Deutschland im Dezember 1925. Adolf Hitler, 36 Jahre alt und gerade aus der Haft entlassen, fängt an, in München seine Ideologie unters Volk zu streuen. Acht Jahre später wird er Reichskanzler, dann Diktator. Zur selben Zeit wird in Ludwigshafen eine unternehmerische Entscheidung getroffen, die auf tragische Weise maßgeblich sein wird für die Umsetzung von Hitlers zerstörerischen Angriffskriegen und seinem todbringenden Rassenwahn.

Carl Bosch, genialer Chemiker und Firmenpatriarch von BASF, ist besessen von der Idee, einen synthetischen Treibstoff herzustellen – aus Kohle. Das Verfahren hat der Heidelberger Professor Friedrich Bergius bereits 1913 entwickelt. Doch die industrielle Nutzung verlangt nach gigantischen Mengen und hohen Investitionen. Deshalb drängt Bosch auf eine Fusion der Superlative. Die führenden deutschen Chemieunternehmen, die "großen sechs", BASF, Bayer, Agfa, dazu noch Hoechst, Griesheim-Electron und Weiler ter Meer, schließen sich am 2. Dezember 1925 zu einer "Interessengemeinschaft" zusammen, der "I. G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft". Kurz darauf übernimmt der neue Riese Bergius’ Erdölverwertungs GmbH für zehn Millionen Reichsmark.

Die industrielle Anwendung des Bergius-Verfahren verspricht fast unbegrenzte Erträge: Eine Studie sagt voraus, dass die weltweiten Ölfelder bald abgegraben sein werden. Doch neu entdeckte Ölfelder lassen den Preis für Treibstoff zwischen 1925 und 1929 um ein Drittel fallen, in den folgenden zwei Jahren wird er sich noch einmal halbieren. Gleichzeitig versenkt die I. G. bis 1931 allein 426 Millionen Reichsmark in das Synthese-Projekt. Das ist weit mehr als doppelt so viel, als die BASF (als Teil der I. G.) im Jahr 1931 umsetzt. Die I. G. Farben ist auf die Hilfe des Staates angewiesen. Boschs Entscheidung von 1925 treibt sie 1933 in die offenen Arme Hitlers, und der stellt die ungeheuren Ressourcen schließlich systematisch in den Dienst von Krieg und Vernichtung. Unter der Aufsicht von Hermann Göring produziert die I. G. Farben bald 18 kriegswichtige Stoffe. Auch das Gas Zyklon B, mit dem ungezählte Menschen in Auschwitz ermordet werden. 1943 gehören zu dem Chemieriesen nicht weniger als 400 Gesellschaften im Deutschen Reich und 600 Firmen in 101 anderen Ländern. In 334 Fabriken und Minen wird produziert, 333000 Arbeiter und Angestellte erwirtschaften einen Umsatz von 3,1 Milliarden Reichsmark.

Für Carl Bosch, der Adolf Hitler bis zu seinem Tod verabscheut, wird seine Entscheidung von 1925 zur persönlichen Tragödie. Er gilt als nachdenklicher, ja schwermütiger Mann. Stets ist er freundlich zu seinen Mitarbeitern, fördert individuelle Begabungen und baut seine Nachfolger im Management der I.G. auf. Er ist das Gegenteil der raubeinigen Betriebsführer, die in den 1930er Jahren die deutsche Industrie beherrschen werden. Dass der von ihm geformte Konzern bedingungslos alle Stoffe liefert, die die deutsche Kriegsmaschinerie schmieren, treibt ihn später in die Depression. Früher als andere erkennt er, dass das Regime, das er letztlich unterstützt hat, Verbrechen bedeutet und den Untergang bringt.

Als Neffe des Erfinders und Unternehmers Robert Bosch kommt er 1874 in Köln zur Welt. Sein Vater betreibt ein Installationsgeschäft. Nach einer Lehre in Schlesien studiert er Metallurgie und Maschinenbau an der Technischen Hochschule in Charlottenburg, wechselt dann nach Leipzig, wo er 1898 in Organischer Chemie bei Johannes Wislicenus promoviert. Auf dessen Empfehlung hin tritt er ein Jahr später in den Dienst der Badischen Anilin- & Soda-Fabrik (BASF). Neun Jahre später gelingt ihm dort der Durchbruch: Als Projektmanager soll er das von Fritz Haber entwickelte Verfahren zur Ammoniak-Synthese industriell nutzbar machen. Schon 1911 hat Carl Bosch eine Lösung parat. Die I. G. Farben wird Mitte der 1920er Jahre große Teile ihrer Gewinne aus dem Synthese-Projekt ziehen.

