Architektur Wo bleibt der Mut?Seite 2/2
Ähnlich ist auch das Schinkelsche Ideal des Seriellen, das die Bauakademie sinnbildhaft verkörpert, schon seit einiger Zeit fragwürdig geworden, verdanken wir diesem Glauben an eine fabrikgemachte Architektur doch nicht zuletzt auch die Plattenbauhybris in Ost wie West. Gleichwohl halten die zahlreichen Bauakademiefreunde unverdrossen an der Vorstellung des Ultimativen und Immergültigen fest, ja sie träumen sogar davon, dass durch den Wideraufbau und seinen Nachhall sich generell eine Architektur entwickeln könnte, die, wie Ungers schreibt, „unabhängig von Zeit und Raum, von sozialen und politischen Umständen“ sei. Sie verkennen jedoch, dass just diese Umstände, spätestens seit dem 11. September, jede Vision einer universalen, immer gültigen Baukunst als weltfremd erscheinen lassen.
Und was ist mit der Schönheit der Bauakademie? Rechtfertigt zumindest diese einen Wiederaufbau? Wohl kaum, denn besonders beliebt war das Gebäude nie. Der Volksmund schmähte es als „Kasten dieser Stadt, ringsum glatt und platt“, und die Architekten wollten den „hässlichen rothen Kasten“ bereits Ende des 19. Jahrhunderts gern abreißen. „Zur Vertheidigung des Bauwerkes“, hieß es damals in der Deutschen Bauzeitung, „erheben sich nur wenige Stimmen.“ Warum sich nun heute viele Stimmen für einen Wiederaufbau erheben sollten, bleibt also fraglich, zumal die Akademie mit ihren großen Fenstern nur sehr bedingt für die geplante Nutzung als Architekturausstellungszentrum geeignet ist. Schon Schinkel war ein „Gefangener seines Rastersystems“, wie Jonas Geist schreibt – künftigen Ausstellungsmachern erginge es nicht anders.
Ist das etwa jenes „intellektuelle und künstlerische Wagnis“, von dem Kleihues, den Wiederaufbau lobend, schwärmt? Wäre nicht ein freier Architektenwettbewerb das viel sinnvollere Wagnis, um zu erproben, wie sich Schinkel in unsere Zeit übersetzen lässt? Und um ein wirklich brauchbares Museum zu bauen? Doch einen solchen Wettstreit scheuen die Befürworter der Bauakademie. Sie halten sich für zu befangen, um an diesem Ort etwas Heutiges zu bauen. Schinkel ernst zu nehmen hieße aber, sich von ihm zu emanzipieren. Hieße, seinem Motto treu zu sein: „Überall ist man da nur wahrhaft lebendig, wo man Neues schafft.“
- Datum 09.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2004 Nr.25
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