google New Economy, zweiter Versuch
Das Internet-Unternehmen Google geht an die Börse. Und schon träumen Anleger, Analysten und Banker wieder vom großen Geld. Doch sie hätten Grund zur Vorsicht: Die Kultfirma hat ihr größtes Wachstum schon hinter sich
Wie die Nachrichten manchmal zusammentreffen. Gut einen Monat ist es her, dass ein Manhattaner Gericht Frank Quattrone für schuldig befand. Der ehemalige Bankier bei Credit Suisse First Boston (CSFB), einer der prominentesten Dealmacher der Internet-Ära, hatte nach dem großen Crash im Jahr 2000 Unterlagen vernichten lassen. Beweispapiere über Schiebereien mit Dotcom-Aktien in Zeiten des Booms, vermutete die Jury; dafür soll Quattrone ein bis zwei Jahre hinter Gitter.
Es ist auch einen guten Monat her, dass die Firma Google aus dem kalifornischen Mountain View ihren Börsengang angekündigt hat – und auf einmal ist die Internet-Euphorie zurückgekehrt. Obwohl Schauprozesse um Quattrone und Konsorten nicht abreißen, hat Google eine Art Retrofieber an der Wall Street ausgelöst. Analysten sagen einen Sturm auf die Aktien des jungen Unternehmens voraus. Mindestens 20 Milliarden Dollar werde die Firma wert sein, das 200fache ihrer heutigen Jahresgewinne. „Ein Signal für eine neue Ära“, jubelt Michael Moe, Chef der Investmentbank ThinkEquity, „endlich haben die Anleger ihr Selbstvertrauen zurück.“
„Am Google-Börsengang beteiligt zu sein, damit kann man zurzeit an der Wall Street richtig angeben“, berichtet ein Mitglied des Bankenkonsortiums, das Google an die Börse bringen soll. Das FBI nahm in New York einen Betrüger fest, der vorab gefälschte Google-Aktien im Wert von 500000 Dollar an ahnungslose Anleger verschachert hatte. Spielverderber reiben sich die Augen: Die Firma betreibt die bekannteste so genannte Suchmaschine für das Internet, Besucher ihrer Web-Seite können ein paar Worte eintippen und bekommen eine Liste passender Web-Seiten und Dienste angezeigt – kostenlos. Ist das nicht eine der klassischen Internet-Firmen, wie sie zum Ende der neunziger Jahre reihenweise Anleger ruinierten?
Der Campus. Selbst für die 2500 Angestellten von Google war der Zeitpunkt des Börsengangs eine Überraschung. Vor ein paar Monaten schon waren sie innerhalb des kalifornischen Mountain View umgezogen: aus ihrem lauschigen „Googleplex“ in einem Pärkchen am Bayshore Parkway in einen nüchternen Komplex aus Stahl, Beton und schwarzem Glas am Stadtrand. Das alte Gebäude platzte aus allen Nähten.
Immerhin haben sich Googles Firmenchefs Larry Page und Sergey Brin sichtlich angestrengt, ein wenig vom Charme der Ursprünge zu retten. „Campus“ nennen sie ihre neuen Firmengebäude, man kommt in lockerer Westküsten-Sportkleidung ins Büro, und Stellenanzeigen schwadronieren weiterhin vom „revolutionärsten Arbeitsumfeld der Welt“.
Noch immer tragen Page und Brin, die das Unternehmen 1998 während ihres Studiums an der Universität Stanford gegründet haben, Turnschuhe. Und gelegentlich fahren sie auch noch mit Rollern durch die Flure. Als Deko dienen in der Einganghalle Lavalampen, Spielzeugbälle und kunterbunte Sofas; es gibt sogar einen hauseigenen Masseur, Livebands in der Kantine und kostenlose Haarschnitte für die Mitarbeiter. Wie es sich in den späten neunziger Jahren für jedes echte Internet-Unternehmen gehört hätte.
Googles Geldbringer. Für Peter Lindenbaum ist Google eine gute Sache gewesen. Allerdings nicht für die Einrichtung seiner Zweizimmerwohnung in der Upper East Side von Manhattan. „Jetzt habe ich 90 Prozent meines Teppichs mit Zeitungen ausgelegt“, klagt Lindenbaum, „aber dieser Hund pinkelt den ganzen Tag auf die restlichen Plätze. Und haben Sie die angenagten Schubladen gesehen?“
Der Hund heißt Lacy, ist 16 Jahre alt, und sein Besitzer reist gerade jenseits des großen Teiches durch die Niederlande. Peter Lindenbaum passt auf ihn auf, für gut 50 Dollar die Stunde, denn das ist sein Geschäft. Gemeinsam mit seiner Tochter Katie betreibt er einen Dienst zur Unterbringung von Haustieren während der Ferien. Seit 1997 macht das Vater-Tochter-Duo das schon, doch seit knapp zwei Jahren ist das Geschäft rasant gewachsen. „Wir haben jetzt schon zwanzig Partner in New York, wo wir Tiere unterbringen“, sagt der Kleinunternehmer. Seinen Erfolg verdankt er Google.