Im gleichen Jahr wird er zum Prokuristen befördert. Schon 1913 produziert das neu gebaute Werk in Oppau einige tausend Tonnen Ammoniak. Doch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges übersteigt die Stickstoff-Nachfrage der Rohstoffabteilung des Preußischen Kriegsministeriums die Kapazitätsgrenzen der BASF um ein Vielfaches. Nicht nur Dünger für die Landwirtschaft benötigen die Kriegsplaner, sondern vor allem Sprengstoff. Mit der Marne-Schlacht beginnt ein vierjähriger Stellungskrieg, in dem die Artillerie von entscheidender Bedeutung ist. Eine Munitionskrise bricht aus, und Bosch gewinnt unerwartet eine immense Bedeutung im Apparat der deutschen Kriegswirtschaft. Das Oppauer Werk soll erweitert, dazu ein neuer Platz für einen gigantischen Industriekomplex gefunden werden. Die Region um Ludwigshafen ist wegen der Giftgasproduktion ein zentrales Ziel der alliierten Fliegerangriffe. Das neue Werk soll zudem an einer Bahnader und nahe den mitteldeutschen Braunkohlebecken liegen, um die nötige Energie zu bekommen. So entsteht die Anlage in Leuna bei Merseburg an der Saale. Am 1. Mai 1916 beginnt Carl Bosch für die BASF die neue Ammoniak-Anlage zu errichten. Bosch schafft den Bau in nur neun Monaten und macht sich in der deutschen Industrie endgültig einen Namen. Bis zum Ende des Krieges liefert das Werk gigantische Mengen Sprengstoff an die Front.

In den turbulenten Nachkriegsjahren bis zur Hyperinflation 1923 ringt Carl Bosch um den Erhalt der BASF. Die Belegschaft fordert die Vergesellschaftung des Unternehmens, bewaffnete Arbeitskämpfe legen Werke still. Trotz aller Turbulenzen und Liquiditätsängste, Bosch hält verbissen an weiteren Synthese-Plänen fest. Bei einer Sitzung 1919 soll er – mit geballten Fäusten – dem Vorschlag von Juristen angehört haben, die Leuna-Werke zu verstaatlichen. Zusammen mit dem Bayer- und späteren I.- G.-Aufsichtsratschef Carl Duisberg kann er den Verkauf verhindern. In den Jahren bis 1925 zeigt sich, dass Duisberg und Bosch Recht hatten – das Synthese-Geschäft erzielt hohe Erträge. Das unternehmerische Risiko hat sich ausgezahlt.

Dann, 1929, verändern sich die Vorzeichen schlagartig. Die Weltwirtschaft gerät in ihre bisher schwerste Krise und mit ihr der global operierende Konzern I. G. Farben. Deutschland muss sich von den Weltmärkten abkoppeln, um seine schwache Währung zu stützen. In kürzester Zeit halbieren sich die Umsätze der BASF, und das Kernunternehmen der I. G. sinkt tief in die roten Zahlen ab. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung werden drastisch reduziert und viele tausend Arbeiter entlassen. Die Fabrikanlage in Leuna, die größten chemischen Werke der Welt, stehen vor der Schließung. Und selbst das traditionelle Farbengeschäft bricht unter den Überkapazitäten zusammen. Bald sollen Kartellabsprachen den weltweiten Preisverfall aufhalten. Carl Bosch appelliert an Reichskanzler Brüning, die einheimische Produktion von Ammoniak und Treibstoff zu schützen. Immer war er von der unternehmerischen Begabung des Einzelnen überzeugt, lehnte die Verwaltung durch das Kollektiv ab. Nun muss er die Nationalisierung der deutschen chemischen Industrie erbitten. Per Notverordnung vom 5. Juni 1931 wird ein Zollsatz von 70 Prozent auf alle importierten Ölprodukte verhängt, der höchste Schutzzoll in Europa. Zusätzlich werden erstmals Tarife und Zölle auf Stickstoffprodukte erhoben. Bald ist der Stickstoffpreis im Deutschen Reich 60 Prozent höher als auf dem Weltmarkt. Der grobe Eingriff ist erfolgreich. Zwar sind in Leuna auch ein Jahr später nur 20 Prozent der Kapazität genutzt, doch nähert sich das Treibstoffgeschäft in Leuna dem Break-even.

Nach Hitlers Machtübernahme entwickelt sich schnell eine enge und profitable Partnerschaft zwischen dem Nazistaat und dem Konzern. Allein im Jahr eins der neuen nationalsozialistischen Ordnung spendet die I. G. insgesamt 4,5 Millionen Reichsmark an die NSDAP und ihre Unterorganisationen. Bis 1945 fließen rund 40 Millionen in die Parteikassen. Dafür entledigt das Regime die I. G. Farben aller Sorgen um die Finanzierung des Treibstoff-Geschäfts. Im Dezember 1933 unterzeichnet Bosch mit der Regierung den "Benzin-Vertrag", der die Treibstoff-Produktion der I. G. bis 1944 fest an die Zahlungen des Regimes bindet: Die I. G. verspricht, ihre Treibstoffproduktion in Leuna auf 300000 bis 350000 Tonnen zu steigern. Alleiniger Abnehmer ist das Deutsche Reich. Der Preis entspricht einer Verzinsung des eingesetzten Kapitals nach Steuern und Abschreibungen von fünf Prozent. Durch Lizenzverkäufe und andere Nebengeschäfte verdient die I. G. noch viel mehr dazu.

