Nun ist es amtlich", verkündete der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte, "homöopathische Arzneimittel helfen auch bei schwersten Erkrankungen." Tatsächlich schien die Homöopathie per offiziellem Dekret in den Stand einer wissenschaftlich akzeptierten Heilkunst erhoben zu sein. Am 16. März hatte der Gemeinsame Bundesausschuss in Siegburg bei Bonn beschlossen, dass homöopathische Medikamente von den Krankenkassen erstattet werden dürfen – aber nur bei ausgewählten, schweren Erkrankungen. Malaria war darunter, die Nachsorge bei Herzinfarkt, der Schlaganfall, lebensbedrohliche Darmverstopfungen.

War der Ausschuss über Nacht vom Hort streng naturwissenschaftlicher Medizin zum Verfechter der umstrittenen Homöopathie konvertiert? Nein, die höchst verdünnten Arzneien der Homöopathen gelangten als juristische Notlösung in das Gesetz. Die Verlautbarung der homöopathischen Ärzte war voller Ironie. In Wahrheit fühlten sie sich düpiert. Denn ihre Domäne sind Heuschnupfen, Kopfschmerzen und Hautallergien – davon war in dem neuen Beschluss nicht die Rede. Im Ergebnis führe die Entscheidung zu einem Ausschluss homöopathischer Ärzte aus der gesetzlichen Krankenversicherung. "Hier wird der Einstieg in den Ausstieg geprobt", schimpft Karl Wilhelm Steuernagel, Vorsitzender des Zentralvereins. Seine Homöopathen beharren auf dem Grundrecht der Berufsfreiheit und reichen demnächst Verfassungsklage ein.

Auch viele Vertreter der konventionellen Medizin sind – aus gegensätzlichen Überlegungen – über den Entschluss missmutig. Sie bemängeln, dass den sanften Heilern nicht eine Generalabfuhr erteilt worden ist: "Der Entschluss beleidigt das logische Denken", sagt Johannes Köbberling, ehemaliger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. "Ich halte es für gefährlich, wenn wir Ärzte uns damit abfinden, dass unwissenschaftliche Medizin gleichberechtigt neben der wissenschaftlichen steht. Dann degeneriert automatisch das Denken." Köbberling hält die Wirksamkeit der Homöopathie für nicht nachgewiesen. Als medizinischer Purist hält er die Homöopathie lediglich bei Befindlichkeitsstörungen für geeignet, "weil sie eine modifizierte Nichttherapie ist." Rational ist die Wirkungsweise der Homöopathika tatsächlich nicht zu verstehen. Geschüttelte Lösungen, die so sehr verdünnt sind, dass kein einziges Wirkstoffmolekül mehr darin schwimmt, sollen auch schwere Leiden überwinden? Chemisch ist das Hokuspokus.

Hier der Nutzen, da die Wünsche

In der seltsamen Regelung spiegelt sich der Konflikt zwischen alternativer und konventioneller Medizin. Hier pocht das Gesundheitsministerium auf wissenschaftlich gesicherten Nutzen aller Therapien, dort bestehen viele Patienten – und manche Ärzte – auf Therapieformen, die diesen Nachweis schwer erbringen können. Ob Edelstein- und Bioresonanztherapie oder eben Homöopathie, ein Streit ist darüber entbrannt, ob sich die Solidargemeinschaft den in den siebziger Jahren ausgerufenen Pluralismus in der Medizin noch leisten kann.

Doch wer entscheidet nach welchen Kriterien darüber, was in der Medizin erlaubt sein soll? Die Hochschulärzte mit ihren Statistiken, die Hausärzte mit ihrer Erfahrung, die Patienten mit ihrem Bauchgefühl und ihren Wünschen? Die Homöopathie ist der Präzedenzfall. An ihm zeigt sich, dass die vorherrschende Hochschulmedizin an Boden gewinnt, zum Nachteil der Alternativen.

Die undankbare Aufgabe des Schiedsrichters hatte der Gemeinsame Bundesausschuss. In diesem Selbstverwaltungsorgan sitzen Ärzte-, Krankenkassen- und Patientenvertreter. Es bereitet die Vorgaben des Bundesministeriums für Gesundheit für die Praxis auf und hat die "Richtlinienkompetenz, die Qualität in der medizinischen Versorgung zu erhöhen und zu sichern". So soll der Bundesausschuss unter anderem das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen gründen. Dort wird in Zukunft über viele Therapieformen der Daumen gehoben oder gesenkt und damit über den zukünftigen Kurs der Medizin in Deutschland entschieden. Weil aber das Institut noch nicht arbeitet, musste der Bundesausschuss klären, ob sich das Tor für die Homöopathie öffnet oder schließt.

Das Gebäude des Gremiums thront auf einem Hügel über dem Städtchen Siegburg: drei Stockwerke hoch, gelber Klinker, graue Blenden, davor ein frisch gepflanzter Baum. Im Foyer sitzt hinter Glas eine sehr blonde Frau. Sie telefoniert: "Das ist kein verschreibungspflichtiges Medikament", sagt sie, "ja, das müssen sie jetzt bezahlen. Ja, schicken Sie uns gern ihre Unterlagen." So dreht sich das Gespräch zehn Minuten lang im Kreis. Ihre Antworten sind routiniert, die Stimme ruhig. Die Telefonistin hat Übung. Seit dem Stichtag im März rufen unentwegt besorgte Patienten an und fragen, warum gerade ihr bewährtes Therapeutikum nicht mehr erstattet wird. Ein Drittel aller Fragen bezieht sich dabei auf Homöopathika.