Gedenkstätte Lasst das Gelände sprechen!

Wie weiter mit der Berliner Gedenkstätte „Topographie des Terrors“? Plädoyer für einen Rückschritt zum Wesentlichen

Bund und Berlin haben also Hals über Kopf beschlossen, reinen Tisch zu machen. Der Vertrag mit dem Architekten Peter Zumthor wird aufgehoben, es wird von vorne angefangen. Die Entscheidung zum Abbruch ist nach dem endlosen Hin und Her verständlich. Ist sie aber auch informiert, was die Tücken der Sache angeht?

Selbstverständlich wird es kein Problem sein, einen neuen Wettbewerb zu starten. Je nach Verfahren wird jedes renommierte Büro teilnehmen, das man auffordert, oder es wird sich die gesamte mehr oder minder arbeitslose Architektenschaft dieser Krisenjahre daran beteiligen. Nur ist die Frage, ob sie wissen werden, wissen können, was sie entwerfen sollen. Denn mit dem bloßen Neuanfang ist es nicht getan. Es gibt keinen Punkt null, wie es ihn auch 1993, beim Start des ersten Verfahrens, nicht gegeben hat. Schon vom Geländezustand her gibt es ihn nicht.

Anzeige

Die Zumthorschen Erschließungstürme sollen abgerissen werden. Wieso? Haben Bund und Berlin zu viel Geld, dass sie wiederbenutzbare Vorleistungen wegwerfen und sich unnötige Abrisskosten aufhalsen? Die Türme prägen seit fast einem Jahrzehnt das Gelände. Sie gehören inzwischen dazu – wie die Mauerreste, wie die Ausgrabungen, wie die Sandhügel aus den siebziger Jahren.

Erst recht wird ein hastiger Neuanfang die Vorleistungen an Diskussion und Prozesserfahrung untergehen lassen, die sich seit einem Vierteljahrhundert angesammelt haben. Eine neue Architektenauswahl einfach nur wieder das alte Bauprogramm neu entwerfen zu lassen, mit erhobenem Finger „Schlichter! Billiger!“ rufend – so wird das neue Verfahren wieder in die gleichen Fallen tappen, in denen sich das alte verfing. Denn nichts deutet darauf hin, dass sich auf Auftraggeber- wie auf Nutzerseite die Standpunkte geändert hätten.

Das klarste Zeichen dafür ist, dass man jetzt den Architekten als Alleinschuldigen präsentiert. Damit ist nichts gewonnen. Nötig ist Ursachenforschung, auch wenn man dabei auf scheinbar überholte Auseinandersetzungen zurückblicken muss. In aller Kürze: Ausgangspunkt war einmal das Gestapo-Gelände selbst, enttrümmert, verwahrlost, nutzlos wie es damals war. Es sollte, statt mit einer Verbindungsstraße überbaut, schlicht erhalten werden als Ausnahme: verbranntes, nicht mehr benutzbares Land mitten in der Stadt.

Das war 1978. Schon der Wettbewerb von 1983 hatte ein Konzept der Monumentalisierung zur Folge. Immerhin verließ man sich damals noch auf die Möglichkeit des Zeigens, der Kunst. Das Wettbewerbsergebnis von 1993, das gerade gescheitert ist, hatte dagegen die Errichtung einer neuen Institution zum Gegenstand, die das sich Präsentieren des Geländes durch die didaktische Tätigkeit von Experten ersetzt.

Der Ausschreibung lag also das entsprechende Raumprogramm zugrunde – mit allem, was zum verwalteten Leben so dazugehört. Die Opulenz des Programms war der Anfang der heutigen Schwierigkeiten. Die Architekten sahen sich vor die Wahl gestellt: Entweder verschwindet das Gelände unter ihrem Entwurf oder sie verstecken den stattlichen Raumbedarf irgendwie. Angesichts der verkrampften Lösungen, die dabei herauskamen, erschien Zumthors Strategie, das erforderliche Volumen als Block mitten aufs Gelände zu legen, als die einzige akzeptable Lösung.

Zugleich stellte sich der Entwurf als der unprätentiöseste dar – fast jener undekorierte Schuppen, der allein der Aufgabe angemessen schien. Darin hat man sich enorm getäuscht. Aber was man inzwischen Zumthor vorwerfen muss, ist nicht, dass er die Maßgaben der zukünftigen Nutzer missachtete – da stehen Arroganz gegen Arroganz und Nichtwissenwollen gegen Nichtwissenwollen. Vorwerfen muss man ihm, dass er die Aufgabe nicht begriffen hat, sondern bis zum Schluss glaubte, seinen persönlichen Kunstanspruch durchsetzen zu müssen. Wenn heute der ehemalige und der jetzige Direktor der Einrichtung darauf hinweisen, dass sie von Anfang an gegen Zumthor waren, so ist das richtig, sagt aber nicht viel, wenn der zukünftige Nutzer seinerseits nur als Institution reagiert und jede Frage von vornherein abbiegt, ob diese didaktische Institutionalisierung des Geländes nicht der falsche Weg sei.

  • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
  • Quelle (c) DIE ZEIT 03.06.2004 Nr.24
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Gedenkstätte | Architektur | Berlin
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service