energie Grüne Wiese, rotes Tuch
Die Solarbranche fürchtet Widerstände gegen Freilandanlagen – und müht sich um öffentliche Zustimmung
Ein Firmenslogan mit doppelter Bedeutung: „Solarenergie – die Friedenstaube der Energiegewinnung.“ Ursprünglich war die Reklame der Wiesbadener City Solar AG globalpolitisch gemeint: Wer die Kraft der heimischen Sonne nutzt, verhindert Kriege ums Öl.
Mittlerweile ist ein zweiter Aspekt hinzugekommen: die lokalpolitische Verpflichtung. Auch vor Ort soll der Ausbau der Stromerzeugung friedlich vonstatten gehen. Das klingt zwar selbstverständlich, ist es aber nicht. Schließlich haben in den vergangenen Jahren Windkraftanlagen in manchen Gemeinden gehörigen Unfrieden gestiftet. Vergleichbare Konflikte drohen nun auch beim Bau von Solaranlagen aufzubrechen.
Jedenfalls dann, wenn sie groß genug werden. Wohlgemerkt: drohen. Bisher noch blieben Proteste selten – und zum Glück für die Solarfreunde moderat. Die Branche aber ist alarmiert und gibt sich entsprechend hoch sensibel. „Wir dürfen nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen“, sagt City-Solar-Projektleiter Steffen Kammler. Nicht die Fehler jener Zeit, „als Kraftwerke gegen den Willen der Menschen gebaut und Hochspannungstrassen quer durch die Republik geschlagen wurden“. Nicht die Fehler mancher Windkraftplaner, möchte man hinzufügen.
Nein, beim Solarstrom soll ein anderer Wind wehen. „Wir bauen unsere Solarkraftwerke nur dort, wo sie von den Menschen akzeptiert werden“, versichert Kammler, „wir sind harmoniesüchtig.“ Schließlich habe sein Unternehmen – Stichwort Friedenstaube – auch eine Ethik: „Auf Almwiesen im Allgäu und an Weinbergen kommen Solarmodule für uns nicht infrage.“ Punkt.
Bekenntnisse gleichen Tenors sind auch von Solarfreunden andernorts zu hören. Die Branche lebe „von ihrem positiven Image und ihrer hohen ökologischen Glaubwürdigkeit“, sagt Carsten Körnig, Geschäftsführer der Unternehmensvereinigung Solarwirtschaft (UVS), und diese Glaubwürdigkeit werde man pflegen. Unisono versichert die Voltwerk AG, der größte deutsche Projektierer von Megawatt-Solarkraftwerken, dass ihr „die Akzeptanz für Solarparks in der Region sehr wichtig“ sei.
Dass das Thema just in diesem Frühjahr aufflammt, hat einen Grund. Zum Jahresanfang wurden die Einspeisevergütungen für Solarstrom nach langem politischen Hin und Her gesetzlich neu definiert. Die Vergütungen sind mit bis zu 62,4 Cent je Kilowattstunde attraktiver denn je – entsprechend stellt sich die Solarbranche auf ein Rekordjahr ein. Prognosen gehen für 2004 von einem Umsatz von einer Milliarde Euro aus, gegenüber 750 Millionen Euro im Vorjahr. Die Entwicklung ist in der Tat rasant, nachdem 1998 der Branchenumsatz noch bei 80 Millionen Euro gelegen hatte. 16000 Mitarbeiter wird die Solarwirtschaft Ende 2004 beschäftigen, 4000 mehr als vor Jahresfrist.
Gesellschaftliche Widerstände nennenswerter Art hat es in dieser Branche nie gegeben – die Solarwirtschaft sonnt sich seit Jahren im Lichte höchster Sympathiewerte. Eine Umfrage der Allensbacher Meinungsforscher im Auftrag des Bundespresseamtes hat das kürzlich wieder bestätigt: Die Demoskopen hatten gefragt, welche Quellen den Energiebedarf der Deutschen in 20 bis 30 Jahren „vor allem sichern“ sollten; die Sonne kam auf 70 Prozent Zustimmung, der Wind auf 55, Atomkraft auf 19 und Kohle auf nur 6 Prozent.
Obwohl auch die Windkraft noch eine Mehrheit findet, blicken deren Vertreter längst neidisch auf die Solarkollegen – denn um die Rotoren tobt inzwischen ein zum Teil heftiger Kampf. Nicht überall, aber doch an vielen Orten. Zwar gibt es noch immer Gemeinden, in denen die Stadträte einstimmig bestimmte Flächen der Windkraft zuweisen und sich hernach am neuen Wahrzeichen ihrer Kommune und an der Selbstversorgung mit Strom erfreuen, doch gleichzeitig stehen sich andernorts Befürworter und Gegner in einem oft unerbittlichen Kampf gegenüber. Konsens ausgeschlossen.
