Philosophie Der Scharfsinn des Herrn Maimon
Zu entdecken: Kants bester Kenner und Kritiker
Einen Tag bevor Karl Leonhard Reinhold seinen beendete, am 7. April 1789, und fast genau ein Jahr vor der Veröffentlichung von Kants dritter Kritik, schickte Marcus Herz, Kants langjähriger Student und Vertrauter, seinem Lehrer ein mächtiges Paket, das er mit einem Brief begleitet, „zur Durchsicht“. Das Paket enthielt, außer dem huldvollen Schreiben eines gewissen Salomon Maimon an Kant, ein umfangreiches Manuskript mit dem Titel mit einem Anhang über die symbolische Erkenntnis und Anmerkungen. Das Manuskript liefert einen eindringenden kritischen Kommentar zur
Geschrieben in einem kruden, gelegentlich unzugänglichen Deutsch, ist es ohne erkennbaren roten Faden, karg im Erklären ungewohnt schwieriger Gedanken, kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, fügt einen Anhang mit einem ganz anderen Thema hinzu und kehrt im Mittelteil zum Hauptteil zurück, dem eine (keineswegs knappe) Kurze Übersicht des ganzen Werkes sowie ein Kapitel Meine Ontologie angefügt sind. Der aus zwölf Abschnitten bestehende Hauptteil erfährt noch kritische „Anmerkungen und Erläuterungen“, ja Revisionen: vermutlich die Frucht weiteren Nachdenkens – auch über die Einwendungen von Kants Antwortschreiben.
Maimon selbst gibt an, seinen Standpunkt (ein „Coalitionssystem“ aus Kant und Spinoza) während der Niederschrift verändert zu haben zugunsten eines Kant-Humeschen. Die erste Benennung stehe dabei für den „dogmatischen“, die zweite für den „skeptischen“ Charakter des Ganzen. Beides geht zusammen, wenn man den ersten auf ganz wenige Sätze der reinen Mathematik einschränkt und den anderen ausdehnt auf alle empirisch gehaltvollen Aussagen, selbst solche, die Kant für synthetisch a priori hielt wie den Grundsatz der Kausalität oder die (Newtonsche) Parallelogrammregel zur Berechnung zusammengesetzter Bewegungen.
Jedenfalls liest sich Maimons bunt gescheckter Erstling – dessen Komposition der Autor bescheiden mit seiner Sprachnot und der Neuheit des Gegenstandes entschuldigt – wie ein Stück frühromantischer Philosophie der Philosophie, als ironisches Sich-über-die-Schulter-Blicken beim Verfertigen von Gedanken, nur dass Maimon romantische Heiterkeit völlig abgeht und seine Gedanken den größten Ernst, ja einen für die Philosophie der Zeit außergewöhnlichen logisch-mathematischen Scharf- und sachlichen Eigensinn bekunden.
Kant von Grund auf umgestoßen
Hier geschieht nichts Geringeres als eine massive Releibnizianisierung des kantischen Kritizismus – mit skeptischen Vorbehalten. Sie tat entscheidende Wirkung auf die Anfänge des Idealismus. Fichte, der die Abhängigkeit seines Schlüsselgedankens von Maimon am deutlichsten fühlen musste, äußerte im Frühjahr 1795 Reinhold gegenüber (den dies Urteil wiederum kränken musste): „Gegen Maimons Talent ist meine Achtung grenzenlos, ich glaube fest, und bin erbötig, es zu erweisen, dass durch ihn sogar die ganze Kantische Philosophie, so wie sie durchgängig, und auch von Ihnen verstanden worden ist, von Grund auf umgestoßen ist. Das alles hat er getan, ohne dass es jemand merkt, und indes man von seiner Höhe auf ihn herabsieht. Ich denke, die künftigen Jahrhunderte werden unserer bitterlich spotten.“
Fichte, der selbst kaum Anstrengungen unternahm, Maimons Verdienst öffentlich auszuweisen, hat auch die Arbeit der Nachwelt überschätzt. Bis in die jüngere Zeit gibt es keine einzige in Maimons Gesamtwerk wirklich eindringende und den neuesten Stand der Kant- und Idealismus-, besonders die „Konstellationsforschung“ verarbeitende Monografie. Das beginnt sich nun zu ändern.