Peter Lindenbaum wollte sein Geschäft schon seit langem ausweiten, doch weder Anzeigen in den Gelben Seiten noch Bannerwerbung im Internet brachten ihm sonderlich viel Kundschaft. Erst vor zwei Jahren wies ihn der Programmierer seiner Web-Seite darauf hin, dass Google eine brandneue Art der Werbung anbot: kleine, unauffällige Textanzeigen am Seitenrand, wann immer jemand per Suchmaschine nach „Haustier-Unterkunft Manhattan“ oder ähnlichen Dingen suchte. „Adwords“ heißt das im Google-Sprachgebrauch. Lindenbaum zahlt für diesen Dienst 150 Dollar im Monat – und sein Geschäft hat so stark zugelegt, „dass ich diese Werbeausgaben demnächst einschränken werde“, sagt er. „Wir wollen überschaubar klein bleiben.“
Noch folgenreicher war diese Entdeckung freilich für Google selbst. Kurz nachdem die Firma 2001 ihre Adwords eingeführt hatte, konnte sie eine kleine Sensation bekannt geben: Sie hatte erstmals in ihrer Geschichte einen Gewinn geschrieben, immerhin sieben Millionen Dollar, und das kurz nach dem Techno-Crash an den Aktienbörsen. Seither sind die Gewinne explodiert. 2003 setzte Google fast eine Milliarde Dollar um und verdiente daran 106 Millionen Dollar. Google wurde zum Mitglied eines exklusiven Clubs überlebender Dotcom-Unternehmen wie Yahoo! oder eBay, die Milliarden umsetzen und kräftige Gewinne schreiben. Obwohl sie nichts Greifbares herstellen, sondern ausschließlich Daten im Cyberspace vermakeln. Und für Optimisten ist das alles nur der Anfang.
Der Wertewandel. Die großen Anbieter von Anzeigen, die neben Suchergebnissen erscheinen – darunter Google, Yahoo!, AOL und das Microsoft Network (MSN) –, kassierten in diesem Jahr zusammen schätzungsweise vier Milliarden Dollar, mehr als die gesamte Plakatwerbung in Amerika einbringt. Der US-Bancorp-Analyst Safa Rashtchy sagt für die kommenden Jahre Wachstumsraten zwischen 30 und 50 Prozent voraus und gilt damit in Branchenkreisen noch als konservativ. Schließlich wachse die Zahl der Internet-Nutzer in aller Welt um 15 Prozent pro Jahr, und die Leute verbrächten immer mehr Zeit vor ihren Computerbildschirmen. Erst 1,9 Prozent der amerikanischen Warenverkäufe, aber bereits 13 Prozent der Mediennutzung entfallen auf das Internet. Offenbar ist eine kritische Masse erreicht, die selbst solche ECommerce-Anwendungen profitabel macht, die vor ein paar Jahren als Torheiten verlacht wurden: Das Internet-Auktionshaus eBay Motors ist zum größten Gebrauchtwagenhändler der USA aufgestiegen, und die Online-Supermarktkette Freshdirect zu einem der am schnellsten wachsenden Lebensmittelhändler – ausgerechnet in New York, der Stadt mit einem Deli-Markt an jeder Ecke.
„Das ist die wichtigste Entwicklung der Werbewelt seit zehn Jahren“, sagt Perry Marshall, Inhaber der gleichnamigen Werbeagentur in Chicago. Anders als bei der klassischen Werbung im Fernsehen oder in „Popup-Fenstern“ im Internet wollten nämlich überdurchschnittlich viele Leute die kleinen Textanzeigen bei Google und Co. wirklich sehen. Schließlich hätten sie nicht umsonst gerade „Reise Hamburg“ eingetippt oder „Hunde Manhattan“. „Der Großteil der Firmen, die wir beraten, hat genug Erfolg mit Adwords, um weiter an dem Programm teilzunehmen“, sagt Andrew Goodman, Geschäftsführer der Marketingfirma Page Zero Media.
