Oper Bombe im 57. StockSeite 3/3

Wer aus einer Aufführung von Shadowtime kommt und gefragt wird, worum es in dem Stück geht, hat ein Problem. Es geht nämlich um alles, um das große Ganze der Kunst und der Philosophie und der Moderne und insbesondere um Walter Benjamin, aber nur am Rande um dessen Biografie, die mit dem Selbstmord 1940 in Port Bou auf der Flucht vor den Nationalsozialisten endete. Ferneyhough hat selbstverständlich nicht die Leidensgeschichte Benjamins in Töne zu kleiden versucht, sondern dessen Theorien. Er nennt seine Komposition eine „Gedankenoper“.

Von dem amerikanischen Poeten Charles Bernstein hat er sich eine Textkomposition als Libretto schreiben lassen, die durch den großen Dekonstruktionsschredder gedreht ist. In sieben Szenen ist das Stück gegliedert, die jeweils Benjaminsche Aspekte umkreisen. Ein Gitarrenkonzert reflektiert in stürzender, fragmentierter, immer zu kurz „abgeschnittener“ Motivik den „Engel der Geschichte“. Ein Klaviersolo mit gesprochenen Texten ist als Abstieg in die Hölle der entfesselten Kulturindustrie gedacht. In Doktrin der Ähnlichkeit erklingen 13 kunstvoll gesetzte Kanons eines 48-stimmigen Chors. Einmal muss Benjamin (den es als Bühnenfigur nur ansatzweise gibt) Befragungen von Papst Pius XXII., Albert Einstein und Adolf Hitler über sich ergehen lassen. Mit einem Requiemsatz Stelen für die verfehlte Zeit endet die Oper. Und lässt den Zuhörer erschlagen von so viel musikalischer Informationsdichte zurück. Dem Regisseur Frédéric Fisbach ist es offenbar nicht viel anders gegangen: Hilflos hat er mit Schattenspielen, gezeichneten Riesenprospekten und gesichtslosen Puppen versucht, ein bisschen Bildersalat über der erratischen Komposition auszuschütten.

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Peter Ruzicka hat die Uraufführung vorab als einen historischen Termin des neuen Musiktheaters angekündigt. Aber der war es allenfalls, was die Leistungen der Ausführenden um den Dirigenten Jurjen Hempel und die Neuen Vocalsolisten Stuttgart angeht – Unglaubliches haben sie vollbracht. Das Stück selbst hat einen kleinen Systemfehler: Es will von der Bühne, für die es komponiert ist, nicht viel wissen. Ferneyhough lässt sich auf keinen Flirt ein mit der von jeher promiskuitiv, halbseiden und verführerisch daherkommenden Kunstform Oper. Er hat seinem Komponierstil via Text und Bild nur ein paar weitere Strukturschichten hinzugefügt. Als ob es ausgerechnet daran gemangelt hätte.

 
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