DIE ZEIT:  Herr Theweleit, in Ihrem Buch Tor zur Welt stellen Sie eine neue Fußball-Regel auf: „Wer mitbekommt, was sich im Fußball wann und wie verschiebt, ist über andere Gesellschaftsbereiche osmotisch informiert.“ Was lernen wir aus der Verfassung der deutschen Nationalmannschaft vor der EM über die deutsche Gesellschaft? Fußball wird auch mit dem Kopf gespielt, nicht nur wie hier in Paraguay

Klaus Theweleit : Bloß nicht so direkt! Völler ruiniert den Fußball sicher nicht so wie Schröder die Reste der deutschen Sozialdemokratie, im Gegenteil. Dass Vogts und Kohl sich gedeckt haben sollen, ist ein Spielgedanke. Bei Ernst wird’s blöd.

Volker Finke : Keine Arbeitsplätze, kein Wachstum, das ganze allgemeine Gejammer – diese negative Grundstimmung gibt es auch im Stadion, nicht unbedingt bei den Spielern, aber beim Publikum. Die Bereitschaft, relativ schnell ungnädig zu werden und zu mäkeln. Bei uns sind schon Leute auf der Tribüne aufgesprungen und haben gebrüllt: Die sollen endlich auch Schulden machen und bessere Spieler kaufen!! Sie haben Frust genug, da wollen sie Fans einer erfolgreichen Mannschaft sein.

ZEIT: Können wir nicht besser spielen, weil die Stimmung so mies ist?

Finke: Es ist wie bei Schauspielern im Theater: Feedback ist unglaublich wichtig. Resonanz. Energiefluss. Spannungsbogen. Das sind keine abgezockten Legionäre, die da nach Portugal fahren.

Theweleit: Selbst Kahns Fehlgriffe kommen aus dieser Sorte Druck, die Überfigur sein zu müssen.