sport Kurze Pässe, enge Räume

Ein Blick über den Spielfeldrand auf die neuen Fußballbücher

Am 4. Juli ist alles vorbei. Da jährt sich zum fünfzigsten Mal das „Wunder von Bern“, aber vermutlich wird sich jeder entnervt die Ohren zuhalten, wenn dann noch davon die Rede ist. Alles Pulver ist verschossen worden, der Film von Sönke Wortmann hat bereits letztes Jahr die Zeichen gesetzt. Die Fernsehanstalten lieferten sich ein Wettrennen darum, ein paar vergessene Quadratzentimeter Zelluloid des Jahrhundertereignisses vom Wankdorfstadion aufzutreiben, und Herbert Zimmermanns Endspiel-Reportage drang verstärkt aus den Kanälen wie eine Zimmerflak: „Wankdorfstadion, keiner wankt!“

Ja, wir haben gewonnen. Auch im Bruttosozialprodukt sind wir schnell an den vermeintlichen Siegermächten des Zweiten Weltkriegs vorbeigezogen, und im Fußball waren wir eine Macht, noch 1990. Aber danach ging es rapide abwärts, irgendwie mussten wir doch noch die Rechnung für den Zweiten Weltkrieg bezahlen. Zwischen den demütigenden Ergebnissen der Fußball-Nationalmannschaft und denjenigen der Pisa-Studie gibt es einen Zusammenhang. Die deutsche Wohlstandsverwahrlosung zeigt sich im Bildungssystem genauso wie in der Taktik der Nationalmannschaft: Ballorientiertes Spiel, variable Raumaufteilung und das ständige Wechseln der Position verträgt sich nicht mit der Ästhetik der Flächentarifverträge. Und so, wie plötzlich für Computerspezialisten aus Indien die Einwanderungsbestimmungen gelockert werden sollten, erhob sich auch die Klage darüber, dass wir nicht wie die Franzosen oder Holländer von Kolonien in wärmeren Gefilden zehren: Dort können sie einfach besser mit dem Ball umgehen.

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Die deutschen Buchverlage sind in dieser Situation nicht zu beneiden. Da lockt zum einen das „Wunder von Bern“, aber da droht zum anderen die Fußball-Europameisterschaft im Juni. Der Glanz der Vergangenheit, das Elend der Gegenwart: Das Marketing für diese Spannung muss ziemlich gewitzt sein. Aber man kann die Spannung auch einfach ganz weglassen und einem Altmeister wie Rudi Michel das Wort erteilen, bekannt aus Funk und Fernsehen. Er liefert so etwas wie die offizielle Sicht auf die Legende, mit allen „Chef“- und „Fritz“-Hagiografien und braunstichigen Schwarzweißfotos, und auch das Absingen der ersten Strophe des Deutschlandlieds nach dem Sieg ist dann gar nicht mehr so schlimm. Jürgen Bertram dagegen (Ex -Spiegel- und Fernsehredakteur) hat es für sein Buch geschafft, vom alten, unzugänglichen Helmut Rahn drei Sätze am Rande eines Benefizspiels in Essen-Frohnhausen zu erhaschen. Darauf ist er zu Recht stolz. Der Fernsehautor Peter Kasza ist da nüchterner (schon wieder einer vom Fernsehen: Dürfen Bücher zu populären Themen eigentlich nur noch von Fernsehleuten geschrieben werden?) und referiert auch mal die andere Seite – Wissenswertes über das Umfeld der ungarischen „Wunderelf“ in der Spätzeit des Stalinismus.

Es ist natürlich so: Fernsehleute sind selbst Stars. Vermutlich werden sie bei der anstehenden Europameisterschaft auch wesentlichere Protagonisten sein als die deutschen Spieler, und deshalb stürzen sich die Buchverlage in ihrer Verzweiflung auf sie. Marcel Reif ist einer der Besten, aber leider unterscheidet sich sein Werk nur in Ansätzen von den üblichen Fußballstarbüchern. Offensichtlich hat Reif sein Leben einfach mündlich heruntererzählt, und das merkt man der Schriftform deutlich an. Ein paar reflektiertere Passagen, vor allem gegen Ende, sind durchaus lesenswert, doch meistens schlägt er nur diese halbhohen Bälle, die so verdammt schwer zu nehmen sind.

