Bitte blond und lockig

Der Spanier Justino Delgado ist der globale Monopolist im Geschäft mit Menschenhaar

Hunderttausende in Deutschland tragen Echthaarperücken, Toupets oder lassen sich den Schopf verlängern, weil sie mit dem eigenen Haar nicht zufrieden sind – oder nicht mit einer Glatze herumlaufen möchten. Aber wer weiß schon, wer die neuen Haare früher getragen hat? Dass es meist Menschen aus armen Ländern waren, die mit dem Verkauf ihrer Strähnen und Zöpfe etwas Geld verdienen konnten? Die angeblich aus wirtschaftlicher Not manchmal sogar die Haare ihrer Toten gegen Bares hergaben?

Es ist kein schönes Geschäft, aber legal und lukrativ. Niemand weiß das besser als Justino Delgado aus Madrid. Der 63-Jährige ist weltweit der größte Händler von Menschenhaaren. „Weil niemand sich damit die Hände schmutzig machen will“, erklärt Sandalio Fuentes, Teilhaber des spanischen Perückenherstellers Monje’s, den Erfolg seines Landsmanns. Das sei auch ein Grund, warum es kaum Zahlen gebe über diesen Sektor. Kein Lobbyist oder Politiker will mit dem Haarhandel in Verbindung gebracht werden.

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Anders seine Branche. „Wir kennen ihn alle. Er ist schließlich der Einzige hier in Spanien, der Menschenhaare verkauft“, sagt Lola Fernandez vom Perückenhersteller Tizhos in Madrid. Wie sie verkaufen viele ihre Produkte nicht nur an Privatleute, sondern auch an Theater oder die Filmindustrie, wo echte Perücken gefragt sind. Auch hochwertige Puppen tragen oft Menschenhaare auf dem Kopf.

Delgado selbst ist verschwiegen. Dennoch gibt er beim Rundgang durch sein Haarlager zu, dass „vor allem dort, wo es Hunger gibt, die Menschen bereit sind, mit mir zusammenzuarbeiten“. In Indien, Pakistan, China und Lateinamerika hat er über die Jahrzehnte Geschäftspartner gefunden, die für ihn gegen Provision die Haare aus Opfertempeln, Friseurläden und Privathaushalten zusammentragen. Sind genug Haare beisammen, werden sie in das 4000 Quadratmeter große Lager nach Madrid verschifft, wo sie von Frauen gewaschen, geschnitten, gekämmt, zusammengebunden und je nach Wunsch des Kunden gefärbt werden.

„Reine Haarhändler wie ihn gibt es nur noch ganz wenige“, sagt Shigeyoshi Kobayashi, Chef des deutschen Perückenherstellers Kerling International Haarfabrik, der noch maßgeschneiderte Zweitfrisuren herstellt. Der Stückpreis liegt zwischen 300 und 2000 Euro. Um die Nachfrage der Perückenhersteller zu befriedigen, sucht Delgado rund um den Globus nach neuen Haarquellen. 60000 Kilo hat er im Moment gelagert. 20000 Kilo verkauft er durchschnittlich im Jahr. „Da komme ich auf ein paar Millionen Euro Umsatz“, mehr will Delgado dazu nicht sagen. „Nur dank meiner Lagerhaltung kann ich flexibel auf die verschiedenen Bestellungen aus aller Welt reagieren.“ In einem Jahr sind dicke, lange, rote Perücken oder Verlängerungen in, im nächsten braune, kurze Haarteile. Je nach Farbton oder Haarlänge brauchte Delgado ohne Lagerhaltung bis zu zwei Monate, um zu liefern. Kein Wunder: Pro Kilo Haare sind rund zehn Spender notwendig.

Europäisches Haar ist derzeit besonders gefragt – pro Kilo kann es bis zu 900 Euro kosten. Für eine handgeknüpfte Perücke sind rund 1,5 Kilo notwendig. Wie viel er seinen Spendern zahlt, will Delgado nicht verraten. Auch um keine Debatte über Ausbeutung in Gang zu setzen, wie er sagt. Aber da seine vier Kinder das Geschäft fortführen wollen, dürften die Gewinne nicht allzu schlecht sein.

Das ungewöhnliche Unternehmen des Madrilenen begann vor mehr als 40 Jahren. Der damals 21-jährige Delgado verdiente seinen Lebensunterhalt mit dem Handel von Trödel, als ein Bekannter aus Segovia ihm riet: „Sammele Haare, und verkaufe sie wieder!“ Delgado folgte dem Rat und reiste in den armen Süden Spaniens. Dort lechzten die von der Diktatur Francos gebeutelten Familien nach jeder Einnahmequelle. Selbst ihre Haare tauschten sie gegen Geld ein. Zudem opferten damals viele Spanierinnen der Jungfrau Maria ihren Schopf. Klöster und Kirchen hätten die Haare anschließend verkauft, berichtet Delgado.

In Europa ist Deutschland inzwischen der größte Markt für Delgado. Weltweit sind es die USA, wo heute die wichtigsten Perückenhersteller sitzen. Dort nennt man den rund 1,65 Meter messenden Spanier „den kleinen Napoleon“. Rasend schnell hat er alle Konkurrenten ausgeschaltet, ähnlich wie zuvor in seiner Heimat. „Ich habe einfach weltweit die besten Kontakte und das vielfältigste Angebot“, sagt der Spanier, der selbst beim Sprechen die Zigarette nicht aus dem Mund nimmt. Seinen dicken Bauch trägt Delgado ebenso stolz wie seine Glatze. „Lange habe ich selbst ein Toupet getragen“, sagt er. „Bis ich irgendwann dachte, dass ich jetzt alt genug bin, um dazu zu stehen.“

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 03.06.2004 Nr.24
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