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Der Einsatz von Lügendetektoren boomt, obwohl ihre Leistung dürftig ist
Mit Versicherungsschummeleien könnte es bald vorbei sein. Immer mehr Versicherer, zumindest im angelsächsischen Raum, setzen in ihren Call-Centern Lügendetektoren ein, die angeblich allein aufgrund der Stimme des Anrufers entscheiden, ob dieser ehrlich ist oder Betrug im Sinn hat. Das
Was die Versicherer verschweigen: Ihr Erfolg hat wenig mit der Qualität der Voice-Stress-Analysis-Systeme (VSA) zu tun, aber viel mit Psychologie. Alleine die Mitteilung einer Tonbandstimme, der Anruf werde analysiert, reicht offenbar aus, potenzielle Betrüger abzuschrecken.
Anders ist der Effekt der VSA-Software – die in Deutschland verboten ist – nicht zu erklären. Rigorosen Tests hält keine kommerzielle Lügendetektions-Software stand. Aussagekräftige Studien dazu gibt es zwar nur wenige, doch ihr Urteil ist durchweg vernichtend: „Bescheiden bis schlecht“ sei die Leistung aller getesteten Programme, befanden Forscher des US-amerikanischen Polygraph Instituts vor zwei Jahren.
Daran dürfte sich nichts geändert haben. Auch die zweitneuste Generation der VSA-Software bringt wenig zustande, zeigt eine unpublizierte Studie von Mitchell Sommers von der Washington University in St. Louis. Sommers testete den Vericator der israelischen Firma Nemesysco in drei Situationen. Im besten Fall könne das System gerade 27 Prozent der Lügen aufdecken, so Sommers: „Man könnte geradeso gut eine Münze werfen.“
Von solch peinlichen Befunden hört die Lügendetektor-Branche natürlich nur ungern: Das private National Institute for Truth Verification beispielsweise kündigte die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen auf, als Studien die armselige Leistung ihrer Software CSVA aufdeckten. Und Nemesysco, Marktführer der Branche, ignoriert schlicht die Fakten. Ihr US-Vertriebspartner attestiert der neuen Layered-Voice-Analysis-Software eine Genauigkeit von 90 Prozent, die durch geschultes Personal auf 100 Prozent gesteigert werden könne. Worauf die Behauptung sich stützt, wird verschwiegen. Wahrscheinlich handelt es sich nur um anekdotische Berichte. Doch die scheinen bei Kunden zu verfangen. „Diese Geräte sind bei Polizei und Staatsanwaltschaft sowie bei Versicherungen sehr, sehr weit verbreitet“, sagt Sommers.
Nemesysco bietet inzwischen Lügendetektoren für alle Lebenslagen an – so den Love Detector, eine Software, die man für 20 bis 50 Dollar auf den PC herunterladen kann, und die in Echtzeit aus einem Telefonat herausfiltern soll, ob der Gesprächspartner verliebt ist.
Das ist wohl Spielerei. Trotzdem: Die Idee, Täuscher anhand ihrer Sprache zu enttarnen, ist bestechend. Die alltägliche Erfahrung zeigt, dass man Lügner aufgrund der veränderten Tonlage durchaus entlarven kann. Sollte das nicht eine Software auch können, die man für die Flugsicherheit oder gegen Versicherungsbetrüger einsetzen könnte? Die Frage ist nur: Was passiert mit der Stimme, wenn jemand lügt? Verschwinden beim Lügen natürliche Mikrovibrationen? Macht sich Stress irgendwie bemerkbar? Oder gehorcht das Flunkern womöglich gar keinen Regeln?
Bislang hat niemand das Geheimnis gelüftet. Auch wenn Nemesysco mit der neusten Software-Version über 120 Stimmeigenschaften analysiert und mehr als 8000 Berechnungen durchführt. Den Durchbruch haben die Israelis, trotz anders lautenden Beteuerungen, nicht geschafft. Doch mit der Wahrheit, so scheint es, nimmt es die Lügenjäger-Zunft selbst nicht so genau.
- Datum 09.06.2004 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2004 Nr.25
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