chancen Allah an der Tafel

Die 700.000 muslimischen Schüler in Deutschland sollen islamischen Religionsunterricht bekommen. Doch nur langsam kommen Schulversuche in Gang

Fast klingt es vertraut: „Pilger, Pilger, du musst wandern…“, singen zwölf Grundschüler, die im Halbkreis um ihren Lehrer sitzen. Die Melodie hat man noch von Kindergeburtstagen im Ohr. „Ringlein, Ringlein, du musst wandern“, hieß es da. Aber was für einen Text trällern diese Kinder bloß dazu? Ihr Lehrer Ömer Aslangeçiner lacht. Wer islamische Religion auf Deutsch unterrichtet, muss eben manchmal ein bisschen improvisieren. Und das umgetextete Kinderlied eignet sich gut dafür, den Erstklässlern aus der Albert-Schweitzer-Schule in Lehrte bei Hannover eine der fünf Pflichten jedes Muslims näher zu bringen, die Hadsch, die Pilgerfahrt nach Mekka.

An acht Grundschulen in Niedersachsen gibt es seit wenigen Monaten islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache. Bis 2007 wird der Schulversuch laufen. Sind Kultusministerium und Muslime damit zufrieden, will man über eine landesweite Einführung nachdenken.

Anzeige

Zwei Stunden die Woche erklärt Aslangeçiner seiner Gruppe aus der Albert-Schweitzer-Schule die Welt des Islams. Die meisten der Kinder sind in Deutschland geboren, ihre Eltern kommen vor allem aus der Türkei, aber auch aus Bosnien oder Albanien, fast alle sprechen gut deutsch. Der Lehrer erzählt ihnen vom Propheten Muhammad, erklärt, warum Muslime im Monat Ramadan fasten, und er nimmt sie auch einmal mit in die Moschee, beschreibt, welche Aufgaben der Imam hat, zeigt, wo er sitzt, wie man die qibla, die Gebetsrichtung nach Mekka, findet.

In manchen Moscheen lernen die Kinder vor allem, sich abzuschotten

Acht Lehrer hat das Kultusministerium für den Modellversuch ausgewählt und viel Wert darauf gelegt, dass sie für Eltern und Schulleitung keine Fremden sind. Ömer Aslangeçiner lebt seit 30 Jahren in Lehrte und hat schon viele Jahre im muttersprachlichen Ergänzungsunterricht Stunden gegeben. „Es war für uns sehr wichtig, die Lehrer zu kennen“, sagt Beate Forgber, Rektorin der Albert-Schweitzer-Schule, „so gab es kein Misstrauen, wir konnten ausschließen, dass islamistisches Denken verbreitet wird.“

Nach Nordrhein-Westfalen und Bayern will nun auch Niedersachsen mit einem Modellversuch eine Lücke im deutschen Schulsystem schließen: 700000 Schüler muslimischen Glaubens gibt es in Deutschland. Einen regulären islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache unter staatlicher Aufsicht können sie bislang aber nicht besuchen. Es fehle am politischen Willen, sagen die muslimischen Verbände. Es liege an der Uneinigkeit der Muslime untereinander, sagen die Behörden und fordern einen einheitlichen Ansprechpartner.

Laut Grundgesetz hat jede Glaubensrichtung das Recht auf staatlichen Religionsunterricht. Voraussetzung ist allerdings, dass es sich um eine anerkannte Religionsgemeinschaft handelt. Die sollte organisiert sein wie die christlichen Kirchen. Das Problem ist: Den einen Islam gibt es nicht, und kirchenähnliche Strukturen kennen die Muslime nicht.

So blieb die religiöse Unterweisung den Moscheevereinen überlassen. Mit unangenehmen Nebenwirkungen. Nach Schätzungen gibt es 2300 Moscheen in Deutschland, drei Viertel davon bieten Korankurse an, heißt es beim Zentrum für Türkeistudien in Essen. Ungefähr 70000 muslimische Jugendliche besuchen sie regelmäßig. Nun ist gegen Korankurse an sich nichts einzuwenden. Hier lernen die jungen Muslime neben den Suren Glaubenspraxis, die rituelle Waschung vor dem Gebet beispielsweise. Problematisch ist das, was in manchen Moscheen darüber hinaus geboten wird: erzkonservative, teilweise radikale Ideen; gegen westliche Lebensart wird gewettert, und die Schüler werden schon mal aufgefordert, bloß keine Freundschaften mit Christen zu schließen. Lernziel: Abschotten statt integrieren.

Service