Längst hat der Konflikt auch die Seeregionen erfasst. Nordseeinseln fürchten um ihre touristische Attraktivität und um das Wattenmeer, das von Kabelsträngen durchkreuzt werden soll, wenn die Offshore-Parks kommen. Zwar ist es eher unwahrscheinlich, dass künftig, nur weil am fernen Horizont sich Rotoren drehen, weniger Gäste auf die Inseln kommen werden. Aber mancher Nordseeanrainer befürchtet es eben und macht daher den Projektierern das Leben schwer.
Dieses Schicksal hofft sich die Solarbranche auch künftig ersparen zu können – und so mahnen die Vordenker, mit Blick auf gesellschaftliche Akzeptanz, zur Besonnenheit. Denn erste Proteste flammten tatsächlich bereits dort auf, wo Solaranlagen nicht auf Dächern, sondern auf Freiflächen platziert werden sollen.
Jüngst im hessischen Alheim. Ein ehemaliger Acker wurde hier als Standort für Solarmodule erwählt. Zwar kamen nur 110 Unterschriften gegen das Projekt zusammen, weil der Widerstand „gerade von vier bis fünf Leuten ausging“, wie sich Alheims Bürgermeister Georg Lüdtke erinnert. Doch die Solarenergie ist seither nicht mehr unbescholten – zumal der Spiegel den Fall als Aufhänger für eine ganzseitige Geschichte nutzte.
Auch im rheinland-pfälzischen Höheinöd gibt es bereits Gegner einer Freiflächenanlage. Eine ehemalige Viehweide ist es diesmal, die als Standort der blau schimmernden Module im Gespräch ist. Unterschriften wurden auch hier schon gesammelt, eine „gewisse Unruhe“ herrsche in der Bevölkerung, erkannte die lokale Presse. Für die Solarenergie ist selbst das schon ungewohnt.
Im südbadischen Hüfingen ist es unterdessen das städtische Umweltamt, das Bedenken gegen die High-Tech-Anlagen in der Natur anmeldet. Ein örtlicher Schafzüchter möchte auf einer Grünlandfläche ein Kraftwerk mit fast zwei Megawatt Leistung errichten; hier sind es die Auswirkungen auf die Vogelwelt, die erst noch geklärt werden müssen.
Am weitesten bisher ging der Widerstand in der bayerischen Gemeinde Schmiechen südlich von Augsburg, wo Anfang Mai eine geplante Freilandanlage per Bürgerentscheid gekippt wurde. Aus Gründen der Landschaftsästhetik lehnten 60 Prozent der Wähler das Projekt ab.
Von ernsthaften Protesten zu sprechen wäre – bis auf den Fall Schmiechen – reichlich übertrieben; jeder kleinste Straßenbau ruft in der Regel mehr Opponenten auf den Plan. Doch die Entwicklung in Richtung Großanlagen hat auch der Solarkraft latentes Konfliktpotenzial beschert. Weil Dächer in Megawatt-Dimensionen nicht überall zur Verfügung stehen, setzen die Planer zunehmend auf Freiflächen. Die alles entscheidende Frage lautet: Auf welchen Flächen darf man? Auf welchen nicht?
Je unberührter die Natur, umso kritischer der Standort – die grüne Wiese als rotes Tuch. Einer der entschiedensten Gegner von Freilandanlagen ist Wolf von Fabeck. Er ist Geschäftsführer des Aachener Solarenergie-Fördervereins und hat sich wie wenige in Deutschland um den Solarstrom verdient gemacht. Doch Anlagen auf der grünen Wiese lehnt er kategorisch ab: Wer es mit dem Schutz der Umwelt ernst meine, müsse gegen diesen „unnötigen Flächenverbrauch“ protestieren.
In der Tat wird die grüne Wiese für den Ausbau der Solarenergie nicht gebraucht. Zum einen sind viele – auch große – Dächer im Lande noch ungenutzt. Zum zweiten stehen in allen Teilen der Republik noch genügend Freiflächen von geringem ökologischem Wert zur Verfügung – ehemalige Militärareale zum Beispiel oder auch Deponien. In Karlsruhe etwa wollen Bürger den städtischen Müllberg, der gerade rekultiviert wird und bereits drei Windkraftanlagen als Standort dient, zum Solarberg machen. Es ist einer jener Hügel, die schon durch die Windräder nur schöner werden konnten.
Ähnlich unbehelligt von Protesten gestaltet sich das derzeit größte Solarprojekt weltweit. Geplant von der Firma City Solar mit 7,4 Megawatt im saarländischen Göttelborn. Die Anlage wird fast so viel Strom liefern wie vor zehn Jahren alle Solaranlagen Deutschlands zusammen. Widerstand bisher: null. Warum auch? Die Anlage soll auf einem Gelände entstehen, dass einst durch den Abbau von Kohle überformt – um nicht zu sagen: verunstaltet – wurde. Hier will Projektleiter Kammler „die Wunden der alten Energiegewinnung abdecken“.
Schön gesagt. Klingt wie: Frieden schaffen mit der Vergangenheit.
- Datum 09.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2004 Nr.25
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