Trotz der Oberflächenmängel hatte Herz größtes Vertrauen in den Gehalt des Werks und die Begabung des Verfassers – anders hätte er gar nicht gewagt, den mit der Zeit geizenden Kant behelligen. In seinem Begleitschreiben beschwört Herz Kant, das Manuskript zu lesen, ja für den Druck zu empfehlen. Den Verfasser, „ehedem einer der rohesten polnischen Juden“, nennt er genial, scharfsinnig, tief eingearbeitet „in fast alle höhere Wissenschaften, und vorzüglich in den letzten Jahren in Ihre Philosophie“. Er getraue sich, zu behaupten, „dass er einer von den sehr sehr wenigen Bewohnern der Erde ist, die Sie so ganz verstanden und gefasst. Er lebt hier [in Berlin] sehr kümmerlich, unterstützt von einigen Freunden, ganz der Spekulation. Er ist auch mein Freund, und ich liebe ihn und schätze ihn ungemein. Es geschah auf meine Veranlassung, dass er diese Aufsätze, die er zum Druck bestimmt, vorher Ihnen zur Durchsicht überschickt.“ Kant antwortet: „Ich empfange jeden Brief von Ihnen, wertester Freund, mit wahrem Vergnügen. Aber“, fährt er nach einigen Höflichkeiten fort, „wo denken Sie hin, mir ein großes Pack der subtilsten Nachforschungen, zum Durchlesen nicht allein, sondern auch zum Durchdenken, zuzuschicken.“ Er stehe in seinem 66. Lebensjahr, im Begriff, die Kritik der Urteilskraft zu beenden, und brauche, bei seiner gebrechlichen Gesundheit, alle verbleibende Zeit für die Ausarbeitung seiner Metaphysik. Das klingt wie eine Absage; aber während Kant sie formuliert, verfängt sich sein Auge in den ersten Seiten, er wird in die Lektüre hineingezogen und verfasst am Ende einen der ausführlichsten Briefe zur Verteidigung seines kritischen Standpunktes, die wir von ihm besitzen. Kants Brief schließt mit einer indirekten Druckempfehlung, von der Maimon profitieren konnte.
Wer war dieser Salomon Maimon? Karl Philipp Moritz, der Herausgeber des damals berühmten Magazins für Erfahrungsseelenkunde , hatte die gute Idee, den Verfasser zur Niederschrift seiner Lebensgeschichte zu überreden. So entstand eine der unglaublichsten Philosophenbiografien. Sie erzählt ein Leben, das in einfachsten litauischen Verhältnissen begann, das Wechselbad von Leiden unter einer oft brutalen orthodox-jüdischen Erziehung (mit 11 war Shlomo Rabbi, wurde zwangsverheiratet, geraubt und neu verheiratet) und des mörderischen Antisemitismus zu bestehen hatte. Maimon erzählt mehrere vergebliche und mit Unfällen bezahlte Fluchtversuche, schwer glaubliche Verbrechen der rohen Adelskaste und endlich die Ankunft in Berlin, wo ein Kreis gebildeter Juden um Mendelssohn, Herz und Bendavid sein Talent erkennt und großherzig unterstützt – freilich nur anfangs, bis dieser Radikalaufklärer mit der Religion überhaupt auch die jüdische verurteilt. Diesen Männern hat Maimon die Muße und Sorglosigkeit zur Niederschrift seines so bedeutenden wie rätselvollen Versuchs zu danken. Der Text war – zusammen mit Maimons Versuch einer neuen Logik (1794) – schon von Andreas Berger ins Internet gesetzt worden (http://tiss.zdv.uni-tuebingen.de/webroot/fp/fpsfr01_W0304) und ist nun bei Meiner erschienen.
Der Herausgeber Florian Ehrensperger, ein junger Maimon- und Fichte-Spezialist, leitet das Werk konstellatorisch kompetent und geschickt ein, obwohl ein an den Dunkelheiten des Autors verzweifelnder Leser für die wahrhaft harten und zentralen Probleme, die das Werk aufwirft, keinerlei Lösungsangebote findet. Auch die Textpräsentation ist philologisch nicht befriedigend: In Maimons vertracktes Deutsch mit seiner höchst willkürlichen, aber charakteristischen Zeichensetzung ohne textkritische Nachweise einzugreifen birgt das Risiko unüberprüfbarer Sinnveränderungen.
