Um 12 Uhr, wie eigentlich vereinbart, ist Hans Kreipe nicht zu erreichen. "Er macht gerade einen Schnellschnitt, aber wir rufen in fünf Minuten zurück", sagt die Sekretärin des Professors. So kommt es auch. Der Direktor des Instituts für Pathologie an der Medizinischen Hochschule Hannover war bloß kurz verhindert, weil er aus einer laufenden Operation zwei Lymphknoten bekommen hatte, um sie rasch auf bösartige Veränderungen zu untersuchen. Mit traurigem Ergebnis. "In beiden Fällen Krebs", sagt Kreipe leise.

Ein typischer Einblick ins Tun von Pathologen. Wer behauptet, er sei zur Muttermalüberprüfung beim Hautarzt gewesen, und der habe herausgefunden, die untersuchten Gewebeproben seien gutartig, erzählt zwar die wichtigere Hälfte der Wahrheit, aber nur die halbe. Denn nicht einmal auf Krebs spezialisierte Mediziner, von wenigen Ausnahmen abgesehen, können Entwarnung geben, ohne Pathologen zu bemühen – Spezialisten für krankhaft verändertes Körpergewebe.

Abstriche vom Muttermund, die Gebärmutterhalskrebs entlarven können, oder Wucherungen im Dickdarm, die bei einer Darmspiegelung vorsorglich entfernt worden sind, schickt der behandelnde Arzt nicht einfach in ein Labor, das nach Testmethode 08/15 Ergebnisse ausspuckt. "Kaum jemand weiß, dass nahezu jeder Krebsbefund die Diagnose eines Pathologen ist", sagt Hans Kreipe. Hinter dem gängigen Ausdruck, ein Befund sei "histologisch gesichert", also durch Begutachtung unter dem Mikroskop, komme die persönliche Leistung dieses Facharztes "meist gar nicht zum Ausdruck".

Kreipe, auch Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Pathologie (DGP), beklagt eine "gelegentlich selbst Ärzten unterlaufende Verwechselung" seiner Fachrichtung mit der Labormedizin. Dabei liefere eine Gewebeanalyse keinen simplen Messwert und könne "niemals automatisiert werden, sondern bleibt eine subjektive Einschätzung, die auf jahrelange Ausbildung und Erfahrung zurückgreift", sagt Kreipe.

Auch Reinhard Bollmann, der Leiter des Instituts für Pathologie in Bonn, hält Erfahrung für besonders entscheidend: "Manche Mediziner kapieren das noch immer nicht und denken, wir hätten ein Mikroskop mit einer grünen und einer roten Leuchte, und bei Rot ist es Krebs und bei Grün eben nicht." Da die Methoden so diffizil und fortschrittlich seien, schlössen sich heute viele Pathologen zu einem Netzwerk zusammen, schon damit im Zweifelsfall ein zweiter Blick eines Spezialisten mehr Aufschluss geben kann. "Kein Pathologe kann heute mehr alles allein", sagt Bollmann. Sein Institut beschäftigt sich "hauptsächlich mit der Krebsdiagnose", vor allem bei Brust- und Prostata-Tumoren. Etwa 29000 Männer in Deutschland erkranken jedes Jahr an einem Krebs der Vorsteherdrüse. Hat ein Urologe einem Patienten nach einem auffälligen Bluttest mit Biopsie-Hohlnadeln Gewebe aus der Prostata gestanzt, schickt er es an einen Pathologen. "Wir entwässern das Gewebe, legen es auf einen Glasträger und begutachten es dann genau unterm Mikroskop", sagt Reinhard Bollmann. Auch in Körperflüssigkeiten wie Blut oder Urin kann ein Fachmann unterm Mikroskop die gefürchteten Krebszellen finden.

Wenn Chirurgen bei einer Operation Gewebe aus einer Wucherung entnehmen, müssen Pathologen in wenigen Minuten entscheiden, ob die Zellen gut- oder bösartig sind. Meist können sie entwarnen. Lautet die Diagnose aber "Krebs", bestimmt der Pathologe, wie gefährlich eine Geschwulst ist. Danach richtet sich nicht nur der Umfang des chirurgischen Eingriffs, sondern auch die Intensität einer Chemotherapie.

Die Einstiegschancen sind gut, denn Pathologen finden keinen Nachwuchs

Bei Frauen, die wegen Brustkrebs unters Messer kommen, wird heute in rund zwei von drei Fällen der größte Teil der Brust erhalten. Das ist auch deshalb möglich, weil der Pathologe – mitunter in Absprache mit dem Operateur und dem Frauenarzt – einen günstigen Verlauf der Heilung voraussehen kann und etwa ein Weiterwuchern des Krebses im Umfeld des entfernten Tumors nicht erwartet.