Page Zero gehört zu einer wachsenden Branche, die in den vergangenen Jahren auf dem Rücken von Google ihre Geschäfte ausgeweitet hat: Sie berät Unternehmen, wie sie bei den Nutzern von Suchmaschinen die größte Aufmerksamkeit erreichen können. Die einen beraten bei der richtigen Wahl von Stichworten und Formulierung der Kleinanzeigen; andere versuchen, die Web-Seiten ihrer Kundschaft durch allerlei technische Kniffe in den „normalen“ und kostenlosen Suchergebnissen bei Google und Co. unterzubringen. Ein kniffliges Geschäft, weil Google das nicht gefällt.
Kein Unternehmen hat heute so viel Macht über den Cyberspace wie Google. Selbst eiserne Konkurrenten sprechen unter der Hand von der „Google-Kultur“ oder vom „Google-Paradigma“, das bunte Firmenlogo ist jedem Web-Surfer bekannt und zum Kultursymbol aufgestiegen. Kaum noch ein Single, der vor einem romantischen Treffen nicht seinen Partner in spe „gegoogelt“ hätte – und Ähnliches gilt für Geschäftspartner oder Bewerber um Jobs. Amerikanische Richter haben Angeklagte freigesprochen, weil sie entlastendes Material per Google fanden. Es gibt Google-Suchwettbewerbe und ganze Web-Seiten, die ausschließlich dem Lob oder Tadel („Ist Google böse?“) der Firma gewidmet sind. Google-Suchen begründen Ruhm und Schande, bauen Vermögen auf und nehmen sie wieder. Grund genug für die Aufregung an der Wall Street um den „Börsengang des Jahres“?
Die Geheimniskrämer. Am 30. April waren die Gerüchte vorbei. Schon ein paar Tage zuvor hatten Google-Sicherheitskräfte das neue Firmengelände penibel abgeschirmt. Selbst wenn Kameraleute vom Bürgersteig aus Fotos machen wollten, eilten Aufseher herbei; „Googler“ und etliche Google-Geschäftspartner wurden in scharf formulierten Rundschreiben angewiesen, kein Wort mit den Medien zu wechseln. Als die Geschäftsleitung dann per E-Mail zu einem Treffen in die Kantine einlud, „ließ jeder alles fallen und rannte, als sei die Pest ausgebrochen“, berichtet ein Augenzeuge. Die Vorhänge der dreistöckigen Kantinenfassade waren zugezogen, um von draußen alle Blicke auf die Firmengründer zu blockieren. Unter Beifallsschüben gaben sie die ersten Details des Börsengangs bekannt.
Seither dringt kaum ein Wort aus dem neuen Googleplex. Einige Investmentbankiers mussten unter Eid versprechen, niemals mit Journalisten über den Börsengang zu sprechen – und „viele der beteiligten Konsortialbanken wissen bis heute nicht mal über die Details ihrer Konditionen Bescheid“, erzählt einer der beteiligten Bankiers unter der Hand.
Im Silicon Valley ist diese Seite des Unternehmens wohl bekannt, das sich gern so locker gibt und sich dem freien Zugang zu Informationen verschrieben hat: Google gehört zu den größten Geheimniskrämern im Silicon Valley. In diesen Tagen hat die Verschwiegenheit damit zu tun, dass die amerikanische Wertpapieraufsicht es Firmen verbietet, allzu freigebig über einen bevorstehenden Börsengang zu reden. Doch „so verschwiegen wie Google hat es noch kaum jemand gehandhabt“, sagt ein Risikokapital-Experte in San Francisco. Die einen erklären sich die Verschwiegenheit mit dem Schutz technischer Geheimnisse, andere mit dem Temperament der Gründer, die als Idealisten bekannt sind, aber auch als Kontrollfreaks. In ihrem Brief an alle Aktionäre in spe, der dem Börsenprospekt vorangestellt ist, lehnen Page und Brin Rechenschaftspflichten gegenüber Investoren ab, weil „Google kein gewöhnliches Unternehmen“ sei. Sie schützen sich mit einer trickreichen Eignerstruktur vor Shareholder-Aktivisten und feindlichen Übernahmen. „An Arroganz kaum zu überbieten“, kommentiert der Branchenexperte John Battelle aus Berkeley. Zudem soll das vorgesehene Auktionsverfahren für die Google-Aktien (ZEIT Nr. 20/04) – ungewöhnlich für einen Börsengang dieser Größe – den Einfluss der Investmentbanken weitgehend ausschalten.
