porträt Frankreichs Frankfurter
Daniel Cohn-Bendit, grüner Spitzenkandidat für Europa, träumt von einer europäischen Öffentlichkeit. Nun kämpft er in Paris, Rom, Dublin um Stimmen
Wenn es etwas gibt, das nicht zu Daniel Cohn-Bendit passt, dann ist es öffentliche Verlegenheit. Wie auch? Den Umgang mit Kameras und Mikrofonen ist er gewohnt, seit er als 18-Jähriger im Pariser Mai 68 zu einer Ikone der Studentenbewegung wurde. Nein, Cohn-Bendit ist ein Routinier der öffentlichen Darstellung, weshalb die Szene vor wenigen Wochen in Frankfurt auch so bemerkenswert war. Da stand der „grüne Eurofighter“, wie sie ihn jetzt kampagnehalber nennen, plötzlich auf offener Bühne nach Worten ringend, verlegen, gerührt neben einer anderen 68er-Ikone. Die französische Sängerin Jane Birkin war für einen Auftritt zu seinem Wahlkampfauftakt eigens nach Frankfurt gekommen. Als habe er gespürt, dass zu den gehauchten Worten der Sängerin seine oft etwas brachiale Rhetorik nicht recht passen wollte, blieb er einsilbig, fast verschüchtert, ein Junge neben der großen Jane Birkin. Und das passt dann doch wieder. Denn etwas Jungenhaftes hat sich der 59-Jährige mit der überschäumenden Begeisterung für Politik und für sich selbst bis heute bewahrt.
Offenbar wirkt diese Mischung. Als Cohn-Bendit das letzte Mal für Europa kandidierte, vor fünf Jahren bei den französischen Grünen, hatte der in Frankreich Geborene mit dem deutschen Pass für ziemlichen Wirbel gesorgt. Er war der Star des Wahlkampfes, der Liebling der Medien, er genoss die Unterstützung vieler Künstler und Intellektueller. Andere, wie die wütenden Atomarbeiter von La Hague, wollten den Atomkraftgegner – so lautete damals ihre Parole – lieber in einem deutschen KZ als im Europäischen Parlament sehen. Am Ende katapultierte er die französischen Grünen aus ihrer Nischenexistenz auf 9,7 Prozent. Jetzt kandidiert er, wie schon einmal 1994, für die deutschen Grünen.
Aber es ist keine nationale Kampagne mehr, die Cohn-Bendit absolviert, sein Wahlkampf spielt nicht nur in Deutschland oder Frankreich. In diesen Wochen ist er auf dem ganzen Kontinent anzutreffen, in Madrid, Budapest, Paris, Dublin, Warschau, Rom… und Frankfurt, natürlich. Es ist die erste wirklich europäische Wahlkampagne. Sie macht ihrem Erfinder und Hauptdarsteller sichtlich Spaß, und vor allem erzeugt sie für ein paar Wochen so etwas wie europäische politische Öffentlichkeit. Das ist es, wovon Cohn-Bendit träumt.
Wo immer man ihn dieser Tage erlebt, argumentierend, lachend, gestikulierend und feixend, wirbt er zuerst für Europa. Wenn er auf manchen seiner Veranstaltungen in Französisch beginnt und über Italienisch und Englisch beim Deutschen landet, ist das zwar unverkennbar auch Selbstinszenierung. Und doch gelingt es ihm in solchen Momenten, Europa seinem Publikum unmittelbar zu machen. Cohn-Bendit ist so etwas wie ein ideeller Gesamteuropäer aus Leidenschaft. Auch aus biografischer Erfahrung. Das Nationale jedenfalls hat er von Beginn an als etwas Gebrochenes erfahren. In Frankreich als Sohn deutscher Juden geboren, die vor dem Nationalsozialismus geflohen waren, lebte er dort, bis er 13-jährig mit seiner Mutter nach Deutschland kam. 1968 studierte er in Paris, wurde dann als Ausländer wegen seiner subversiven Umtriebe ausgewiesen und zehn Jahre lang aus dem Land seiner Kindheit verbannt. „Frankfurter, Europäer, Kosmopolit“ beschrieb er später einmal die verschiedenen Ebenen seiner Identität. Das Nationale kam nicht vor. Im Grunde, so zieht er die Linie bis zu seiner heutigen Kampagne, war er auch schon 1968 von dem Gedanken besessen, aus dem studentischen Protest eine europäische Bewegung zu machen.
