Architektur Wo bleibt der Mut?
Lange waren Architekten gegen den Wiederaufbau alter Gebäude. Nun aber bröckelt der Glaubenssatz, in Berlin wie in Braunschweig
Es war eine Frage der Ehre: Wer als Architekt auf sich hielt, der war entschieden gegen monströse Einkaufszentren, gegen den Wiederaufbau verblichener Monumente und erst recht gegen den Doppelalbtraum, der gerade Braunschweig heimsucht – eine Schlossrekonstruktions-Shopping-Mall. Doch neuerdings lösen sich selbst diese eisernen Überzeugungen auf. Von der Auftragskrise geschüttelt, verraten sogar bekanntere Architekten ihre Glaubenssätze. Peter Kulka etwa, bislang bekannt für seine moralische Unbeugsamkeit, übernahm beim Wettbewerb für den antiurbanen Shopping-Komplex den Juryvorsitz. Andere konnte man für Gutachten und Entwürfe gewinnen, Hinnerk Wehberg etwa oder Kaspar Kraemer, Präsident des Bundes deutscher Architekten, der sich eigentlich als Verein aufrichtiger Wertebewahrer versteht. Auch die Wettbewerbssieger Alfred Grazioli und Wieka Muthesius galten bislang als redliche Modernisten – und beteiligen sich nun doch an einem Vorhaben, das in seiner Ästhetik grotesker kaum sein könnte und zudem das ohnehin schwächelnde Leben der Braunschweiger Innenstadt akut gefährdet.
Dass man überhaupt auf die Idee kam, das Schloss wiederaufzubauen, dieses bauhistorisch epigonale Gebilde aus dem 19. Jahrhundert, das im Krieg stark zerstört und später abgerissen worden war, ist schon aberwitzig genug. Vollends absurd wird der Plan indes dadurch, dass der Rat die Neuresidenz zwar (mit nur einer Stimme Mehrheit) beschlossen hat, diese aber von der Stadt gar nicht gebaut wird. Weil das Geld fehlt, holt man sich einen neuen Feudalherrn in die Stadt, den Shopping-Regenten ECE. Diese Tochterfirma des Otto-Konzerns wird das Schloss bauen, und, unmittelbar daran anschließend, ein gigantisches Glasgeschwür, ein 30000 Quadratmeter großes Einkaufszentrum, das den gesamten Park überwuchert und aus dem einstigen Schloss-Solitär ein Anhängsel macht. Wer künftig das stolze Mittelportal des Schlosses durchschreitet, der tritt ein in eine Welt der Boutiquen, Dönerbuden und Kaufhausketten. Er gelangt in das Königreich namens Konsum.
Allerdings hat die Stadt, um zumindest ein wenig historischen Anstand zu wahren, die meisten Schlossräume für sich reserviert. Sie will hier Archiv und Bibliothek, Standesamt und Kulturzentrum unterbringen und sichert damit der ECE, der Schlossbesitzerin, beträchtliche Mieteinnahmen und großes Publikum. Dieses wird der Innenstadt, die schon jetzt über Leerstände klagt, bitter fehlen. Doch statt diese Verluste auszugleichen, subventioniert der Rat die neue Konkurrenz auch noch. Der gesamte Erlös aus dem Verkauf des Schlossparks, immerhin 35 Millionen Euro, wird dafür ausgegeben, das Umfeld der ECE-Glasburg zu verschönern und das Schloss möglichst authentisch aussehen zu lassen. Damit die alten Bruchstücke der Fassade, ausgebuddelt in einer Kleingartensiedlung, auch wirklich sorgfältig in den Neubau integriert werden, schenkt die Stadt Braunschweig dem ECE-Konzern 13 Millionen Euro.
Und die Architekten? Zumindest einige mokieren sich lauthals, der Berliner Paul Kahlfeldt etwas. Von absolutem Schwachsinn spricht er, und davon, dass man schon bald den ganzen Plunder wieder abreißen werde. Allerdings ist er nicht prinzipiell gegen die Wiedergeburt längst entschwundener Gebäude. Vor einigen Jahren schon hat er mit prominenten Kollegen wie Oswald Mathias Ungers und Josef Paul Kleihues einen Verein gegründet, der vehement für eine Neuentstehung der Bau-akademie in Berlin streitet, die Schinkel 1836 gleich hinter dem Schloss errichtet hatte und die 1961 auf SED-Geheiß abgerissen worden war. Einen ersten Vorschein dieser Rückkehr soll Berlin bereits kommende Woche erblicken: Farbig bemalte Planen werden das streng quadratische Ziegelbauwerk simulieren, ganz wie vor einigen Jahren beim Stadtschloss.
Dass dieses wiederaufgebaut werden soll, hält Kahlfeldt für genauso abstrus wie das Braunschweiger Vorhaben, schließlich sei die handwerkliche Tradition, der sich beide Gebäude verdanken, schon lange ausgetrocknet. Bei der Bauakademie hingegen handele es sich um ein Stück serieller Architektur, die durch Maschinen gefertigt und unendlich reproduziert werden könne – ein Vorgriff Schinkels auf die Moderne, der den Rückgriff aus der Moderne legitimiere. Ja, man dürfe sogar manches Detail im Sinne des großen Meisters verbessern, dürfe gemauerte Pfeiler durch Eisensäulen austauschen und Decken aus Beton fertigen. Das hätte Schinkel auch getan, wäre die Zeit schon so weit gewesen, sagt Kahlfeldt. Man müsse seine Baupläne wie eine Beethoven-Partitur interpretieren, mit den Instrumenten der Gegenwart und vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen.
