porträt Der Redakteur in Flammen
Revolutionärer Feuerkopf und Pionier des politischen Journalismus: Ernst Ludwig Posselt zeigte den Deutschen, wie man eine moderne Zeitung macht
Solche Nachrichten, zumal aus Frankreich, beschleunigen den Puls von Ernst Ludwig Posselt. Ohne Zögern greift der 32-jährige Amtmann im badischen Gernsbach zur Feder und schreibt seinem Verleger Johann Friedrich Cotta am 9. April 1795 nach Tübingen, er möge ihm „die nun erschienene höchst wichtige Schrift von Condorcet“ beschaffen, „die ich für Sie übersezen werde, und die ich zu lesen mit der gespanntesten Ungeduld wünsche“. Cotta besorgt Posselt das Verlangte, in „reißender Schnelligkeit“ ist die Arbeit getan, und kein Jahr später das Buch ausgeliefert: In der Unterzeile lockt: Das darf als politisches Versprechen aufgefasst werden.
Selten ist ein Buch solch mörderischen Umständen abgetrotzt worden. Der Marquis de Condorcet, Mathematiker, Philosoph, Enzyklopädist an der Seite Diderots und d’Alemberts, einer der Verfassungsväter der französischen Republik, hat es zwischen September 1793 und März 1794 in einem Versteck in Paris geschrieben – auf der Flucht vor dem Tugendterror Robespierres. Während der Autor kurz nach der Verhaftung Selbstmord beging, überlebte sein Manuskript. Unter dem Titel Esquisse d’un tableau historique des progrès de l’esprit humain gleich nach der Schreckensherrschaft veröffentlicht, wurde das Werk zu einem Klassiker der politischen Philosophie.
Wahrlich ein Buch nach Posselts Geschmack: Es trägt das Brandzeichen extremer Zeitgenossenschaft. So versucht er denn auch möglichst ungeglättet zu übersetzen; Leiden und Hoffen müssen zu spüren bleiben. Denken im Schatten des Schafotts, Philosophie im Widerstand. Erst wenn das begriffen ist, würde sich auch die Botschaft dieses letzten Aufklärers mitteilen: dass der menschliche Fortschritt unaufhaltsam und unumkehrbar ist.
Denn davon träumt dieses utopisch gestimmte Buch einen strengen und doch leuchtenden Traum, trotz aller historischen Katastrophen und Rückschläge: den Traum von der alles bewegenden, geradezu erlösenden Kraft der exakten Wissenschaften. Der Mathematiker Condorcet hofft auf eine „mathématique sociale“, mit der sich der Fortschritt planen und errechnen ließe. Die „süße Zukunft“ könnte alles möglich machen, wenn es nur gelänge, eine neue universale Sprache von algebraischer Unmissverständlichkeit zu entwickeln. So würde die Geschichte einlösen, was die Revolution von 1789 verheißen hat.
Dieser mitreißende Geschichts-Optimismus gefällt Posselt und Cotta. Hier ist ein Buch, dass auch die deutschen Revolutionshoffnungen neu beleben könnte. Vor allem aber zeigt das Schicksal Condorcets: Die Revolution lebt, sie hat sich in der Phase des Terrors doch nicht selbst verschlungen!
„Wie scheußlich reich ist diese Zeit!“
Indes: Kein Verleger ohne Kalkül respektive Kalkulation. Cotta hat bereits investiert, um auf dem neuen Markt für zeitpolitische Bücher aus Frankreich dabei zu sein. Das Verlagsprogramm des Tübingers, der das heruntergewirtschaftete Familienunternehmen mit Schillers (und bald darauf Goethes) Werken, aber auch mit ein paar radikaldemokratischen Schriften wieder in Schwung bringen will, nennt etliches zu diesem Thema. Da hat es nahe gelegen, dass Cotta den viel gelesenen historischen Schriftsteller, Publizisten und Redner Ernst Ludwig Posselt zur Mitarbeit lädt, der mit den französischen Verhältnissen vertraut und für seine freie Schreib- und Denkart teils berühmt, teils verhasst ist. Auf seinen Vorschlag hin beschließt Cotta, eine Zeitschrift zu gründen, deren Chefredakteur Posselt sein soll. Die so entstandene Monatsschrift Europäische Annalen kommt bald in den Ruf, das beste politische Journal im deutschsprachigen Raum zu sein.
In der ersten Nummer vom Februar 1795 hält Posselt Rückschau auf das Jahr 1794, das Jahr der terreur, das auch Condorcet den Tod gebracht hat und nun „hinabgerollt“ ist. Posselt begreift, dass seither die Revolution auf der Kippe steht, dass ihre Zukunft und damit die Zukunft der Demokratie in ganz Europa ungewiss ist – auf den roten folgt der weiße Terror – und dass sie selbst beim republikanisch gestimmten Bürgertum ihre Faszination zu verlieren droht. Um Zweifel und Ängste wegzuwischen, versucht er, seine Leser mit der eigenen Begeisterung anzustecken. Hat er schon vor Jahren gejubelt: „Drüben überm Rhein ist das Land der Freiheit“, so preist er jetzt die „ungeheuren Thaten“ der Gegenwart, erschauert vor den „Stürzen von Extrem zu Extrem“, staunt über die „Gährung der physischen und moralischen Welt“. Die Brüche und Jähheiten der Epoche prägen seinen Stil. „Wie scheußlich reich ist diese Zeit!“, ruft er aus und ist sich sicher: „Kein denkendes Wesen kann daran zweifeln, dass die neueste Geschichte einst in der Weltgeschichte einen jener grosen Abschnitte bilden wird, wie in der Vorwelt die Noachische Flut.“
- Datum 09.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2004 Nr.25
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