Zufälle gibt es nicht. Leider. Manchmal wären sie so bequem. Sie könnten uns die Welt erklären, wenn wir sie mit all ihren Widersprüchen nicht mehr verstehen. Ein Beispiel? Da einigen sich Beckstein, Bütighofer und ein paar andere nach jahrelangem Streit auf die Grundlinien eines Zuwanderungsgesetzes. Und noch in der Spargelsaison des selbigen Jahres gibt das bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit bekannt, es könne ausländische Stangen jetzt unanfechtbar von deutschen unterscheiden. Mit Hilfe von Isotopen-Analysen. Erste Untersuchungen hätten sogar gezeigt, dass 15 Prozent allen Spargels, der sich hierzulande als deutscher tarne, in Wirklichkeit fremder sei. Illegal ins Land gebracht – aus Ungarn, aus Griechenland, aus Spanien.

Wenn es um Spargel geht, will uns das sagen, muss doch wohl dem Sensibelsten einleuchten, dass Multikulti nicht so harmlos ist, wie es immer tut. (So etwa: "Niemand hat etwas gegen die Saisonarbeiter auf den Feldern von Beelitz und Schrobenhausen! Hauptsache, sie bringen keine holzigen Stängel von zu Hause mit und verschwinden gleich nach Johannis wieder hinter Oder und Neiße.")

Andererseits: Da kämpft ein amerikanischer Präsident gegen Terror und ums politische Überleben. Und ein Autor namens R. W. Apple jr. weiß nichts Besseres, als in der New York Times (vom 19. Mai) unter dem Titel In Germany, Spring Wears White eine 1814 Wörter lange Hymne auf den deutschen Spargel zu singen.

Auf den Spargel, Asparagus officinalis , den schon Scheich Abu Abdallah Muhammed Nafsawi erwähnt hat, der Verfasser eines subversiven arabischen "Liebeshandbuchs" aus dem frühen 15. Jahrhundert! "Wer Spargel kocht und ihn mit Eidotter und Gewürzen in Fett brät und dieses Gericht täglich isst, wird sein Verlangen und seine Kraft beträchtlich gestärkt sehen", schreibt er in seinem Duftenden Garten zur Erbauung des Gemüts.

Kann es ein Zufall sein, dass Mister Apple junior die aphrodisierende Wirkung des Gemüses voller Heimtücke verschweigt, gleichzeitig aber die Sauce hollandaise als ideale Beilage zum Spargel preist? Die aus nichts anderem besteht als – Eigelb, Butter, Gewürzen.

Zwei Dinge sind es gemeinhin, die ein Nahrungsmittel in den Ruch bringen, Frauen willig zu machen und Männer zu Stieren. Erstens: die Seltenheit. Und zweitens ihre Form. Sollte es da ohne finstere Absicht geschehen sein, dass Mr. Apple so tut, als sei Spargel nur lecker und gesund? Und will uns der Autor, der bei seinen deutschen Freunden von Tellern isst, die Karl Friedrich Schinkel entworfen hat, und seinen Lesern ganz en passant erzählen kann, das sei "Deutschlands großer klassizistischer Architekt" gewesen, will uns dieser offenbar belesene Mann glauben machen, er wüsste nicht, was Frauen hierzulande noch im 17. Jahrhundert mit Spargel machten?

Dass sie sie mit Krebsschwänzen, Maulwurfsblut und der Zunge einer Turteltaube abkochten, den Sud bei Neumond dreimal filtrierten, mit Pfeffer, Moschus und Ambra würzten und dem Mann ihrer Wahl heimlich ins Essen tropften?

Fragen über Fragen. Widersprüche, Verdächtiges und Subversion. Und wie lässt sich das alles in Einklang bringen mit den Aktivitäten der bayerischen Lebensmittelsicherheitsexperten?