Ich habe unsere Welt wiedererkannt", sagt der Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. "Wie die Arbeitsplätze aussehen, die Bilder an der Wand, wie die Forscher reden." Kein Wunder, dass der Wissenschaftler sich über den Film The Day After Tomorrow freut: Er hätte glatt das Vorbild sein können für den Paläoklimatologen Jack Hall, der im Film zwar nicht die Welt rettet, aber wenigstens seinen halbwüchsigen Sohn vor dem Erfrieren.

Ja, die Wissenschaft in Roland Emmerichs neuem Film stimmt nicht. Der Regisseur hat sich ein von den Forschern für unrealistisch gehaltenes Szenario genommen, seine Zeitskala von Jahrzehnten auf einige Tage eingedampft und es faktenwidrig, aber kassenträchtig von Europa in die USA verlegt (siehe unten). Aber eine solche Kritik geht natürlich fehl – man wirft ja auch nicht einem Film wie Godzilla (ebenfalls von Emmerich in Szene gesetzt) vor, dass er die Anatomie von Echsen falsch repräsentiert. Die Kinozuschauer wollen eben kein Ereignis verfolgen, dessen Dramaturgie sich über mehrere Generationen entfaltet.

Was Forscher wie Rahmstorf an dem Film "erschreckend realistisch" finden, ist neben der Darstellung ihrer täglichen Arbeit in Wetterstationen und Hochschulbüros die Beschreibung der Konfrontation zwischen Wissenschaft und Politik: der Forscher, der auf Klimakonferenzen warnend seine Prognosen vorträgt – um dann vom Politiker mit Hinweis auf die Ökonomie abgekanzelt zu werden. Genau das ist der traurige Alltag insbesondere US-amerikanischer Klimaforscher.

Dass Spielfilme ihren Plot so nah an der Lebenswirklichkeit von Forschern entlang erzählen, ist eine recht neue Entwicklung. Traditionell spielt der Wissenschaftler im Film eine klischeebehaftete Nebenrolle, und meistens eine unrühmliche. Die Figur des mad scientist, dessen Erfindungen außer Kontrolle geraten und zu katastrophalen Entwicklungen führen, dominierte die Science-Fiction-Filme seit den zwanziger Jahren. Doktor Frankenstein war eigentlich der Doktor Faust, der sich in menschlicher Hybris an der Schöpfung verging. Diese Karikatur eines Wissenschaftlers zieht sich bis in die Gegenwart, noch in Terminator 2 (1991) muss sich der Computerforscher – natürlich von einer Frau – sagen lassen:"Sie halten sich für so kreativ. Aber Sie erzeugen nur Tod und Zerstörung!"

Zum anderen Geschlecht hat der fast immer männliche Wissenschaftler im Film ohnehin ein gestörtes Verhältnis. Wenn er kein Monster ist, dann ist er eine Witzfigur, am besten verkörpert von Jerry Lewis in Der verrückte Professor (1963). An der Universität Bielefeld hat eine Forschergruppe um Peter Weingart das Bild der Wissenschaft in Hollywood-Filmen untersucht und kommt zu keinem sehr schmeichelhaften Ergebnis: Wissenschaftler im Film sind "unbeholfen im Privatleben", "schlecht oder nachlässig gekleidet und frisiert", "realitätsfern" und "abgedreht" – nicht gerade der Stoff, aus dem man Helden schnitzt.

Seit den neunziger Jahren aber ist ein Wandel festzustellen: Vor allem der Autor Michael Crichton bemüht sich in seinen Filmen und Romanen, ein realistischeres Bild der aktuellen Forschung zu zeichnen. Die ersten Minuten in Jurassic Park (1993) oder Timeline (2003) halten sich akribisch an den aktuellen Stand der Wissenschaft und verschaffen damit dem Autor ein Glaubwürdigkeitsfundament, von dem er in fantastische Höhen abheben kann: "Schaut her, so könnte es sein!" In dieser realistischeren Welt kann der Wissenschaftler sogar zum Helden werden, ja regelrecht sexy sein – auch wenn die Erotik von Jeff Goldblum (als Chaosforscher in Jurassic Park) oder jetzt Dennis Quaid in The Day After Tomorrow immer noch eine relativ verhaltene ist.

Erfolgreiche Spielfilme prägen die öffentliche Wahrnehmung der Wissenschaft, vor allem in den USA, und rücken viele Phänomene überhaupt erst ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Durch Rain Man (1988) erfuhren viele zum ersten Mal etwas über den Autismus, Jurassic Park löste das Dino-Fieber und das Interesse am Klonen aus. Schafft es Roland Emmerich, das Nicht-Thema Klimaschutz in den USA auf die politische Agenda zu heben? Wird ein deutscher Regisseur die Bush-Regierung mehr unter Druck setzen als der politische Gegner? Die Klimaforscher sehen die unverhoffte Popularisierung ihres Stoffes mit gemischten Gefühlen. In der Sache müssen sie auf die grotesken Fehler des Films verweisen. "Das ist unmöglich!", erregt sich Mojib Latif vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften. "Selbst wenn der Golfstrom zusammenbricht, gibt es keine Eiszeit."

Politisch aber hoffen vor allem amerikanische Klimaforscher, dass der Film sie ein bisschen aus der Außenseiterecke holt. "Es werden viel mehr diesen Film sehen, als je meine Aufsätze lesen werden", sagt Dan Schrag von der Harvard University. Den Klimaschutzgegnern hingegen ist Emmerichs Film ein Dorn im Auge. Denn Fiktion hin oder her – das amerikanische Publikum nimmt eine Spielfilm-Handlung eher für bare Münze als das europäische, glaubt der Medienforscher Weingart: "In den USA ist es viel stärker ausgeprägt, dass man an das, was man da sieht, auch glaubt."