Stattdessen bleiben die Kontrolle des Unternehmens und die Wacht über seine Geheimnisse vor allem bei denen, die jetzt schon Anteile am Unternehmen besitzen. Den beiden Gründern gehört ein Drittel, dem Geschäftsführer Eric Schmidt gehören sechs Prozent, etliche wohlhabende Anleger von Henry Kissinger bis Arnold Schwarzenegger haben angeblich kleinere Aktienpakete erworben. 21 Prozent gehören zwei Risikokapitalgesellschaften, die als ebenso diskret gelten wie Google: Kleiner Perkins Caufield & Byers (KPCB) und Sequoia Capital, die zu den größten movers and shakers südlich von San Francisco zählen und schon Unternehmen wie Yahoo! oder Amazon groß gemacht haben.
Für KPCB und Sequoia könnte viel vom Google-Börsengang abhängen. In den Jahren nach dem Technologie-Crash sind Risikokapitalgesellschaften schwer gebeutelt worden: Am Markt fehlte das Kapital, um ihre Beteiligungen zu versilbern – die „Exit-Strategie“, wie es im Sprachgebrauch dieser Firmen heißt. Oder das, was der San Franciscoer Investmentbankier Bill Hambrecht einmal bösartig die Greater Fool Theory genannt hat: Man brauche einen noch größeren Dummkopf. Hambrecht gehört nun auch zu den Konsortialbankiers des Google-Börsengangs.
Spätestens seit dem vergangenen Herbst melden Venture-Capital-Fonds freilich, dass das Interesse an ihnen wieder steige – dass wohlhabende Anleger und Fonds sogar wieder einen hoffnungsfrohen Blick auf Internet-Firmen richteten. Berichten zufolge waren es KPCB und Sequoia, die die widerwilligen Partner Page und Brin zum Börsengang gedrängt hätten. Google könnte zum Symbol für die Branche werden – nur schief gehen darf da nichts.
Neue Konkurrenten. Die Firmenzentrale von Recommind ist in einem Lagerhaus am Stadtrand von Berkeley untergebracht. Gleich links am Eingang steht einer dieser Roller, auf denen auch die Google-Gründer gelegentlich über ihre Firmenflure flitzen. Doch das ist Zufall, beteuert der Mitgründer und Verkaufschef Derek Schueren. Obwohl er der Konkurrenz aus Mountain View durchaus viel abgewinnen kann. „Die große Begeisterung für Google hat auch das Interesse an unserer Firma erheblich gesteigert“, sagt er.
Im spartanisch eingerichteten Besprechungszimmer führt Schueren an seinem Laptop vor, womit seine Firma bereits eine Hand voll namhafter Kunden gewonnen hat, von Bertelsmann bis zu internationalen Anwaltskanzleien: eine neuartige Suchmaschine. Eine, die man auf den ersten Blick als viel besser erkennt als die von Google, Yahoo! oder anderen großen Anbietern. Recommind beherrscht nämlich einen Trick, den sich mancher Nutzer von Suchmaschinen schon immer gewünscht hat: Das System versteht den Inhalt der Seiten. Wenn man „Java“ eintippt, kommen die Suchergebnisse säuberlich gegliedert zurück: Web-Seiten zum Thema Java-Kaffeebohnen, zu einer Programmiersprache namens Java und zum indonesischen Inselparadies.
Diese Technik ist noch lange nicht reif für das große, weite Internet: Dort würde sie heutige Computer überlasten. Doch Recommind gehört zu einer wachsenden Zahl von Unternehmen, die den Kampf gegen die Informationsüberflutung mit neuartigen Methoden angehen, und sie werden dabei von Risikokapitalgesellschaften mit Milliarden unterstützt. Einige bemühen sogar Psychologen, um die meist lakonischen Suchanfragen besser zu verstehen. So lernt das Unternehmen seine Benutzer im Lauf der Zeit kennen, um im Anschluss die Suchergebnisse zu personalisieren: Ein Hobbyastronom bekommt dann auf der Suche nach „Mars“ Ergebnisse über den Planeten, nicht über den Schokoriegel. Die neuen Unternehmen durchforsten Dateien, die Bilder, gesprochenes Wort oder Musik enthalten. Sie verfeinern die Suche vor Ort, sodass „Wasserrohrbruch“ die Adresse des örtlichen Klempners liefert.
Etliche Firmen, unter ihnen Microsoft, wollen die Grenzen zwischen Daten im Internet und denen auf dem heimischen Computer durchbrechen: Ihre Systeme durchforsten bei einer Suche auch die eigenen E-Mails und Dokumente. Viele hoffen darauf, eines Tages Google von seinem Thron zu stoßen, so wie es Google Ende der neunziger Jahre mit dem damaligen Favoriten AltaVista gelang.
