Frauenkarrieren Karriere gegen die Tradition

Ein Projekt fördert Frauen auf dem Land

Frauen in Führungspositionen sind in deutschen Unternehmen immer noch selten. Der Branchendienst Hoppenstedt errechnete 2003 für das deutsche Management eine Frauenquote von 9,4 Prozent; 80000 große Unternehmen waren dafür analysiert worden. Auf dem Land dürfte die Quote noch niedriger sein als in größeren Städten. So musste Brigitte Müller-Protschka, Chefin einer Agentur für Öffentlichkeitsarbeit in Füssen, bei einer Telefonumfrage feststellen, dass viele Firmen im Allgäu keine einzige weibliche Führungskraft haben und, noch erstaunlicher, auch kein Interesse daran zeigen, eine Leitungsfunktion mit einer Frau zu besetzen.

Ein Ergebnis, das die 45-Jährige nicht ruhen ließ. Als Mitglied der Frauen-Initiative Füssen e. V. – in der Region unter dem Namen „Pfiff“ bekannt – leitet sie nun ein Projekt, das die Frauen im Ostallgäu fördern will. Das Programm „Mentoring für Frauen in ersten Führungspositionen im Ostallgäu“ soll Denkbarrieren einreißen, bei Männern und Frauen. Letzteren fehlt auch bei guter Ausbildung oft das Selbstbewusstsein – auf dem Land dominiert das tradierte Rollenverhalten beide Seiten.

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Fünf zumeist mittelständische Unternehmen aus Füssen, Nesselwang, Pfronten und Waal beteiligen sich an dem Projekt, bei dem eine erfahrene Führungskraft eine junge Frau („Mentee“) aus einem fremden Unternehmen auf dem Weg nach oben coacht. Cross-Mentoring nennt man das. Im Januar starteten die ersten 14 Paare. Gefördert werden dabei Frauen, die nach dem Studium oder der Fachausbildung bereits ein Stück weit aufgestiegen sind. Das Programm soll ihre Berufsaussichten im Allgäu verbessern und sie so in der Region halten. Anderthalb Jahre lang treffen sie sich regelmäßig mit ihrem Mentor oder ihrer Mentorin, um Job-Probleme zu wälzen, das Karrieredenken zu schärfen und Zugang zu Netzwerken zu gewinnen. Begleitend gibt es Workshops über Durchsetzungsstrategien und Konfliktbewältigung.

„Die Spielregeln sind eigentlich überall dieselben“, sagt Franz Endhardt. Der 48-Jährige ist Vorstandsmitglied der Kreis- und Stadtsparkasse Kaufbeuren und kommt somit aus einer Dienstleistungsbranche mit hohem Frauenanteil. Sein Mentee dagegen kämpft in einer klassischen Männerdomäne um Anerkennung: Seit Februar coacht Endhardt die 42-jährige Heidrun Bauer, Diplombetriebswirtin bei dem Füssener Autozulieferer Sinterstahl. Alle drei Wochen trifft er seinen Schützling in einem Restaurant. „Wir diskutieren über typisches Rollenverhalten von Mann und Frau und darüber, wie sie ihre emotionalen und intuitiven Stärken besser einsetzen kann“, so Endhardt. Drei Stunden seien da schnell um. Und wenn Heidrun Bauer zwischen den Treffen mal einen dringenden Rat braucht, greift sie einfach zum Telefon.

Können allein reicht nicht

Studiert hat die Betriebswirtin an der Fachhochschule in Kempten, die ersten Karriereschritte bis zur Abteilungsleiterin absolvierte sie bei Bosch. Heute gehört sie bei Sinterstahl als Bereichsleiterin Buchhaltung und Controlling zum oberen Führungskreis. Auch ohne konkrete Schwierigkeiten könne man von dem Programm nur profitieren, sagt sie: „Ich hoffe, auf diese Weise meine Stärken zu erkennen und sicherer im Umgang mit der Männerwelt zu werden.“

Die Gespräche mit ihrem Mentor bringen ihr viel. Nur sein Rat, auch in der Karriere den weiblichen Charme spielen zu lassen, machte ihr anfangs Probleme. „Weil ich fest überzeugt war, dass nur das Können zählt!“ Inzwischen weiß sie, dass gute Leistung zwar als selbstverständlich vorausgesetzt wird, zum Erfolg in der Karriere jedoch lediglich zehn Prozent beiträgt. „Der Rest läuft über die Beziehungsebene und über die richtigen Netzwerke im Unternehmen.“ Aus den Erfahrungsberichten der Mit-Mentees, aber auch aus denen ihres Mentors hat sie zudem gelernt, dass alle mit ähnlichen Unsicherheiten zu kämpfen haben, „bis hinauf in die Vorstandsebene“. Die Erkenntnis, mit den eigenen Karriereängsten nicht allein dazustehen, empfindet sie als sehr beruhigend.

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