Die anziehende Konjunktur erlaubt der I. G. außerdem noch ein weiteres, lange geplantes Synthese-Projekt auf Staatskosten zu realisieren: die Produktion von synthetischem Kautschuk. Bereits im November 1933 wird ein erster Vertrag geschlossen. Zwei Jahre später ist die Entwicklungsphase beendet, und in Schkopau, in der Nähe der Leuna-Werke, entsteht das erste Buna-Werk.

Das Regime erreicht mit den Projekten zwei Ziele gleichzeitig: Mit Deficit-Spending heizt es die Konjunktur an und erlaubt den Planern der Wehrmacht die Planung des "Mobilitätsfalles". Durch Görings Vierjahresplan steigen die Investitionen in die I.-G.-Fabriken jährlich um 400 Prozent. Allein zwischen 1936 und 1942 pumpt das NS-Regime 4,3 Milliarden Reichsmark in den Konzern. Das größte Projekt ist ein 20 Quadratkilometer großer Fabrikkomplex bei Auschwitz. Er kostet 776 Millionen Reichsmark und braucht mehr Strom als die Großstadt Berlin. Am 7. April 1941 beginnt dort der Bau des Buna-Werkes. Auch sollen Methanol, Iso-Octane und andere Chemikalien hergestellt werden. Nahe der SS-geführten Vernichtungsfabrik in Auschwitz-Birkenau entstehen die I.-G.-Anlagen und das konzerneigene KZ Monowitz. Dort sterben mehr als 23000 Gefangene. In den nahe gelegenen Minen des Konzerns überleben die Inhaftierten durchschnittlich nur vier bis sechs Wochen lang die Sklavenarbeit.

Die I. G. macht auch Geschäfte mit der Vernichtung von Juden und anderen Opfern des Regimes. Sie hält etwa 42,5 Prozent der "Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung mbH", der so genannten Degesch, jenes Unternehmens also, das einen Großteil seiner Erträge mit Zyklon B erzielt. Mit dem Giftgas werden Millionen Menschen in den Kammern von Auschwitz-Birkenau umgebracht.

Carl Bosch erlebt vieles nicht mehr. Er stirbt am 26. April 1940 im Alter von 65 Jahren. Seine Rolle in der Wirtschaftsgeschichte des Dritten Reiches bleibt ambivalent. Auf der einen Seite erkennt er früh die Gefahr, die von Hitler ausgeht. Als sein kongenialer Partner Fritz Haber im April 1933 von seinem Berliner Lehrstuhl zurücktritt, ist das ein Schock für Bosch. Er lässt sich eine Audienz bei Hitler geben und erklärt ihm, welche schlimmen Folgen der Staatsantisemitismus für Deutschlands Wissenschaft und Wirtschaft haben wird. Der Reichskanzler hört nicht lange zu. Er unterbricht Bosch, spricht ihm jeglichen politischen Sachverstand ab und brüllt: "Wenn nötig, wird Deutschland einhundert Jahre ohne Chemie und Physik arbeiten." Dann klingelt er nach seinem Adjutanten und lässt Bosch hinausbefördern. In den Jahren darauf meiden sich Vorstandsvorsitzender und Reichskanzler. Bosch zieht sich ins Private zurück, widmet sich seiner Insektensammlung und findet Zuflucht in der Welt der Wissenschaft. Hier bleibt er seinen liberalen Grundsätzen treu, kämpft um den Erhalt der Frankfurter Zeitung und setzt sich für jüdische Wissenschaftler ein.

Zwar glaubt er an die Rolle der Privatwirtschaft, doch er hat auch akzeptiert, dass die unternehmerischen Interessen der I. G. von der Staatsideologie nicht mehr zu trennen sind. 1935 wechselt er in den Aufsichtsrat und bleibt oberster Aufseher über eine Entwicklung, die er verurteilt. Jedoch kann er sich nicht von seinem Lebenswerk lösen. Er resigniert, wird depressiv und verfällt dem Alkohol. Kurz vor seinem Tod sagt er voraus, dass Hitlers Wahn zur Zerschlagung der I. G. Farben führen wird. Er sollte Recht behalten.

1947 stehen 23 ehemalige I.-G.-Manager vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal. 13 von ihnen werden zu Freiheitsstrafen von 18 Monaten bis acht Jahren verurteilt. Bis 1951 begnadigen die Alliierten nach und nach alle im Prozess Verurteilten. Aus den 159 I.G.-Anlagen in Westdeutschland entstehen die großen Chemieunternehmen Bayer, BASF und Hoechst. Als Rechtsnachfolgerin wird 1952 die "I. G. Farbenindustrie in Abwicklung" gegründet, die am 10. November 2003 Insolvenz anmeldete. Einen nennenswerten Betrag zur Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter gab es nicht.