Unter den großen Suchmaschinen-Betreibern – wie Google, Yahoo! und MSN – ist freilich noch ein ganz anderer Wettlauf ausgebrochen: ein Ringen um eigene, exklusive Inhalte und personalisierte Suchergebnisse. Damit wollen die Unternehmen ihre Kundschaft dauerhaft binden. Wer etwa bei Yahoo! wissen will, ob es regnen oder stürmen wird, bekommt die Antwort vom Yahoo!-Wetterdienst, wer seinen Weg sucht, dem weisen Yahoo!-Karten die Richtung, und immer häufiger leiten Suchmaschinen ihre Nutzer in konzerneigene Online-Shops.
Ende Mai lud der Yahoo!-Geschäftsführer Terry Semel Bankanalysten zu einem eintätigen Briefing ein und war das allgemeine Google-Fieber offensichtlich leid. Erst mussten sich die Besucher das Frank-Sinatra-Lied The Best Is Yet to Come anhören und dann die ehrgeizigen Pläne Semels. Nach den exklusiven Diensten sei die „Personalisierung“ der Schlüssel zum Erfolg: Bei Yahoo! können Benutzer ihre E-Mails speichern, Fotos entwickeln lassen, einkaufen, Finanzen verwalten, chatten, Reisen buchen, Nachrichten abrufen und eine Fülle mehr. Weil das Unternehmen (Jahresumsatz 2004: 1,6 Milliarden Dollar) diese Daten sammelt, könne es ihnen auch passendere Suchergebnisse liefern und gezieltere Werbung vorsetzen, so Semel. Google hinkt da weit hinterher und will vor allem auf hausgemachte Erfindungen setzen. Dabei geriet jedoch gerade der jüngst angekündigte E-Mail-Dienst namens Gmail zum Flop, weil die Firma auch in den E-Mails ihrer Kunden passgenaue Werbung schalten wollte und damit einen Entrüstungssturm auslöste.
Derweil will Microsoft mit einer eigenen Suchmaschine angreifen, die in das Betriebssystem Windows eingebaut werden soll – und Google damit überflüssig machen. Auch Mobiltelefone, Autoradios, Taschenplaner und Fernbedienungen für Fernseher sollen immer häufiger Suchmaschinen enthalten – doch die Hersteller solcher Geräte könnten auf eigene Lösungen setzen statt auf Google und Co. „Die beste Suchmaschine zu sein ist keine sehr stabile Angelegenheit“, sagt Tara Calishan, eine Branchenexpertin und Autorin des Buches Google Hacks.
Der Tempowechsel. Vor diesem Hintergrund fragen sich einige Kenner der Netzwirtschaft, ob Google seine besten Zeiten schon hinter sich hat. Denn 96 Prozent der Google-Umsätze kamen zuletzt aus der Werbung. Ökonomisch betrachtet, ist Google nichts als eine gewaltige Plattform für Online-Werbung und muss daher alles darauf setzen, dass es bei Surfern in Mode bleibt.
„Die größte Überraschung im Google-Börsenprospekt“, sagt der Risikokapitalexperte Gordon Smith von der Universität Wisconsin, „ist die Abwesenheit eines Wachstumsszenarios. Das fehlt einfach.“ Allerdings hat Google nach seinem Börsengang viel Kapital für Firmenkäufe zur Verfügung. „Google kann ein gewaltiges Medienunternehmen werden wie Time Warner“, spekuliert denn auch Allen Weiner, Internet-Experte bei der Analysefirma Gartner – und so reden heute viele von Google oder seinem Konkurrenten Yahoo! Es würde heißen, dass die ehemaligen Startups endgültig zu großen Medienkonzenen werden, die durch Werbung ihr Geld verdienen, die sich in einem reifenden Markt positionieren und die sich eher durch massive Investitionen und Fusionen vergrößern als durch die Kreativität und die schrägen Ideen ihrer Mitarbeiter.
In jedem Fall neigen sich wohl die Zeiten des stürmischen Wachstums dem Ende zu. Im Börsenprospekt von Google gibt es nämlich durchaus eine Prognose: Künftig würden die Gewinne langsamer wachsen. Google, dieses gigantische Ein-Produkt-Unternehmen, will also ein Big-Business-Unternehmen mit bedächtiger Gangart werden. Damit könnte freilich auch die neue Internet-Euphorie bald wieder in Ernüchterung umschlagen.
Das hatten wir ja schon einmal.
- Datum 09.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2004 Nr.25
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