I) Hanna Jansen: 57 Jahre, Autorin, hat elf Kinder der Dritten Welt in Pflege genommen und adoptiert

"Der erste Augenblick ist entscheidend. Meistens ist unsere Entscheidung für ein Kind spontan gefallen, ohne Wenn und Aber. Bei diesen Begegnungen ist etwas passiert, was man Liebe auf den ersten Blick nennen könnte. Ein oder zwei Kinder wollten mein Mann, ein Kinderarzt, und ich aufnehmen. Mittlerweile sind es elf, drei haben bereits Abitur gemacht, der Jüngste ist zwei. Alle unsere Kinder wurden uns eher zufällig vermittelt – über die Arztpraxis, ein Heim –, und sie blieben. Diese Kinder aus Somalia, Marokko, Ruanda waren alle schwer traumatisiert. Einige hatten Krieg und Völkermord erlebt. Andere hatten gewalttätige Eltern, waren missbraucht worden. Durch ihre Vorgeschichte und ihre Erfahrungen war unser Zusammenleben nicht immer leicht. Es gab Kämpfe, manchmal bis an die Grenze des Ertragbaren und darüber hinaus – wenn ich belogen wurde, wenn unser Bemühen um Vertrauen abgewiesen wurde und uns Wut und Hass entgegenschlugen. In diesen Zeiten hatte ich manchmal Zweifel, habe mich gefragt, warum ich mir das antue. Aber da war es längst passiert. Es gab eine Beziehung. Und es gab ein Versprechen, das ich im ersten Moment unserer Begegnung jedem meiner Kinder gegeben habe, das es einzulösen galt. Ich glaube daran, dass man zeitlebens für das verantwortlich ist, was man sich vertraut gemacht hat. Also musste ich einen langen Atem bewahren, sonst hätte ich einen Menschen verloren geben müssen. Und ich gebe nicht gerne auf. Ich habe eine enorme Energie, die sich im Kraftfeld meiner Familie gleichzeitig verbraucht und auflädt. Und das Gefühl, diesen Kindern eine zweite Chance zu geben, ist sehr gut. Aber ich genieße es auch einfach, wenn ich mit meiner tollen Großfamilie beim Abendbrot sitze und wir uns kaputtlachen, weil wir uns an Zungenbrechern die Zungen brechen. Die großen Glücksmomente überwiegen nicht, aber wenn sie da sind, wiegen sie alles andere auf."

Aufgezeichnet von Katrin Mock