahlgerippe der Kuppel, vom Institut des Öls ein weißes Skelett. Relikte einer versunkenen Schönheit, reingewaschen von zehn Jahren Wind und Regen, Natur gewordene Kathedralen der Zeitlosigkeit, autark, frei von früheren Bindungen. Die Plattenbauten scheinen durchsichtig wie Papier.

Die Ruinen sind wie gemarterte Menschen, deren Wunden nie verheilen. "Jemand", sagt Aslan, "der Krieg und Folter hinter sich hat, mag sich ändern, doch seine wesentlichen Charakterzüge bleiben die gleichen. Wenn einer stark ist, wird er stärker, wenn er weich ist, zerbricht er." Die Russen folterten Aslan, einfach so, aus Lust. Sie zerschossen sein Bein, jagten ihm Nadeln durch die Fingernägel, zerschnitten ihm mit Rasierklingen die Lippen. "Ich war bereit, meine Folterer zu küssen, nur damit sie mich töteten."

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