Der Band enthält eine lückenlose Bibliografie. Die Anmerkungen des Herausgebers beschränken sich auf Personen- und Sacherklärungen sowie die Übersetzung fremdsprachiger (meist lateinischer) Zitate. Die Übersetzung eines langen Passus aus Ploucquets Kalkül- Schrift zeigt Unvertrautheit mit dem zeitgenössischen logischen Vokabular. Auch ist dem Kommentator nicht aufgefallen, dass Maimon bei seiner erhellenden Orientierung an Baumgartens Metaphysica (wie Dagmar Mirbach nachgewiesen hat) nicht der Paragrafenzählung des Originals, sondern derjenigen von Georg Friedrich Meiers gekürzter deutscher Übersetzung folgt.
Von den Erklärungsmängeln der Ehrenspergerschen Einleitung frei ist der von Gideon Freudenthal herausgegebene Sammelband über Salomon Maimon: Rational Dogmatist, Empirical Skeptic. Freudenthal, ein führender israelischer Philosoph – im Deutschen kennt man wenigstens seine 1982 bei Suhrkamp erschienene Arbeit Atom und Individuum im Zeitalter Newtons – hat weltweit führende Kenner um sich geschart, und sie packen die Schlüsselfragen des Maimonschen Überzeugungssystems frontal an, mit einem Akzent auf Maimons publizistischem Erstling. Der Aufklärungsertrag ist groß; und der Leser beginnt von Text zu Text zu ahnen, dass Maimon nicht einfach als Kant-Kommentator, Hume- oder Spinoza-Leibniz-Wolff-Verteidiger, als Naturwissenschaftstheoretiker, Logiker oder Mathematiker, gar als Vorläufer des logisch wenig geübten Fichte philosophiegeschichtlich bedeutend ist. Wir treten ein in ein weitgehend unbekanntes Gedankengebirge, das es sich um seiner selbst willen zu entdecken lohnt.
Des Herausgebers Einleitung beleuchtet den eigenartigen schriftstellerischen Umgang Maimons mit der Tradition und charakterisiert ihn als kommentierendes Denken, fast im Sinne des Novalis: „Ein junger Gelehrter muss mit spezieller Kritik anfangen. Am fremden Faden und Gewebe lernt er eigene Ideen entwickeln und zu Fäden und einem vollständigen, regelmäßigen Gewebe ausspinnen.“ Das wird besonders augenfällig in Maimons Kommentaren zum Führer der Unschlüssigen , dem selbst unsystematisch-kommentierenden Hauptwerk des jüdisch-mittelalterlichen Philosophen Maimonides, den Salomon sich als Wahlnamen-Vater auswählte.
Der Sammelband selbst trennt Beiträge zu Maimons „rationalem Dogmatismus“ von solchen zu seinem „empirischen Skeptizismus“. Ein dritter Teil beleuchtet den Stil von Maimons Rezensionen – samt einer bisher unbeachteten (Ehrensperger). Im ersten geht es um Maimons Transformation der Lehre synthetischer Urteile a priori. Es bestätigt sich nicht nur der längst bekannte (von Peter Thielke neu und differenziert artikulierte) Befund, dass Maimon – unter Rückgriff auf die rationalistische Tradition – den Kantschen Vermögendualismus von Sinn und Verstand (samt Anschauungs- und Verstandesformen) leugnet und die vermeintliche Rezeptivität der Sinneserfahrung als einen minderen Grad von Selbsttätigkeit erklärt. Maimon zeigt auch, dass vermeintliche Positionsunterschiede natürlicher Gegenstände in Raum und Zeit auf unerkannten Unterschieden in den begrifflich fassbaren Merkmalen der Gegenstände beruhen – das hatte Kant vehement geleugnet.
Das basale Theorem von Maimons Gegenentwurf, der „Satz der Bestimmbarkeit“, erfährt eine glänzend klare und Einsicht eröffnende Explikation durch einen noch ganz jungen Maimon-Forscher, Oded Schechter. Hier muss künftige Forschung anknüpfen, denn Schechters Auslegung bleibt immanent, sie kann die Struktur des Grundarguments nicht in einer von Maimons dunkler Wortwahl unabhängigen Sprache artikulieren.
