Die rot-grüne Koalition will eine Reform, die kaum zwei Jahre alt ist, neuerlich reformieren – noch vor der Sommerpause soll es losgehen. Es handelt sich um das Gesetz über gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften. Es war vor der Bundestagswahl 2002 verabschiedet worden und überstand sogar eine Klage der CSU vor dem Bundesverfassungsgericht; vorher waren freilich die Teile abgesprengt worden, die der Zustimmung im Bundesrat bedurft hätten – sie sind bis heute noch nicht beschlossen.

Trotzdem soll nun nachgebessert werden – und zwar im Sinne der größtmöglichen materiellen Gleichstellung mit der "normalen" Ehe. Muss das sein, darf das sein? Das größtmögliche Tabu, das einer Reform im Wege stehen könnte, ist das Adoptionsrecht: Sollen gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften gemeinschaftlich für Kinder sorgen dürfen? Bevor sich diese Frage beantworten lässt, lohnt sich ein Blick auf das, was man in der Gesetzgebungskunst die "Rechtstatsachen" nannte.

Denn siehe da: Sie tun es bereits – de facto. Ungefähr 50000 gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, zu denen sich deren Partner in Umfragen bekennen, zählen die Statistiker in Deutschland. Aufgrund internationaler Vergleiche schätzen sie die Zahl allerdings auf etwa 150000. In jeder sechsten dieser Partnerschaften wachsen Kinder auf – insgesamt etwa 11000. Ein Teil dieser Partnerschaften wurde zwischen Frauen oder zwischen Männern etabliert, die zuvor verheiratet waren und aus dieser Ehe Kinder mitgebracht haben. Es gibt auch Fälle, in denen Frauen zunächst kinderlos die Partnerschaft eingehen, dann aber – gewollt oder ungewollt – Kinder zur Welt bringen. Aber sollen nun solche Paare die Kinder gemeinschaftlich adoptieren dürfen?

Das Tabu und die Praxis

Bevor man spontan sagt "Nein!", lohnt sich ein erneuter Blick auf die Rechts- und Sachlage. Zunächst einmal ist jedes erwachsene Individuum prinzipiell zur Adoption eines Kindes (oder eines Erwachsenen!) berechtigt – auch jeder einzelne Partner einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft. Infrage steht also allein das Recht der gemeinschaftlichen Annahme oder der gemeinsamen Sorge für ein Kind. In den wenigsten Fällen, die in diesem Zusammenhang verhandelt werden, geht es übrigens um die Annahme eines Kindes, das noch nicht in dieser Gemeinschaft lebt. Im Vordergrund steht die Frage: Wie regelt sich die Beziehung eines Kindes zu jenem Partner, zu jener Partnerin der Gemeinschaft, von dem oder der es nicht abstammt? Es geht also um Kinder, die "nur" mitgebracht oder während der Partnerschaft geboren wurden. Das mag zu Lebzeiten beider Partner noch unwichtig erscheinen, obwohl es selbst in dieser Zeit schon komplizierte Fragen geben kann: Wenn zum Beispiel die leibliche Mutter des Kindes arbeitslos wird, hat dieses Kind dann eigene Unterhaltsansprüche gegen die gut verdienende Partnerin oder nicht? Was aber erst dann, wenn die leibliche Mutter früh stirbt? Dann hat nach heutigem Recht die überlebende Partnerin weder ein Sorgerecht noch eine Fürsorgepflicht. Soll das Kind dann einfach abgeholt und in ein Waisenhaus gebracht werden?

Zynische Schlaumeier könnten da einwenden: Dann soll doch die überlebende Partnerin dieses Waisenkind nach dem Tod seiner Mutter adoptieren! Einzelpersonen dürfen das. Vernünftige Rechtspolitiker hingegen würden beizeiten die Möglichkeiten eines gemeinschaftlichen Sorgerechts untersuchen – was übrigens auch eine (spätere) Sorgepflicht des Kindes für die überlebende Partnerin einschließen müsste. Und was wird aus einem Kind, das ein inzwischen verstorbenes Mitglied der Lebensgemeinschaft – nach bereits geltendem Recht – allein adoptiert hat? Zurück in das Waisenhaus, aus dem es adoptiert worden war?

Man sieht also: So vieles dafür spricht, dass möglichst alle Kinder mit Vater und Mutter aufwachsen, so wenig kann sich der Gesetzgeber vor einer möglichst vorurteilsarmen Regelung jener anderen Fälle drücken. Hat er dies aber erst einmal für die genannten Situationen getan – wo liegt dann der gewaltige Unterschied zu der Konstellation, in der eine Lebensgemeinschaft ein Kind gemeinschaftlich adoptieren möchte? Ganz abgesehen davon, dass sich Zweifelsfragen dann immer noch durch die Behörden im Adoptionsprozess prüfen lassen, in dem es ohnehin von Amts wegen auf das Kindeswohl in der konkreten Situation ankommt. Und was wäre dann für das Kind bekömmlicher – Waisenhaus in der Dritten Welt oder Lebensgemeinschaft in Deutschland?

Gewiss, bei alledem handelt es sich durchaus um prinzipielle Fragen. Aber Prinzipien sind letztlich nicht um ihrer selbst willen, sondern um der konkreten Menschen willen da. Ähnlich wie bei der Adoption wären nun andere Probleme im Blick auf die Rechtstatsachen zu untersuchen – zum Beispiel das Erbrecht. Soll der Überlebende einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft Hab und Gut des Partners erben dürfen? Er darf dies ohnehin, sofern ihn der Partner als Alleinerbe eingesetzt hat.