Auch Günter Netzer ist schon immer ein Fernsehmann gewesen, nur hat man ihn längere Zeit tatsächlich eher für einen Fußballspieler gehalten. Er war der erste kickende Popstar, zwischen rotem Ferrari und der Diskothek Lover’s Lane. Über Netzer schreiben, das heißt: über die Bedeutung schreiben, die einem Fußballspieler zuwachsen kann, auch wenn ihm das gar nicht so recht klar ist. Da wäre auch Ironie am Platz, soweit das geht. Aber dann hat das Ganze doch wieder Netzer selbst geschrieben, beziehungsweise: er hat es schreiben lassen. Das ist für einen Journalisten keine leichte Aufgabe. Man stelle sich nur einmal Netzers Kommentare für die ARD, die so professoral wirken, schriftlich vor: Da ist gleich die ganze Aura weg, und übrig bleiben Binsen. Helmut Schümann hat die Sache aber mit Bravour gemeistert, journalistisch gesehen ist das eine blitzsaubere, professionelle Arbeit. Doch über die Ich-Form Netzers kann es halt trotzdem nicht hinausgehen.

Glückt Klaus Theweleit der Befreiungsschlag? Aber ach, er lehnt Befreiungsschläge von vornherein ab. Theweleit bastelt ein bisschen systemtheoretisch herum, macht die Räume eng und findet heraus, dass heute alles taktisch so raffiniert abläuft, dass oft nur noch kleine Zufälle über den Ausgang eines Spiels entscheiden. So wie er damals bei seinen Männerphantasien irgendwo bei Seite 453 den Antiödipus von Deleuze/Guattari entdeckt hat und plötzlich wusste, wo es langgeht, ist er jetzt auf die Viererabwehrkette gestoßen und auf das Pressing. Da ist er jedoch, wie ganz Deutschland, ein bisschen spät dran. Theweleit ist manchmal durchaus witzig – aber er hat keinen Humor. Verbissen will er immer nur nachweisen, dass wir uns nicht mehr in der Zeit der Männerfantasien befinden, dass es jetzt ums Kurzpassspiel geht. Deutschland hat seiner Meinung nach das Endspiel 2002 gegen Brasilien deswegen verloren, weil kurz vor dem 1:0 Hamann den Ball hatte und ihn zuerst zu Metzelder und dann zu Ziege spielen wollte – doch jedes Mal stand ihm dabei Schiedsrichter Collina im Weg. Auf die wirklich interessanten Fragen geht Theweleit dabei überhaupt nicht ein: Die Deutschen hatten während des Turniers fast immer miserabel gespielt und trotzdem gewonnen, im Endspiel waren sie großartig und besser als die Brasilianer – aber verloren. Ein Nachdenken über derlei existenzielle Befunde wäre weitaus ergiebiger als Theweleits Power-Point-Essayistik.

Der Positivismus der deutschen Fußballschreiber hilft genauso wenig weiter wie derjenige des Bundeskanzlers. Aber es gibt immerhin Autoren wie Andreas Höll, die den Fußball als eine Angelegenheit des kulturellen Lebens ernst nehmen – und deswegen ganz leicht. Seine Feuilletons drehen sich um den Gesang der Fans, um das Trikot als Gesamtkunstwerk und natürlich um die Poesie: So hat seiner Meinung nach der Gelegenheitslyriker Gottfried Blumenstein Energie Cottbus zweimal vor dem Abstieg gerettet. Dieser Weg ist der richtige. Und er führt, wie die meisten deutschen Sehnsüchte, nach Italien: Ugo Riccarellis Erzählungen bilden den Höhepunkt dieser Fußballbuchsaison. Sie handeln nicht nur vom Fußball, aber jedes Mal gehen Realität und Vision auf unnachahmliche Weise ineinander über. Der Flugzeugabsturz 1949 an der Superga in Turin etwa, bei dem sämtliche Spieler von „Il Grande Torino“ umkamen, gerät ihm zu einer ausgreifenden Parabel im Stile von Borges. Der AC Turin war von 1942 bis zu diesem Tag unschlagbar – ein Stoff, der per se literarisch ist. Wie, in einer anderen Geschichte, die krummen Beine des besten Außenstürmers der Welt, des Brasilianers Garrincha: Er war als kleiner Junge an Kinderlähmung erkrankt. Und auf geheimnisvolle Weise schließt sich Riccarellis Bogen mit Pier Paolo Pasolini, dem großen intellektuellen Künstler, dessen Schicksal auf unerhörte Weise mit dem Fußballplatz verbunden war. Fußball, so lernen wir, wird dann zum Ereignis, wenn man in der Lage ist, über den bloßen Spielfeldrand hinauszuschauen…

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