medizin Die Angst vor der GlobulisierungSeite 4/4
Nichtstun statt Brechmittel
Es gab aber auch Zeiten, da barg die orthodoxe Medizin die weitaus größeren Risiken. Sie war im 19. Jahrhundert in so chaotischem Zustand, dass oft gesünder lebte, wer sich von ihr fern hielt: Anstelle von Brechmitteln, Glüheisen und Blutabzapfen war die Homöopathie die eindeutig bessere Wahl im Überlebenskampf. Inzwischen hat sich die orthodoxe Medizin aber erneuert. Sie ist in vielen Krankheitsfällen erfolgreich. Auch wenn viele gelegentlich zu Homöopathika greifen – bei schweren Leiden vertrauen sie meist auf klassische Chemie.
Der Trend zur Homöopathie ist aber auch Ausdruck des Protests. Nicht selten wird der Patient nach fünf Minuten mit einem Rezept in der Hand aus dem Sprechzimmer geschoben. Zu Hause beschert ihm das verschriebene Medikament Schwindelgefühle und Bauchschmerzen. Da greift er lieber zu den nebenwirkungsfreien Globuli, zu denen ihm ein verständnisvoll zuhörender Homöopath rät.
Dabei übersieht fast jeder Kränkelnde die dritte Option: das Nichtstun. Für eine „ziemliche Zahl“ der Krankheiten, sei „das Nichtsmachen oder wenigstens das Nichtmedizinieren gar nicht unzuträglich“, schrieb der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler schon 1919 im Werk Das autistisch-undisziplinierte Denken in der Medizin und seine Überwindung. Udenotherapie nannte er diese Behandlung.
Tatsächlich wird in Deutschland der natürliche Verlauf der Krankheiten kaum mehr abgewartet. Ob Alternativmedizin oder konventionelle Medizin, es herrscht Aktionismus. Da liegt, wer in diesem Wirbel Homöopathika verabreicht, oft nicht falsch. Außerdem hat er den Vorteil, „dass er höchstens durch Unterlassung schadet“, wie Bleuler schrieb. Auch die Allgemeinheit profitierte, wenn der so oder so Genesende erst mal zum sanften Heiler eilen würde. Manche homöopathische Praxis arbeitet erheblich kostengünstiger als die konventionelle Konkurrenz.
Bei den homöopathischen Ärzten muss sich allerdings der Eindruck verdichtet haben, dass ihre Methode insgesamt besser ist als Nichtstun – andernfalls könnten sie ja nicht guten Gewissens ihre Methode anbieten. Diese positive Erfahrung müsste sich statistisch abbilden lassen. Genau das hatte vor sieben Jahren Klaus Linde vom Zentrum für naturheilkundliche Forschung der TU München versucht. In seiner aufsehenerregenden Publikation in The Lancet hatte er alle akzeptablen Homöopathie-Studien zusammengefasst und war zu dem Schluss gekommen, dass Homöopathie gegenüber Placebos leicht im Vorteil war. Allerdings stellte sich auch heraus, dass der Effekt der Homöopathika umso magerer ausfiel, je besser die untersuchte Studie war. „Irritierend“ findet Linde, dass verschiedene Gruppen bei ein und derselben Krankheit noch nie reproduzierbare Ergebnisse lieferten. „Die Homöopathie hat sicher einen Effekt“, sagt er heute, „ich bin mir aber nicht sicher, ob der abhängig vom angewandten Medikament ist.“
Immer wieder stellt sich heraus, dass der Ritus des Praxisbesuchs dem Siechen die Heilung bringt. Gar nichts tun ist die schwächere Alternative, verglichen mit der Effizienz einer geheimnisvollen Nullmedikation, an die alle Beteiligten fest glauben. „Die Kunst der Medizin besteht darin“, schrieb der Schriftsteller Voltaire, „den Patienten beschäftigt zu halten, während die Erkrankung ihren eigenen Verlauf nimmt.“
- Datum 03.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.06.2004 Nr.24
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