Erhard Haferkorn stapft über gepflegten Rasen, vorbei an den Obstbäumen, hinter denen eine dunkle Wand aufragt. Seit der ehemalige Ingenieur Rentner geworden ist, verbringt er noch mehr Zeit im eigenen Grün. "Meine Frau und ich sind Gartenmenschen", sagt er. Die Kirschbäume haben üppig geblüht in diesem Frühjahr, wie die Apfel- und Birnbäume, sie blühten noch prächtiger als sonst. Die Haferkorns wohnen schon seit 21 Jahren hier, aber diesmal können sie sich nicht richtig auf die Ernte freuen, nicht mal auf die Erdbeeren, die bald reif sein werden. Die Ernte wird für sie die letzte sein in diesem Garten.

Die dunkle Wand hinter den Bäumen versperrt den Blick nach Süden. Ein Rauschen liegt in der Luft. Der Garten, das Haus der Haferkorns mit seinem Klinkersockel und seinem graubraunen Putz, die Häuser drumherum – all dies ist abgeschirmt von einem Erdwall, auf dem ein massiver Bretterzaun aufragt. Der Wall ist zehn Meter hoch, und er umgibt den südlichen Teil des Dorfs wie eine Mauer. Er soll Lärm abhalten von Brita und Erhard Haferkorn und ihren 195 Nachbarn im sächsischen Kursdorf. Aber Lärm ist flüchtig, nie völlig aufzuhalten, diese Lektion haben die Haferkorns über Jahrzehnte lernen müssen, während der Lärm hinter dem Erdwall immer weiter anschwoll. Manchmal mussten sich die Haferkorns bei der Obsternte anbrüllen, um sich zu verständigen. "Wir haben uns entschieden", sagt Erhard Haferkorn, 66 Jahre alt, sein Gesicht ist wettergegerbt. Es ist ihm anzusehen, dass die Entscheidung nicht leicht war. "Wir ziehen hier weg."

Er bleibt stehen, horcht in das Rauschen hinein. Doch gerade ist nur das Jaulen von Ottomotoren zu hören, das Bollern von Autoreifen auf der nahen Autobahn. Jeden Moment könnten Turbinen aufheulen, könnte ein Flieger starten hinter dem Lärmschutzwall, denn dort liegt der Flughafen Leipzig-Halle. Die Haferkorns teilen ihre Idylle jeden Tag mit 40000 Fahrzeugen auf der Autobahn MagdeburgDresden; mit 100 Fern- und Regionalzügen, die auf der Bahnstrecke neben der Autobahn rollen – vor allem aber mit Dutzenden von Flugzeugen, die Tag und Nacht neben ihrem Haus starten und landen, im Durchschnitt 72 pro Tag.

Die Fenster bleiben geschlossen, wegen des Kerosingestanks

Kursdorf bei Leipzig ist der einzige Ort in Deutschland, der mitten in einem Flughafen liegt. Das Dorf ist eingekreist von Terminalgebäuden, Towern und Parkplätzen, ein kleiner grüner Fleck inmitten von Betonschneisen. Im Süden und Norden schneiden Start- und Landebahnen die Hand voll Häuser von der Umgebung ab; die Trassen zwischen den Rollbahnen riegeln das Dorf auch nach Westen und Osten ab. Die Haferkorns radeln und wandern gern. Wollen sie das Dorf verlassen, müssen sie nach Osten fahren, unter einer Brücke hindurch, über die Flugzeuge rollen. "Dieses Abgeschnittensein ist eigentlich schlimmer als der Lärm", sagt Erhard Haferkorn. Wenn im Dorf ein Hund bellt, ist er zweimal zu hören, wegen des Echos, das die Lärmschutzwand zurückwirft. Abends schieben sich die Haferkorns Wachspfropfen in die Ohren. Sie sind das gewohnt, wie alle Kursdorfer; im Sommer schließen sie die Fenster, wenn der Wind den Kerosingestank in den Garten treibt. "Der Geruch ist kaum mehr auszuhalten."

Auf der Website, mit der sich Kursdorf im Internet präsentiert, heißt es zu der einzigartigen Lage des Dorfes lakonisch: "Kursdorf ist eine idyllisch gelegene 197-Seelengemeinde am westlichen Rand von Sachsen, sorgsam umschlossen von den beiden Start- und Landebahnen des Flughafens Leipzig-Halle, einer IC-Strecke und dem Schkeuditzer Autobahnkreuz."

Die Haferkorns haben in all den Jahren viel investiert in ihr Haus. Sie würden durchhalten, wenn bald nicht alles noch schlimmer würde. Die südliche Rollbahn soll erneuert und verlängert, die Frachtabfertigungszone um ein Vielfaches vergrößert werden; der Planfeststellungsantrag liegt bereits beim Leipziger Regierungspräsidium. Die Flughafen-GmbH verspricht sich einen wichtigen Standortvorteil im Wettbewerb der deutschen Luftdrehkreuze, heißt es in einer Pressemitteilung. Die Betreiber des Flughafens haben sich zwar stets bemüht, den Dorfbewohnern ihr Leben erträglich zu machen; Schallschutzfenster wurden bezahlt, und wer wollte, konnte sich auch eine Lüftung im Schlafzimmer installieren lassen. Dazu kamen 5000 Euro "Außenlärmentschädigung" für jeden Grundstückseigentümer. Aber noch einmal Baumaschinen, noch einmal Baulärm – und irgendwann dann noch mehr Flieger, 100 Meter hinter der Schallschutzwand? Es ist einfach zu viel.

Dabei finden die Haferkorns "Fliegen eigentlich toll", waren selbst schon in Marokko, Kroatien und Kenia. Es ist nicht ihre Art zu jammern. Aber ihre Kraft ist aufgebraucht. Bei Leipzig bauen sie jetzt ein neues Haus. Sie wissen nicht, was aus dem alten wird. Keines ihrer drei Kinder will es übernehmen, und auf dem freien Markt findet sich kein privater Interessent. Sie haben bei der Flughafengesellschaft angefragt, die schon viele Grundstücke in Kursdorf gekauft hat. Sie bietet zu wenig, finden die Haferkorns, das ärgert sie. "Der Flughafen ist doch schuld, dass der Wert des Hauses so stark gefallen ist", sagt Brita Haferkorn. Sie ist 60 Jahre alt, Rathausangestellte in Schkeuditz. Ende des Jahres geht sie in Pension.