In eine ähnliche Richtung fragt Elhanan Yakira, der Maimons Theorie der Prädikation aus ihren Leibnizschen und Kantschen Ursprüngen vergleichend profiliert. Es zeigt sich, dass Maimons Appell an einen „unendlichen Verstand“ die Erklärungslücke zwischen der dogmatisch-rationalen und der empirisch-skeptischen Betrachtungsart schließen kann; doch hat er nur den Charakter eines rational motivierten Postulats zur Überwindung des Dualismus (nicht einer Fichteschen Evidenz, die Maimon endlichen Geistern nur für die „unendliche Einsichtigkeit“ mathematischer Erkenntnisse einräumt). Michael Roubach beleuchtet die Bedeutung, die das Denken von Einheit und Verschiedenheit (im Sinne der Wolff-Kantschen „Reflexionsbestimmungen“) für Maimons Denken und seine Theorie des engen Zusammenhangs der formalen und der transzendentalen Logik hat.
Das Schaustück der Sammlung findet sich im zweiten Teil. In einer strengen und historisch wie systematisch gleich kundigen Prüfung der Kantschen These, es gebe (einige) synthetische Erkenntnis a priori auch in der Naturwissenschaft, zeigt Freudenthal, dass Kants Anspruch unter den Hieben der Maimonschen Skepsis fällt. Die Physik ist eine Theorie der bewegenden Kräfte; doch lässt sich Bewegung, weil sie Existenz einschließt und Existenz keine Gedankenbestimmung ist, aus reiner Vernunft nicht antizipieren (was Kant in den „Grundsätzen“ akzeptiert, aber nicht konsequent beachtet). So müssen die Grundsätze der Physik – wie alle materiellen Kausalaussagen – de facto als empirisch und mithin fallibel anerkannt werden. Dagegen findet Yaron Senderowicz Maimons Zweifel am „Faktum der Erfahrung“ und der in diese Annahme eingehenden Hume-Kritik letztlich nicht überzeugend.
Ein jüdischer, deutscher Idealist
Paul Franks fragt in einem gründlichen Artikel in die gleiche Richtung: Was können Kantianer aus Maimons Skeptizismus lernen? Sein Antwort ist grob: Dies, dass naturwissenschaftliche Kenntnis wenigstens für endliche Geister, aber gewöhnliche Urteilspraktiken ganz und gar unrechtfertigbar sind, da sie strenger Mathematisierung widerstehen. Doch sieht Franks in Maimons radikaler Kant-Kritik einen „blinden Fleck“ und fragt sich, ob nicht die transzendentale Tradition insgesamt den alltäglichen Erkenntnispraktiken gegenüber verständnislos geblieben ist. Frederick Beiser – bekannt durch Standardwerke über den argumentativen Kontext und die früheste sowie die idealistische Verarbeitung der kantischen Philosophie – schlägt Maimon vorsichtig auf die Seite Fichtes, der Maimons kontemplatives Denken praxisphilosophisch neu begründet habe.
Ist Maimon also – in den Worten von Habermas (1963) – ein Hauptvertreter des „deutschen Idealismus jüdischer Philosophen“? Freudenthals Sammelband öffnet so viele neue Perspektiven und zeigt uns ein schillerndes Gesamtwerk von solchem Reichtum, dass wir einzusehen beginnen: Hier ist ein großer Philosoph allererst entdeckt worden, und die Forschung über ihn steht noch am Anfang.
Salomon Maimon: Versuch über die Transzendentalphilosophie Hrsg. v. Florian Ehrensperger; Verlag Felix Meiner, Hamburg 2004; 324 S., 36,– ¤Versuch über die TranszendentalphilosophiePhilosophieSachbuchHrsg. v. Florian EhrenspergerSalomon MaimonBuchFelix Meiner Verlag2004Hamburg36324Gideon Freudenthal (ed.): Salomon Maimon: Rational Dogmatist, Empirical Skeptic Critical Assessments; Kluwer Academic Publishers, Dordrecht 2003; 304 S., 123,– ¤Salomon Maimon: Rational Dogmatist, Empirical SkepticPhilosophieSachbuchenglischCritical AssessmentsGideon Freudenthal (ed.)BuchKluwer Academic Publishers2003Dordrecht123304- Datum 03.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.06.2004 Nr.24
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