Die Chinesen waren schon immer stolz auf ihre Herkunft. Ein jahrtausendealtes Kaiserreich, ein immenser Schatz an Kulturdenkmälern, eine eigene Schrift und die Nutzpflanze Reis bezeugen: Das asiatische Riesenreich kann auf eine der ältesten Zivilisationen der Menschheit zurückblicken. Sogar seine weniger zivilisierte Frühgeschichte bietet Anlass zum Prahlen. Welches Volk kann schon seine Abstammung weit über 600000 Jahre zurück ins Dunkel der Vorzeit belegen, zurück in die Zeit des Pekingmenschen, des asiatischen Vertreters des Homo erectus?

Zu diesen Vormenschen und Vorfahren zählen chinesische Forscher die Bewohner der Höhle von Zhoukoudian, 50 Kilometer südwestlich von Peking. Schon in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren dort Überreste frühmenschlicher Skelette aus dem Untergrund geborgen worden. Sinanthropus pekinensis nannte man sie zunächst, später wurden sie der Art Homo erectus zugeordnet. Aus Feuerspuren, Knochenrelikten und Steinwerkzeugen konstruierten die Anthropologen das Bild eines frühen heroischen Jägervolks. Scharfäugig habe der Pekingmensch von der Hügelkuppe nach Großwild gespäht, es zielsicher erlegt, das Fleisch in seiner Höhle über dem Feuer geschmort. Allerdings soll er auch seinesgleichen nicht verschmäht haben.

Zahlreiche anatomische Einzelheiten der Zahnformen und des Schädelbaus belegen nach Ansicht der chinesischen Forscher, dass sich aus diesen Urmenschen vor Ort die heutigen Chinesen entwickelt hätten. Doch gerade letztere Ansicht gilt heute außerhalb Chinas nicht mehr viel. Molekulargenetische Untersuchungen haben längst ein anderes Szenario erhärtet, das in der Fachwelt als Out-of-Africa-Modell herumgereicht wird. Nach Meinung vieler westlicher Anthropologen gilt als sicher, dass eine kleine Gruppe moderner Menschen erst vor rund 100000 Jahren aus Afrika auswanderte und zur Wurzel der gesamten heutigen Menschheit wurde – auch der Chinesen. Diese These schmeckt den örtlichen Vergangenheitsforschern gar nicht. Sie beharren auf ihrer eigenen regionalen Entwicklungstheorie: Nur unwesentlich habe sich der asiatische Homo erectus mit Neuankömmlingen aus dem Schwarzen Kontinent vermischt.

Doch jetzt folgt der nächste Streich. Zwei amerikanische Anthropologen haben sich auch den Mythos vom Pekingmenschen als heroischem Waidmann vorgeknöpft. Ihr Befund: alles Unfug. Der asiatische Homo erectus, der die Höhlen von Zhoukoudian zwischen 670000 und 410000 Jahren vor unserer Zeit bewohnt haben soll, sei ein einfältiger Zeitgenosse gewesen. So lautet das Fazit des Buchs Dragon bone hill: An ice-age saga of Homo erectus. Der fernöstliche Vorfahr, behaupten Noel Boaz und Russel Ciochon, sei wohl kaum als frühzeitlicher Nimrod einzustufen. Vielmehr habe er sich überwiegend von Aas ernährt. Und nicht nur das: Die Ureinwohner Chinas hätten weder regelmäßig in der Höhle gehaust, noch Lagerfeuer unterhalten, sondern seien schmählich als erlegte Beute von Hyänen in die Behausung geschleppt worden.

Mitte der neunziger Jahre hatten Boaz und Ciochon eine internationale Forschergruppe zusammengetrommmelt, um die Fundstelle nochmals zu untersuchen. "Obwohl die Zhoukoudian-Höhle ein äußerst bedeutender Ort ist, waren viele Fragen ungeklärt – zum Beispiel der Gebrauch von Feuer oder die Frage des Kannibalismus", erzählt Boaz. Zu seiner Truppe gehörten auch Brandspur-Experten, die über Jahrzehnte Feuerstellen in israelischen Höhlen untersucht hatten.

Herdstellen hinterlassen stets verräterische Spuren. Zünden Menschen Lagerfeuer immer an derselben Stelle an, reichert sich dort Kieselsäure aus dem Brennholz an. Auf diesen chemischen Marker waren die Forscher an den Fundstellen in Israel immer wieder gestoßen – an den verkohlten Stellen in Zhoukoudian suchten sie ihn vergebens.

Löcher in den Schädeln der Pekingmenschen

Bei den Ascheresten in der chinesischen Höhle, glauben Boaz und Ciochon, handle es sich stattdessen um verbrannten Kot von Fledermäusen und Eulen. Oder womöglich hätten die Ureinwohner auf natürliche Weise entzündete Flammen genutzt, um Hyänen aus der Höhle zu vertreiben. Keinesfalls ließen die Befunde darauf schließen, dass die Steinzeitler hier regelmäßig ihre Proteinrationen gebrutzelt hätten.