Janis Mežeckis dachte, er würde nie mehr zurückkehren, als er Lettland 1991 verließ. Der ehemalige Fußballprofi und Trainer verschiedener lettischer Klubs war fertig mit seinem Land, das in Agonie lag und ihm keine Perspektive mehr zu bieten schien. Als ein alter Freund ihn einlud, nach Belgien zu kommen und in seinem Textilhandel mitzuarbeiten, packte der damals 38 Jährige seine Sachen und brach auf. "Die Zeit dort hat mich völlig verändert, ich habe ein anderes Leben gelernt", sagt er. Seine Erfahrungen mit dem Westen brachte er mit nach Riga zurück, als ihm 1993 überraschend angeboten wurde, Generalsekretär des lettischen Fußballverbandes zu werden. "Damals hatten wir kein Faxgerät, keine internationale Telefonverbindung und keinen Computer." Er kümmerte sich darum. Damals brachten die Nationalspieler zum Training ihre eigenen Sportsachen mit, er besorgte einen Ausrüster. Damit die Kinder auch im Winter Fußball spielen konnten, beschaffte er Kunstrasen aus Deutschland, der dort schon zehn Jahre benutzt worden war. "Einer der Ersten kam vom FC Bayern München", sagt Mežeckis.

Er liebt es, vom Nullpunkt der lettischen Fußballgeschichte zu erzählen. Seine Zuhörer sollen ein Gefühl dafür bekommen, wie weit der Weg zur Europameisterschaft in Portugal wirklich gewesen ist. Inzwischen sitzt Mežeckis in diversen Kommissionen der internationalen Fußballverbände und ist dort kein Exot mehr. "Ich bewundere Franz Beckenbauer seit der WM 1966, jetzt sitze ich mit ihm beim Essen, und er fragt mich über unsere Nationalmannschaft aus." Der große Marco van Basten hat ihm anerkennend auf die Schulter geklopft. "Es ist ein Wunder", sagt Mežeckis.

Fifa-Weltranglistenplatz 52, hinter Venezuela

Im Besprechungsraum des lettischen Fußballverbandes in Riga sitzt er unter dem Souvenir, das an den Tag erinnert, als das Wunder geschah. Auf dem Wappen, einem Geschenk der türkischen Gastgeber zum Spiel gegen Lettland, ist das Datum vermerkt. Am 19. November 2003 holte die lettische Mannschaft in Istanbul einen 0:2-Rückstand auf und qualifizierte sich mit einem Unentschieden beim Dritten der letzten Weltmeisterschaft für den europäischen Fußballsommer in Portugal. Es war die Sensation des Jahres, und Tausende fuhren nachts zum Flughafen hinaus, um die Sieger zu empfangen.

Am 19. Juni wird die Mannschaft von Rudi Völler gegen dieses lettische Team spielen, den größten Außenseiter des Turniers. In der Rangliste der Fifa steht das Land immer noch auf Platz 52, hinter dem Irak, Venezuela, Simbabwe und Jamaika. Vor der Qualifikation waren sogar Jordanien und Neuseeland noch besser platziert. Und gerade einmal drei Jahre ist es her, dass die lettische Nationalmannschaft gegen San Marino über ein torloses Remis nicht hinauskam. Danach wurde Aleksandrs Starkovs ihr Trainer.

"Wir sind eine Familie", sagt der Coach. Eigentlich sollte man nicht zu viel darauf geben, wenn Fußballmannschaften als Familien beschrieben werden. Zumeist wollen Trainer damit nicht mehr sagen, als dass die Spieler fest zusammenhalten. Doch die Welt des lettischen Fußballs ist tatsächlich so klein, dass man sie auch als Großfamilie beschreiben kann. Nur acht Klubs spielen den Landesmeister aus, gerade 120 Spieler verdienen hier ihren Lebensunterhalt. 3.000 Euro gelten schon als guter Verdienst. Wenn zu einem Punktspiel 2.000 Zuschauer kommen, ist das ein Spitzenbesuch, normalerweise kommen nur ein paar hundert. Fast alle Nationalspieler sind oder waren beim FC Skonto Riga unter Vertrag, der auch von Nationaltrainer Starkovs trainiert wird und seit der Unabhängigkeit 1991 alle Meistertitel gewonnen hat.

Auf den ersten Blick könnte man ihn für einen Patriarchen alter Schule halten. Am Seitenrand schaut der 48-Jährige mitunter so regungslos zu wie einst Valeri Lobanovski, der große Trainer-Stoiker aus Kiew. Außerdem sagt Starkovs, dass er seinen russischen Kollegen Oleg Romantzew und den Italiener Fabio Capello bewundert, die beide als hart und unnahbar gelten. Doch man merkt ihm schnell an, dass demonstrative Härte nur eine seiner Facetten ist. "Ich sehe mich nicht als Vater der Mannschaft, sondern als älterer Bruder der Spieler." Er kennt sie von Skonto und aus der Nationalmannschaft schon ewig, und auf die Frage, wer seine Lieblingsbrüder sind, nennt er, ohne zu zögern, Aleksandrs Kolinko, den stillen Keeper, den pfeilschnellen Andrejs Rubins oder Vitalijs Astafjevs, den Organisator im Mittelfeld. "Weil sie immer zuerst ans Team denken."

Wer stets als Underdog antritt, braucht solche Spieler. In Portugal wird es schwer werden, gegen Starkovs’ Mannschaft zu spielen. Sie könnte dort zu einer Art Unterhaching Europas werden, das ist der Klub aus der Nachbargemeinde Münchens, der einst die Bundesliga verblüffte. "Ich bin mit Sicherheit kein Romantiker", sagt Starkovs, "als Außenseiter müssen wir zuerst an die Defensive denken." So tat es damals auch Unterhaching und konterte dann die Gegner aus. Als "schnell, clever und taktisch geschickt" beschreibt Starkovs den Stil seiner Mannschaft, macht eine Kunstpause und grinst: "Wie Brasilien." Dann lacht er laut.