Brasilien Schön haben sie es hier

Als es Kaiser Pedro II. und seiner Gattin in Rio de Janeiro zu heiß wurde, ließen sie im Gebirge zwei Städte nach ihrem Geschmack bauen: Petrópolis und Teresópolis. Heute führt eine Urenkelin den Antiquitätenladen in Petrópolis, und die Reichen fliegen im Hubschrauber ein

Ein »Sommerresidenzchen«, ein »Kurörtchen« nannte Stefan Zweig die Stadt, in der er sich nach langer Wanderung rund um die Welt endlich niederließ: Petrópolis, eineinhalb Autostunden von Rio de Janeiro in den Bergen gelegen. »Die Lieblichkeit dieses Ortes wird niemals ernstlich bedroht werden können«, schrieb er über seine neue Heimat im Exil. 1941 bezog er zusammen mit seiner zweiten Frau Lotte dort ein Haus. »Überall leuchten und flammen die Blumen in dieser Stadt der Gärten«, notierte er. Diese Beschreibung passt heute noch immer. Ein Ausflug in die Luftkurorte Petrópolis und Teresópolis ist das ideale Kontrastprogramm zum trubeligen Rio. Hat man dessen letzte Ausläufer zurückgelassen, schraubt sich die Straße höher und höher die grünen Hügel hinauf. In der Ferne erscheinen die ersten Bergkuppen, von Wolken verschleiert. Am Straßenrand wachsen wilde Bananenstauden und Orchideen. An bunt bemalten Bretterbuden wird »Coco Gelado«, eisgekühlte Kokosmilch, zur Erfrischung angeboten, die man mit einem Strohhalm direkt aus der Kokosnuss trinkt.

Prinzessin Isabel nutzte den Kristallpalast für Bälle und Orchideen

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Im Zentrum von Petrópolis angekommen, meint man in eine Ansichtskarte aus dem 19. Jahrhundert hineingestiegen zu sein: Pferdekutschen auf Kopfsteinpflaster, pastellfarbene Villen hinter grünen Hecken. Petrópolis wurde vom brasilianischen Kaiser Pedro II. und seiner Gattin Teresa gegründet. In den heißen Sommern flüchteten sie vor den lähmenden Temperaturen und den Gelbfieberepidemien der damaligen Hauptstadt Rio de Janeiro in die Frische der Berge. Zwischen 1849 und 1889 verbrachte die kaiserliche Familie die heißesten Monate des Jahres, November bis März, hier oben, 840 Meter über dem Meer. Der kaiserliche Sommerpalast ist heute das meistbesuchte Museum Brasiliens. Um die tausend Besucher am Tag rutschen in Filzpantoffeln über die polierten Jacarandaholz-Dielen. Sie bestaunen das goldlackierte Spinett der Kronprinzessin Isabel und die Kaiserkrone von Pedro II. Fast zwei Kilo massives Gold, besetzt mit 639 Brillanten und 77 Perlen, wie ein Schildchen akribisch vermerkt. Hier bekommt man eine Ahnung von den unermesslichen Reichtümern, die dieses Land einst barg. Kostbares Tropenholz aus dem Norden, Gold und Diamanten aus Minas Gerais, das Gummi aus den Wäldern des Amazonas, der Kaffee aus São Paulo – die Schätze Brasiliens füllten zunächst die Schatullen der Kolonialmacht Portugal, später die der einheimischen Großgrundbesitzer.

Petrópolis war immer ein angenehmer Rückzugsort für Menschen mit Geld. Es begann mit dem Hofstaat, der der Kaiserfamilie folgte und sich in den Straßen um den Kaiserpalast niederließ. Vom Ende des 19. Jahrhunderts an kamen die Kaffeebarone dazu. Heute sind es die oberen Zehntausend von Rio, die hier ihre Wochenendhäuser haben. Menschen wie jener Bankier, der ein Herrenhaus am Stadtrand von Petrópolis bewohnt und täglich per Helikopter 15 Minuten nach Rio ins Büro fliegt. An der Avenida Koeler lässt sich der Glanz vergangener Zeiten besichtigen. Hinter schmiedeeisernen Gittern liegen in riesigen Gärten Villen von kolonialer Pracht.

In der Nähe steht auch der 1884 eingeweihte Kristallpalast, eine imposante Metall-und-Glas-Konstruktion, komplett in Frankreich erbaut und nach Brasilien verschifft. Prinzessin Isabel, eine Tochter von Pedro II., brachte darin ihre Orchideenzucht unter und feierte rauschende Bälle. Die Bragancas, Nachkommen der portugiesischen Herrscherdynastie, leben bis heute in Petrópolis. Einem Enkel von Prinzessin Isabel gehört die Ortszeitung. Eine Enkeltochter führt den Antiquitätenladen Portobello in der Avenida Koeler. Vom Erlös jeder Immobilie, die in der Stadt den Besitzer wechselt, kassieren die Kaiser-Urenkel noch heute 2,5 Prozent als Gegenleistung für das Land, das ihre Vorfahren den Bürgern einst schenkten.

Zwischen all den fröhlich pastelligen Fassaden in Rosa, Gelb und Hellblau beschleicht einen plötzlich ein heimatliches Gefühl beim Anblick von deutschem Fachwerk. Und erinnert nicht die Atmosphäre von ferne an ein deutsches Kurstädtchen? Tatsächlich war Stefan Zweig nicht der einzige Aussiedler deutscher Zunge, der sich von der beinahe alpinen Atmosphäre und den frischeren Temperaturen angezogen fühlte. Schon zu Zeiten von Kaiser Pedro II. kamen zwei Schiffe voller deutscher Aussiedler nach Petrópolis. Die Avenida Koeler ist benannt nach dem Ingenieur Julius Köhler, der für den Kaiser die Stadtplanung übernahm. Auf den Straßen von Petrópolis hört man noch heute öfters deutsche Stimmen – und nur selten gehören sie Touristen.

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