Mit dem Europa der Institutionen und der gemeinsamen Wirtschaft hatte das Europa des Protests allerdings nichts zu schaffen. Auch die Grünen waren bis in die neunziger Jahre entschiedene Europa-Skeptiker. „Erst die Einheit und Kohl“, so Cohn-Bendit, zwangen seine Partei auf den Europa-Kurs. Wenn die Wiedervereinigung ein Achtzig-Millionen-Deutschland geschaffen hatte, dann bedurfte es der europäischen Einbindung – das erschien plötzlich auch grünen Europa-Gegnern höchst plausibel. So schmolzen unter tätiger Argumentationshilfe von Cohn-Bendit die grünen Vorbehalte gegen das „Europa des Zentralismus, der Konzerne und der demokratischen Defizite“. Cohn-Bendit übrigens, der Europa-Euphoriker der ersten Stunde, hat die Defizite der Gemeinschaft immer gesehen und bekämpft. „Europa als Vision und als Projekt“: Vor vier Jahren formulierte er seinen eigenen Verfassungsentwurf, mit einem Zwei-Kammer-System, einer starken Regierung und einem europäischen Präsidenten. Heute kämpft Cohn-Bendit – ganz Realo – erst einmal für die Durchsetzung des Konventsentwurfes.
Cohn-Bendits Hang zum Undogmatischen und Subversiven richtet sich nicht nur gegen den politischen Gegner, sondern ebenso selbstverständlich gegen seine eigene Partei. Angst vor „falschem Beifall“ war ihm immer fremd. Wenn es ihm in der Sache richtig erscheint, formuliert er auch schon mal mit dem erzkonservativen CSU-Europaabgeordneten Otto von Habsburg eine gemeinsame Resolution. Als er 1993 ein militärisches Eingreifen im ehemaligen Jugoslawien forderte, geschah das gegen die erdrückende Mehrheit der Grünen. Er sah die europäische Verantwortung für den Bürgerkrieg auf dem Balkan. Und keine parteipolitische Rücksichtnahme, kein taktisches Kalkül konnten den Europäer Cohn-Bendit dazu bringen, mit seiner Überzeugung hinterm Berg zu halten.
Auch vor Pathos scheut er nicht zurück. Das „Wunder vom Rhein“ nennt Cohn-Bendit in seinen Wahlreden die Überwindung der deutsch-französischen Feindschaft im gemeinsamen Europa. Und das „Wunder von der Oder“, die gerade vollzogene Erweiterung der Gemeinschaft nach Osten, hat er mit vorangetrieben. Nun antizipiert er schon mal das „Wunder vom Bosporus“, die Brücke der EU in die islamische Welt. Doch klarer als die meisten Beitrittsbefürworter kann er sich die Auseinandersetzung mit der Türkei nur in Form echter, also offener Verhandlungen vorstellen. Sosehr ihn die Idee eines Europas begeistert, das seine jüdisch-christliche Grenze überschreitet, so unentschieden ist für Cohn-Bendit, ob es dazu kommen wird. Ob die Türkei reif dafür sei, sagt er, das entscheide sich nicht in Istanbul, sondern an den gesellschaftlichen und demokratischen Bedingungen im kurdischen Diyarbakır.
Ein „Wunder vom Ärmelkanal“ gibt es in Cohn-Bendits Wahlreden nicht. Zu unsicher ist er sich, ob die Briten 1973 wirklich dazugehören wollten und ob sie es heute wollen. Doch den Beschluss Tony Blairs, in seinem Land über die europäische Verfassung abstimmen zu lassen, nimmt Cohn-Bendit in seinem Sinne auf. Er plädiert für ein europäisches Referendum, bei dem es nicht einem einzigen Land möglich sein soll, die Verfassung auch für alle anderen zu torpedieren. Ein Land, das die Verfassung ablehne, müsse innerhalb eines Jahres entscheiden, ob es weiter in der EU bleiben wolle. Erst damit wäre garantiert, dass die Bürger nicht über die jeweilige nationale politische Befindlichkeit, sondern wirklich über die europäische Perspektive abstimmen würden.
- Datum 03.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.06.2004 Nr.24
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