Ganz ähnlich argumentieren allerdings auch die Schloss-freunde, die Kahlfeldt doch eigentlich verachtet. Auch sie sprechen von der Partitur, die neu ausgelegt werden müsse, auch sie räumen ein, dass jede Rekonstruktion nur eine Annäherung an das Original sein könne. Von den Spuren der Geschichte, von den vielen Um- und Überformungen kehrt nichts zurück, beim Schloss ebenso wenig wie bei der Bauakademie. Doch das stört die Befürworter des Wiederaufbaus nicht: Es geht ihnen nicht um das Bauwerk selbst, sondern um die Idee, die in diesem steckte und in der sie sich wiedererkennen.
Nun mögen Kahlfeldt und seine Mitstreiter einwenden, dass die Ideen ihrer Bauakademie heute relevanter seien als die des Schlosses. Doch erklären sie damit ihre architekturtheoretische Lesart der Geschichte zur einzig zulässigen und negieren damit alles Fremdartige und Inaktuelle der Vergangenheit, das ja womöglich bereichernder sein könnte als das Engverwandte. Auf eine solche Bereicherung aber zielen Kahlfeldt & Co nicht: Sie wollen die Bauakademie, weil sie darin ihre eigenen Ideale verkörpert sehen – und weil sie darauf hoffen, dass der Wiederaufbau zu einem Lehrstück wird, das alle Andersdenkenden bekehrt.
Taugt Schinkel für ein solches Besinnungsprojekt? Sein Wagemut als Konstrukteur, der aus der Bauakademie eine Art Skelettbau ohne tragende Wände machte, mag noch heute bewundernswert sein. Doch stadträumlich war dies Gebäude eher ein Autist, der sich selbst dem angrenzenden Marktplatz rüde verschloss. Auch mit ihrem Ziegelkleid befremdete die Bauakademie ihre Umgebung der Putzfassaden, was schon früh für Missfallen sorgte. Hätte Schinkel gewusst, dass die der Akademie gegenüberliegende Häuserzeile, die Schlossfreiheit, einst fallen würde, so schrieb Hermann Ziller 1897, dann hätte er „hier ein Städtebild ersten Ranges komponiert“. So aber wirkt sein Gebäude eher wie ein früher Baustein der uns heute so schrecklich vertrauten Stückelstadt, in der jedes Haus nur noch sich selbst kennt.
Ähnlich ist auch das Schinkelsche Ideal des Seriellen, das die Bauakademie sinnbildhaft verkörpert, schon seit einiger Zeit fragwürdig geworden, verdanken wir diesem Glauben an eine fabrikgemachte Architektur doch nicht zuletzt auch die Plattenbauhybris in Ost wie West. Gleichwohl halten die zahlreichen Bauakademiefreunde unverdrossen an der Vorstellung des Ultimativen und Immergültigen fest, ja sie träumen sogar davon, dass durch den Wideraufbau und seinen Nachhall sich generell eine Architektur entwickeln könnte, die, wie Ungers schreibt, „unabhängig von Zeit und Raum, von sozialen und politischen Umständen“ sei. Sie verkennen jedoch, dass just diese Umstände, spätestens seit dem 11. September, jede Vision einer universalen, immer gültigen Baukunst als weltfremd erscheinen lassen.
Und was ist mit der Schönheit der Bauakademie? Rechtfertigt zumindest diese einen Wiederaufbau? Wohl kaum, denn besonders beliebt war das Gebäude nie. Der Volksmund schmähte es als „Kasten dieser Stadt, ringsum glatt und platt“, und die Architekten wollten den „hässlichen rothen Kasten“ bereits Ende des 19. Jahrhunderts gern abreißen. „Zur Vertheidigung des Bauwerkes“, hieß es damals in der Deutschen Bauzeitung, „erheben sich nur wenige Stimmen.“ Warum sich nun heute viele Stimmen für einen Wiederaufbau erheben sollten, bleibt also fraglich, zumal die Akademie mit ihren großen Fenstern nur sehr bedingt für die geplante Nutzung als Architekturausstellungszentrum geeignet ist. Schon Schinkel war ein „Gefangener seines Rastersystems“, wie Jonas Geist schreibt – künftigen Ausstellungsmachern erginge es nicht anders.
Ist das etwa jenes „intellektuelle und künstlerische Wagnis“, von dem Kleihues, den Wiederaufbau lobend, schwärmt? Wäre nicht ein freier Architektenwettbewerb das viel sinnvollere Wagnis, um zu erproben, wie sich Schinkel in unsere Zeit übersetzen lässt? Und um ein wirklich brauchbares Museum zu bauen? Doch einen solchen Wettstreit scheuen die Befürworter der Bauakademie. Sie halten sich für zu befangen, um an diesem Ort etwas Heutiges zu bauen. Schinkel ernst zu nehmen hieße aber, sich von ihm zu emanzipieren. Hieße, seinem Motto treu zu sein: „Überall ist man da nur wahrhaft lebendig, wo man Neues schafft.“
- Datum 09.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2004 Nr.25
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