Forschende Vettern

Der Durchbruch Lübecker Stammzellforscher ist Illusion

Na bitte. Seit vergangener Woche ist die deutsche Stammzellforschung Spitze. Die Lübecker Arbeitsgruppe von Charli Kruse will "pluripotente adulte Stammzellen" in der Bauchspeicheldrüse erwachsener Menschen entdeckt haben. Bedeutet: Die ethisch umstrittene Forschung an embryonalen Stammzellen ist überflüssig. Die restriktive deutsche Politik hätte alles richtig gemacht. "Weltniveau", bescheinigt der SPD-Gesundheitsexperte Wolfgang Wodarg. Die stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Maria Böhmer weiß: "Adulte Stammzellen sind Alleskönner", ihre Erforschung sei in Deutschland weit vorangeschritten.

Ein gefährliches Kompliment. Kaum ein Feld ist so von Falschmeldungen, überzogenen Schlussfolgerungen, nicht reproduzierbaren Befunden geplagt wie die Forschung an adulten Stammzellen. Die Zunft hat daher rigide Kriterien aufgestellt, damit Stammzelllinien Pluripotenz attestiert werden kann - also die grandiose Fähigkeit, sich in verschiedene Zell- oder Gewebetypen zu verwandeln.

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Bis heute ist ungeklärt, ob die Lübecker Wunderzellen auch nur eine dieser Forderungen erfüllen. Deutsche Experten wie Anna Wobus oder Christine Nüsslein-Volhard reagieren missgelaunt. Am härtesten urteilt Rudolph Jänisch vom Bostoner MIT: Für die sensationsträchtigen Schlussfolgerungen enthalte die Veröffentlichung "null Evidenz".

Warum dann das Hurragebrüll? Vielleicht, weil es der Kruse-Truppe an der Anschlussfinanzierung mangelte. Da ist Günter Fuhr, Direktor des Fraunhofer-Instituts für biomedizinische Technik (IBMT), zu Hilfe gesprungen, mit Geld, und plötzlich ist Kruse Chef einer externen IBMT-Arbeitsgruppe der Lübecker Uni. Schnurstracks haben IBMT-Direktor Fuhr und der Lübecker Uni-Rektor Alfred Trautwein die angeblich bahnbrechende Studie auf einer Pressekonferenz in Berlin präsentiert.

Dort wurde auch eine frisch gegründete Allianz aus dem Lübecker Institut, dem IBMT und dem Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie bejubelt. Zudem sei die Troika auch in das EU-Projekt CellProm aufgenommen worden. Gleichsam über Nacht soll sich hier eine Truppe gefunden haben, die Deutschland an die Spitze bringt.

Der Blick hinter die Kulissen offenbart jedoch Merkwürdiges: IBMT-Direktor Fuhr ist Koordinator von CellProm. Der Chef von Applied Physics A, das die Arbeit 24 Stunden nach Eingang des Manuskripts - also kaum geprüft - zum Abdruck akzeptierte, heißt Michael Stuke. Der forscht hauptberuflich als Laserchemiker - am Göttinger MPI, das Teil der Jubelallianz ist. Die Herren Fuhr und Stuke haben zusammen veröffentlicht. Ein klassischer Fall von Vetternwirtschaft?

Strippenziehen zur Forschungsförderung ist gang und gäbe. Manchmal kommt sogar gute Wissenschaft dabei heraus. Diesmal darf man Zweifel haben.

 
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