Kein Land importiert so viel Öl wie die Vereinigten Staaten, mehr als 10 Millionen Fass am Tag, jedes Fass genau 159 Liter groß. Penibel achtet das amerikanische Energieministerium darauf, was sich bei unsicheren Kantonisten unter den Öllieferanten tut. Das Scheichtum Saudi-Arabien, nach Kanada der zweitwichtigste Öllieferant der USA, tauchte in der Liste der heiklen Länder bisher nicht auf – obwohl die Gedanken und Planspiele amerikanischer Geostrategen stets um den Wüstenstaat kreisen, unter dessen Boden so viel Öl lagert wie in keinem anderen Land der Erde.

Jetzt aber geht von Saudi-Arabien die größte Gefahr für die Ölversorgung aus. Das Terrornetzwerk al-Qaida hat erkannt, dass den verhassten Ungläubigen kaum mehr zu schaden ist als durch die Unterbrechung des Ölnachschubs aus Saudi-Arabien.

Nun jammern weltweit die Autofahrer über steigende Benzinpreise, und Immobilienbesitzer über höhere Energiekosten. Nun geht die Furcht um, der hohe Ölpreis könne die Wirtschaftsentwicklung der Industrieländer abwürgen. Nun verspüren aber auch die Umweltschützer Rückenwind, etwa in Bonn, auf der Weltkonferenz für erneuerbare Energien zu Beginn dieser Woche: Die jüngste Ölpreiskrise offenbare, wie dringlich die „Wende hin zu erneuerbaren Energien“ sei, verkündete Christopher Flavin, der Präsident des Washingtoner Worldwatch-Instituts.

Wohl wahr. Denn zum Öl haben die Verbraucher kaum Alternativen – noch. Zudem treffen die Anschläge die Weltwirtschaft in einer Phase, da der Preis für den wichtigsten Rohstoff des Industriezeitalters bereits ungeahnte Höhen erreicht hat. Um rund ein Fünftel ist der Ölpreis seit Jahresbeginn gestiegen. Hauptgrund: der wachsende Öldurst der USA, Chinas und Japans. Westliche Wirtschaftspolitiker sowie Unternehmensführer hofften zwar, Saudi-Arabien werde auch diesmal eine früher geübte Praxis befolgen und durch vermehrte Produktion für niedrigere Preise sorgen. Aber selbst wenn das Königreich, wie angekündigt, dem Wunsch folgt, droht der erhoffte Effekt dieses Mal zu verpuffen: Die Terrorangst könnte die preisdämpfende Wirkung des größeren Angebots zunichte machen.

Tatsächlich haben die Terroristen mit den jüngsten Attacken in Saudi-Arabien nicht einmal den empfindlichsten Teil der Ölwirtschaft getroffen. Ein Schlag al-Qaidas gegen eines der gut bewachten saudischen Ölterminals, gegen eine Pipeline oder gegen einen Öltanker hätte weit verheerendere Wirkungen. Es sind nur wenige Nadelöhre, durch die sich die riesigen Tankschiffe auf ihrem Weg von den Förderländern nach Amerika, Japan und Europa zwängen müssen, darunter die Straße von Hormus am Persischen Golf, durch die täglich 15 Millionen Fass Öl transportiert werden, fast 20 Prozent der weltweiten Produktion. Würde dieser Nachschub nur teilweise unterbrochen, stiegen die Preise weit über alle bisher erreichten Rekordmarken hinaus.

80 Dollar fürs Öl? Denkbar

Dass der Ölpreis noch Potenzial nach oben hat, zeigt der Umstand, dass die gegenwärtigen Notierungen von rund 40 Dollar pro Fass, real gerechnet, nicht einmal halb so hoch sind wie das durchschnittliche Ölpreisniveau des Jahres 1980. Auf 80 Dollar und mehr könnte der Preis für den wichtigsten Industrierohstoff klettern, wenn außergewöhnliche Ereignisse die weltweite Ölwirtschaft träfen.

Kurzfristig lässt sich die Förderung des schwarzen Goldes kaum noch steigern. Sämtliche Mitgliedsstaaten der Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Opec) fördern bereits mehr, als ihnen laut Quotenbeschluss vom Frühjahr erlaubt ist. Auf täglich 23,5 Millionen Fass hatten sich die Kartellstaaten damals geeinigt; tatsächlich drehten die zehn Opec-Länder ihre Pumpen aber bereits im April fast bis zum Anschlag auf und förderten 25,6 Millionen Fass. Das einzige Land, das kurzfristig noch zulegen könnte, ist ausgerechnet das vom Terror bedrohte Saudi-Arabien.