"Muss i denn, muss i denn…" , summe ich leicht melancholisch. "Ätzend!", schreit der 14-Jährige. "Eis!", schreit die Dreijährige. "Und du, mein Schatz, bleibst hier!", schreit der Schatz. Wieso denn nicht Cloppenburg? Wo man fruchtbar ist und sich mehret wie nirgends sonst in Deutschland. Wo die Schulkinder, wenn es so weitergeht, demnächst in Gefängnissen und katholischen Gotteshäusern unterrichtet werden müssen, weil die Grundschulen jetzt schon überfüllt sind. Wo 66 Prozent der Mütter am Herd bleiben. "Das würde dir so passen", sagt Schatz. Aber das Freilichtmuseum! "Voll cool", spottet der Sohn. "Ich will zu meiner Freundin Malina", quengelt die Tochter.

Familienkonferenz auf dem Bremer Marktplatz bei Beck’s Bistro. Auf dem Tisch zwei Latte Macchiato, eine Cola, ein Wasser, ein Stoß Papiere. Statistiken, Prognosen, Gutachten. Mit dabei im Stapel: das Städte-Ranking 2004 der WirtschaftsWoche und der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, eine Prognose des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, die Demografiestudie Deutschland 2020 des Berlin-Instituts für Weltbevölkerung und globale Entwicklung und die Ergebnisse der Pisa-E Studie, des deutschlandinternen Schülervergleichs. Es geht hier und heute ums Ganze, nämlich ums Abhauen. Und die Frage ist nicht, ob. Sondern, wohin.

Die Zeit ist reif! Zu reagieren auf die Prognosenwut in diesem Land. Nicht ein Tag vergeht ohne neue Wirtschafts-, Wetter- und Bildungsvorhersagen, und jede davon schreit mich an: Tu was! Verändere dich! Mach hinne! Jetzt schreie ich zurück: Ja. Jaaa! Ist ja gut – ich mach hinne.

Andere waren schon immer so. Die erste Hochrechnung zur Endlichkeit fossiler Brennstoffe veranlasste viele Leute, ihre Ente zu verschrotten und Fahrrad zu fahren. Den ersten Waldschadensbericht beantworteten sie mit einem Christbaum-Boykott. Kaum war nach Tschernobyl die erste Prognose zum Strahlen der Waldpilze raus, zogen sie nach La Gomera. Oder wenigstens klebten sie "Atomkraft, nein danke!" ins Rückfenster ihres Daimlers. Ich dagegen hatte immer geglaubt, Prognosen seien dazu da, Hoffnungen zu wecken, und ähnlich wie Horoskope und Handlesen dafür gemacht, dass die Leute glauben, morgen sei es besser als heute und übermorgen besser als morgen. Mir dienten Prognosen stets dazu, meine Lieblings-Existenzform zu begründen: in der Hängematte schaukeln, süßen Tee trinken oder kaltes Bier, zu meinen Füßen spielende Kinder, und alles, was ich für die Zukunft brauchte, war Geduld. Und wenn mir einer mit Weltuntergang kommt, schenke ich ihm Wein ein und rede über die kulturgeschichtliche Bedeutung von Weltuntergangsfantasien.

Heute sind Prognosen kein Spaß mehr. Heute sind sie teuer, hochwertig und konkret. Vielleicht ist das wirklich notwendig, vielleicht aber ist das auch nur so, weil die Computer immer schneller und besser werden und einfach unterfordert wären, wenn sie nicht eine Zukunftsvision für jeden Stadtteil, für jede Straße ausrechnen dürften, aus der man dann schließen kann: Nichts wie weg hier! Oder: Nichts wie hin! So wurden die Prognosen zu Handlungsanweisungen, nach denen man sein Leben ausrichten sollte. Sie scheinen nicht mehr nur für Bundeskanzler und Wirtschaftsbosse gemacht zu sein, sondern für jedermann. Als sei eine Familie ein mittelständisches Unternehmen, das nichts lieber täte, als nach emotionsloser Tabellenkalkulation seinen Standort zu verlagern. Aussitzen war gestern.

Vielleicht wohnt das Glück in Cloppenburg

Darum sitzen wir hier auf dem Bremer Marktplatz und beugen uns über die Papiere, über Deutschlandkarten, die derzeit vorzugsweise in Alarmrot gehalten sind, vor allem im Bereich Bremen.

Wohlgefällig hingegen blicken die Demografen auf Cloppenburg in Westniedersachsen, eine Insel der Fertilität in einem Meer vergreisender Landkreise: 1,9 Kinder pro Frau! Goldene Zukunft! Außerdem bejubeln die Demografen ein Paradies namens "Bayernbadenwürttemberg". Nur in Bremen, da gehen 2020 die Lichter aus, und es wird finster sein, nach Lage der Dinge und Farbe der Karten des Berlin-Instituts finsterer als in Sachsen und Sachsen-Anhalt zusammen. Wer "Bremen" sagt, wird in Zukunft "Verschuldung" und "Vergreisung" meinen. Schon in sechs Jahren wird Bremen mit 10 Milliarden Euro in der Kreide stehen, die Wirtschaftsprognose bekommt die Note "Fünf". 10,3 Prozent weniger Bremer wird es 2020 geben. "Aber Werder ist Meister", insistiert der Junge.